Hinter der Maske versus vor der Maske

Günter Firit, Selbstzerstörung, 1987 Photo: Frank Strassmann

Mitunter werden Kunstausstellungen wie ein Hochsicherheitstrakt bewacht. Mehr Security als Besucher – das kann schon mal vorkommen. Dass der schrei­bende Journalist allerdings durch eben dieses Personal unverhältnismäßig diszi­pliniert wird, sollte eigentlich keine Security-Aufgabe sein. Tut es aber im Mu­seum Barberini Potsdam in der Ausstellung Hinter der Maske – Künstler in der DDR (noch bis 2. Februar 2018). Mit rigidem Subordinationston – Kugelschrei­ber sind hier verboten! – wird er nicht nur aufgefordert, sein Schreibmittel aus­zutauschen, sondern mit einer nachgereichten, anmaßenden Begründung – Ein herabfallender Kugelschreiber kann den Fußboden beschädigen – im Museum Barberini auf eine vollkommen unangmessene Weise zur Ordnung gerufen.

Dass Hinter der Maske, hinter der sich – so die kuratorische Leitidee der Aus­stellung – viele bildende Künstler in der DDR zu verstecken hatten, sich zuerst einmal die angeheuerte Security hinter einer Maske zu verstecken scheint, ver­blüfft unangenehm. Dass sich dahinter eine Echtzeit-Performance von Tino Seghal verbergen könnte, ist höchst unwahrscheinlich. Um so dringender er­scheint es, in dieser Ausstellung besonders aufmerksam zu sehen und zu hö­ren.

Der Begriff der Maske geht auf das arabische Wort Maskharat zurück.Er be­schreibt ein Spiel von Verstecken und Täuschen. In der bildenden Kunst ist die Maske ein über die Jahrhunderte verwendetes Stilmittel und Motiv. Spielerisch, ironisch oder symbolisch als Gesichtsmaske oder als maskierter Körper ver­wendet, ist sie vor allem Ausdruck einer künstlerischen Selbstbehauptung. Die Maske markiert eine Grenzlinie von Schein und Sein, so wie mythologische Zi­tate und ikonografische Verschlüssungen gleichzeitig für ihre Demaskierung es­sentiell sind.

Selbst wenn, wie im Katalog formuliert, für Intellektuelle oder Kulturschaffende Maskierung ein Instrument des Überlebens war und dieser Tatbestand ernste Stilmittel wahlweise der Anpassung und Anbiederung, der Camouflage, der Auflehnung, sogar des Selbstbetrugs und paradoxerweise der Enthüllung wa­ren, ist in den Arbeiten, die während der Existenz der DDR bis 1989 geschaffen wurden, ein besonderes Phänomen von Kreativität festzustellen. Trotz oder vielleicht sogar wegen totalitärer Bürokratie und ideologischer Vorgaben be­hauptete sich ein kreativer Eigensinn nach außen und nach innen.

Die im Kontext der Ausstellung in diesem Zusammenhang verwendete Bezeich­nung Stockholm-Syndrom verrät allerdings mehr Sinn für das spektakulär Lau­te als für das empathische Leise. Unabhängig von Zeit und Ort in der Historie ist es für jede künstlerische Perönlichkeit originär, ein Werk nach eigenen äs­thetischen Vorstellungen zu schaffen.

Nimmt man beim Ausstellungsrundgang Unterwegs (1976) von Dieter Weiden­bach und Mann mit Maske – Gesichtzeigen (1981) von Wolfgang Mattheuer als Fixpunkte der Erzählung Hinter der Maske, ergänzen sie sich zu einem schil­lernd bunten sowie radikal apotheotischen Bild von Wanderschaft und Ankunft. Wie ein roter Faden zieht sich diese metaphorische Facette, vom Bildnis des Malers Fritz Tröger (1957) von Rudolf Nehmer (Hans Grundigs Selbstbildnis von 1946 ist noch ein Werk der Vor-DDR-Zeit und soll hier unberücksichtigt bleiben) bis Mattheuers programmtischem Gesichtzeigen, mehr oder weniger durch alle  ausgestellten Werke

Weidenbach beschreibt, Hieronymus Boschs Malerei vom Beginn des 16. Jahr­hunderts Der Landstreicher (Der verlorene Sohn) reflektierend, seine Suche nach dem Selbst als Wanderer. Auf einem eigenen Weg zu beharren und ihn in Form eines Textes, einer Komposition oder eines Bildes zum Ausdruck zu brin­gen, ist eine Haltung, ein Akt des Handelns, der der Kunst wesentlich imma­nent ist. Konsequent und beharrlich sowohl mit subjektiver als auch mit obses­siver Bezüglichkeit einen Weg zu gehen, der im künstlerischen Ringen um eine adäquate Ausdrucksform das Selbst permanent immer wieder in Frage stellt, ist eine Grundkonstante, authetisch und überzeugend in der Kunst zu sein. Hinter und vor der Maske.

Maßstab für ihre künstlerisch nachhaltige Werthaltigkeit sind Momente von Au­thentizität und Luzidität. Die Pieta (1987) von Andreas Wachter ist, so gese­hen,  ein memento mori der Trauer über den Tod seiner Frau wie auch Aus­druck einer 1987 im Nachhinein hellsichtig anmutenden Hoffnungslosigkeit – Selbst und Gesellschaft gestrandet an einem Ufer ohne Zukunftshorizont.  

Hinter der Maske findet im Seiltänzer (1984) von Trak Wendisch einen meta­phorischen Ausdruck für das Leben in einer Gesellschaft, in der es irgendwie immer auch um eine Balance geht, das Eigene gegen das Unsichere, das Schwankende mit einer lustvollen Vagheit zu behaupten. Vernunft ist eine hu­manistische Denk-Kategorie, die nach Alexander Kluge ein unbrechenbares Ba­lance-Tier ist (Kluges kluges Pluriversum vom 28.11.2017, hier veröffentlicht).

Dass der Seiltänzer das Corporate Design der Ausstellung bestimmt, zeigt sei­nen Indentifikationswert, den ihm die Kuratoren Valerie Hortolani und Michael Philipp beimessen. Das Spannungsverhältnis zwischen ideologischer Indoktri­nation eines Künstler, die sogenannte sozialistische Gesellschaft mitzugestal­ten, und seinem Selbstverständnis als unabhängiger Künstler reicht in der Aus­tellung von frühen Maskierungen – Maskiertes Selbstbildnis (1953) von Theo­dor Rosenhauer oder Kopf mit Maske (1964) von Theo Balden – sowie maskier­ten Selbstinszenierungen der 1980ger Jahre – Ich halte doch nicht die Luft an, Selbstinszenierung in Hüpstedt (1982) von Cornelia Schleime oder Selbst mit Flügeln (1987/88) von Angela Hampel – bis zum Motiv des Januskopfes (Ha­rald Metzkes, 1977) und dem der griechischen Mythologie entlehnten Kopf der Medusa als Das zweite Gesicht (Wolfgang Mattheuer, 1970).

Am Ende des Ausstellungsrundgangs, vor Der Artist ist tot (1988) von Sabine Herrmann stehend, offenbart sich, dass auch eine Maske nicht auf Dauer hilft, das Eigene wehrhaft zu behaupten. Sie ist letztlich Selbstzerstörung auf Raten (Selbstzerstörung, 1987 von Günter Firit).

Außer, eine überambitionierte Security versteckt sich hinter einer scheinheili­gen Sicherheitsmaske, als könnte eine Freiheit ohne Maske nur mit ihr gewähr­leistet werden.

15.01.2017

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Über Peter E. Rytz Review

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