Adam Fischer lässt es krachen

© Susanne Diesner 2018

Das erste Sternzeichenkonzert 2018 in der Tonhalle Düsseldorf beginnt mit ei­ner Hommage. Dass Adam Fischer ein bekennender Haydn-Überzeugungstäter ist, beweist er mit der Symphonie D-Dur Nr. 104 wieder einmal eindrucksvoll. Seine Einschätzung, dass Haydn bis heute von der Kritik zu Unrecht stiefmüt­terlich in der Wertschätzung innerhalb der Wiener Klassik behandelt wird, zeigt seine luzide Interpretation. Fischers Dirigat macht den synthetischen Aufbau der 104. Sinfonie mit ihren stilistisch ausbalancierten Proportionen deutlich hörbar. 

Vom ersten Moment an steht ihm die Freude ins Gesicht geschrieben, die ihm Haydns Musik bereitet. Man glaubt zu spüren, wie ihn das Glück überwältigt, ohne dass es ihn in einer hohlen Heldenverehrung bannt. Ihm gelingt mit der durch Generalpausen apostrophierten Leere ein assoziative Kraft, die die musi­kalische Vielfalt mit der Kunst der Lücke ins Fließen bringt. Er lässt es, getra­gen von einer präzis intonierenden Pauke, tüchtig knallen.

Schon nach dem Adagio signalisiert Fischer dem Orchester mit erhobenem Daumen und einem Lächeln seine Zustimmung. Mit tänzerischen Arabesken, die etwas koboldhaft Verschmitztes haben, motiviert er das Orchester zu einem Haydn-Einverständnis. Das Lächeln, das immer wieder über einzelne Gesichter der Musiker huscht, ist ein empathisch zustimmendes.

Das volksliedhafte Hauptthema sprudelt mit seiner temperamentvollen Farbig­keit bis ins Finale: Spirituoso. Mit einem festlich triumphierenden D-Dur legt Fischer mit den Düsseldorfer Symphonikern nach berauschend schöner Fahrt durch Haydns sinfonische Landschaft im Heimathafen Tonhalle Düsseldorf an.

Nach der Pause setzt das Konzertprogramm mit Das Lied von der Erde von Gustav Mahler mit einem konzertanten Format fort, das für ein furioses, aber auch leidvolles Finale von Mahlers Schaffen programmatisch steht. Der voll­ständige Titel der Komposition – Eine Sinfonie für eine Tenor- und eine Alt-Stimme und Orchester – deutet eine kompositorisches Interim, eine klassifika­torische Mischform an.

Mahlers Komposition nach einer unter Philologen umstrittenen Übersetzung aus Die chinesiche Flöte, einer Gedichtsammlung der chinesischen Tang-Dynastie aus dem 8. Jahrhundert, die zur Zeit des Jugendstil im frühen 20. Jahrhundert einer weit verbreiteten Asiatica-Mode folgte, wuchs sich unter  des Komponis­ten Hand  zu sinfonischer Größe aus.

Das Lied von der Erde ist eine ins Sinfonische verdichtete Liedform, die für Mahler zu einer wichtigen Erfahrung für weitere instrumentale Sinfonien wer­den sollte. Die opulente Komposition streift Grenzen des Atonalen, rückversi­chert  sich aber mit Celesta und Mandoline der Wiener Klassik.

Überliefert ist die Anekdote, dass Mahler dem Dirigenten der Uraufführung 1911, Bruno Walter, sein Manuskript mit der Frage übergeben haben soll: Ist das alles nicht viel zu tragisch? Kann man das eigentlich dirigieren?  Adam Fi­scher, vom leitenden Dramaturgen Uwe Sommer-Sorgente im Startalk in die­sem Sinne gefragt, antwortet spontan mit einem klar Ja: Die Schwierigkeit be­steht für mich darin, trotz der technischen Herausforderungen nicht die akusti­sche Übersicht zwischen Solist und Orchester zu verlieren.

Das ist, wie Fischer überzeugend im Konzert beweist, kein leichtfertig dahin gesagtes Lippenbekenntnis. Es würde auch nicht zu ihm als einem scharf ana­lysierenden, gleichwohl feinsinnig argumentierenden Konstrukteur als Dirigent passen. Er folgt der koloristischen Instrumentation mit viel Gefühl für die linea­re Differenz der Komposition.

Die sinfonische Struktur fügt sich, folgt man ihrer traditionellen Form, aus dem ersten Lied Das Trinklied vom Jammer der Erde als Sonaten-Kopfsatz, aus dem zweiten Lied Der Einsame im Herbst als Adagio sowie aus den folgenden Lie­dern drei bis fünf als Scherzo zu einer Sonatenform zusammen. Dabei weitet sich das sechste und letzte, breit aufgefächerte Lied Der Abschied zu einem monumentalen, finalen Adagio in schmerzvoller Schönheit.

Fischer hat mit Anna Larsson und Stuart Skelton zwei kongeniale Solisten an seiner Seite, die ihn auch gleichzeitig fordern und herausfordern, die Balance zwischen ihnen und dem Orchester ausgewogen zu gestalten. Fischer verbindet eine weitgehend kammermusikalische Klangfarbigkeit des großen Orchesters mit den kantablen Linien von Larsson und Skelton zu Erzählungen mit lyri­schem Esprit.

Changierend zwischen Endzeitstimmung – Dunkel ist das Leben, ist der Tod (Das Trinklied vom Jammer der Erde) – und Lebensbejahung – Freunde, schön gekleidet, trinken, plaudern (Von der Jugend) – breiten sich assoziativ an zen-buddhistsiche Meditationen erinnernde Klänge in der Tonhalle aus. 

Markante Orchestertutti öffnen Klangräume, die wechselnd von Oboe, Englisch Horn und Querflöte, erweitert durch Fagott und Harfen sowie vom Blech und den Streichinstrumenten farbig koloriert werden. Sie setzten solistische Akzen­te mit narrativem Verve.

Kontra-Fagott und Bassposaune malen insbesondere in dem sinfonischen Inter­mezzo von Der Abschied einen sonor vom Bass gesättigten, geheimnisvoll tö­nenden Hintergrund aus. Eingeleitet durch die himmlische Apotheose O Schön­heit! O ewiges Liebens, Leben’s trunk’ne Welt, verhaucht er in schmerzvoller Schönheit in einem mehrfach wiederholten, im Pianissimo schließlich fast un­hörbar versinkendem Ewig.

Anna Larssons mezzosopran gefärbter Alt besticht nicht nur in ihrer Interpreta­tion von Der Abschied mit gefühlvollen Lyrismen. In Von der Schönheit setzt sie mit dezidiertem Pianissimo poetische Akzente, die mit dem Orchester zu ei­nem sinfonischem Sentiment verschmelzen.

Die beeindruckende Tenorfarbe scheint Stuart Skelton aus den Tiefen seiner Körperfülle wie aus einem riesigen Tonarsenal zu schöpfen. Sie füllt den Raum im Trinklied ebenso mühelos mit glühendem Espressivo aus, wie im Lied Von der Jugend sein Tenor tänzerisch dem Kunstgesang einen Kranz bindet.

Gepflegte Klangschönheit von Larsson und Skelton, verbunden mit den von Maestro Fischer zu einem  Düsseldorfer Mahler-Klang geleiteten Symphoni­kern,  haben für den laufenden Mahler-Zyklus Maßstäbe gesetzt .

14.01.2018

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