Jazz-Familie Münster

Eric Schaefer © Peter E. Rytz 2018

Jazz in Münster ist mit dem Initiator und Programmmacher Fritz Schmücker seit Jahrzehnte eine feste Größe. Mit nach wie vor beeindruckend jugendlich frischem Esprit steht er am Mikrofon auf der Bühne des Theaters Münster und informiert über das Programm von Jazz Inbetween 2018. Weder nüchtern, noch sachlich kühl distanziert, sondern mit einer tief empfundenen Überzeu­gungskraft für den Jazz in seinen unterschiedlichen Facetten.

Jazz Festival Münster funktioniert auch alternierend im jährlichen Wechsel mit seinem Kleinformat von Inbetween. Das Wort von der Jazz-Familie in Münster, die sich mit dem ersten größeren Jazz Festival im Jahreskalender am ersten Wochenende im Januar versammelt und damit die Jazz-Konzertsaison eröffnet, kommt Schmücker nicht leichtfertig über die Lippen. Zuviel apostrophierte Nähe im Angesicht eines nur auf eine bestimmte Zeit versammelten Konzert­publikums könnte auch missverstanden werden.

Nicht so am 7. Januar 2018. Wenn Schmücker liebevoll engagiert davon er­zählt, wie sich das Programm über Monate entwickelt hat und seine Erzählung mit persönlichen Geschichten ergänzt, wie teilweise über Jahre mit den ihm wichtigen Musikern eine Ideengemeinschaft entstanden ist, spürt man, wie sich zwischen ihm und den Jazz-Fans eine grundehrliche Resonanz einstellt.  

Verschiedene stilistische Entwicklung vorzustellen, ist seine konzeptionelle Ori­entierung, die nichts Programmatisches verspricht, sondern musikalische Diffe­renz mit kreativem Surplus zu Gehör bringt.

Inbetween 2018 vereint unterschiedliche Klangfarben zu einem amditionierten Hör- und nicht zuletzt auch zu einem optisch viellfältigen Seh-Erlebnis. Eric Schaefers Projekt Ticket to Osaka überzeugt mit einem japanisch inspirierten, kontemplativ balladesken Sound, wie Mopo mit Punk-beeinflussten, mitunter auch lyrisch gestimmten Klangkaskaden für einen jazzigen Spaßfaktor steht. Dass daneben mit Vadim Neselovskyi auch eine Mischung von Jazzimprovisati­on und klassischem Understatement einen Platz hat, spricht für den Programm-Spirit.

Wie Eric Schaefer und die Pianistin Ulrike Haage während eines mehrmonati­gen Aufenthalts in Japan beim Wandern durch die Landschaft bei Osaka und von der Atmosphäre der buddhistischen Refugien spirituell und musikalisch in­spiriert worden sind, ist bei ihrem Konzert Ticket to Osaka mit jedem Ton zu hören. Sie weben Klangteppiche mit ähnlich reduzierter Eleganz wie sie in der traditionellen japanischen Gedichtform Haiku zum Ausdruck kommt.

Von den Eckpunkten Klavier und Drum-Set aus verifizieren Haage und Schae­fer Klangmuster, die von Schaefers langjährigem Sideman am Bass, Oliver Potratz sowie dem japanischen Klangmagier Kazutoki Umezu auf der Klarinette und der Bass-Klarinette motivisch in Arabesken moduliert werden. Es ist ein Austausch von Ideen und Erfahrungen auf Augenhöhe, der einen meditativen Groove formt. Ticket to Osaka entwirft Bilder wie ein magisches Mandala in Musik. Man möchte umgehend selbst ein Ticket nach Osaka lösen.

Mopo signieren dagegen einen Sound – von einigen Kritikern als Finnland-Jazz bezeichnet -, der sich allerdings wenig um Zuschreibungen kümmert. Straight ahead spielen sie glaubhaft, angeführt von dem pulsenden R&B-Energiezentrum der Baritonsaxofonistin Linda Fredriksson, was ihnen für den Moment einfach Spaß macht. Mit quietschenden  Spielzeug sowie mit ebenso seltsamen erzeugten Töne mittels ihrer ungewöhnlich benutzten Instrumente bügeln sie im Song Opas Moped Opas Lachfalten glatt.

Frech, frisch, unbekümmert atmet Fredriksson geradezu respektlos rabiates Spiel in energetischen Stoßwellen. Sie beatmen den Bass von Eero Tikkanen mit zyklischen Luftzufuhren, die Eeti Nieminens Drum-Set vorwärts treiben. In Mopo vereinen sich Rhythmus, Klang und Lebenslust der Generation Ü-30, die die Ü-60-Mehrheit im Theater nicht kalt lässt.

Der Pianist Vadim Neselovskyi löst ein vielfach nur vollmundiges Versprechen von Klassik und Jazz mit emphatischer Synthese ein. Er improvisiert klassisch gedachte Motive zu einem Ganzkörpererlebnis. Jeder Anschlag geriert sich un­ter  Neselovskyis Händen zu einer Performance von Klang und Körperbewe­gung. Wiewohl nach Gestus und Anmutung das Zitat Keith Jarrett nah legt, mischt Neselovskyi seinen Klang mit einer erdigen Farbpalette, die sowohl die weiten Horizonte seiner ukrainischen Heimat mit den lichtdurchfluten Land­schaften des amerikanischen Südens sowie mit der aseptischen Hochhausarchitektur New Yorks zu einer eigen geprägten, unverwechselbaren Klangfarbigkeit.

Er ist das inspirierende Kraftzentrum in einem Trio, das ukrainische mit ameri­kanischen und israelischen Sozial- und Musikerfahrungen zu extraordinären Klangfarben verbindet. Erste, mögliche Eindrücke, Bassist Dan Loomis und Ro­nen Itzik am Schlagzeug seien nur eine beiläufige Stützstruktur für Neselovs­kyis enigmatisch triumphierendes Spiel, verflüchtigen sich schnell. Loomis mo­duliert mit viel Gespür für dynamische Zäsuren zusammen mit dem teilweise unauffällig anmutenden, aber im nächsten Moment hellwachen, feinsinnig kraftvollen Schlagzeug-Drive von Itzik motivische Akzente, die als Trio einen schillernden Neselovskyi-Klangkosmos schaffen.

Draußen, fünf Stunden Fine Jazz noch im Ohr, wenige Meter vom Theater ent­fernt, die menschenleere Einsamkeit einer Stadt, die nichts weiß von dem Jungbrunnen Jazz. Gut das es eine Jazz-Familie Münster gibt.

10.01.2018
photo streaming Eric Schaefer Quartet
photo streaming Mopo
photo streaming Vadim Neselovskyi Trio

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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