Identitäten im Strukturwandel

Claire Partington, The Dance, 2014 (Ausschnitt) © Peter E. Rytz 2017

Doing identity, wie geht das? Wie bildet sich Identität? Kann man sie einfach so planen und konstruieren, als würde man ein Haus bauen? Fragen, welche die gleichnamige Ausstellung im Kunstmuseum Bochum in den Fokus rückt und damit etwas wagt, das Zukunft verspricht.

Jenseits von Ausstellungen, die vielfach  Werke als Bestandteil des anerkann­ten Kanons der Kunstgeschichte präsentieren, geht man in Bochum einen muti­gen Schritt ins Ungewisse. Die Sammlung Reydan Weiss fordert mit dem Aus­stellungstitel Doing identity den Ausstellungsbesucher unmittelbar auf, mehr oder weniger ohne Netz und doppelten Boden in der Ausstellung identitätsstif­tende Referenzpunkte zu finden. Will sagen, ohne Verlass auf kunstkritisch un­eingeschränkte, belastbare Positionen sich als Person selbst zur Disposition zu stellen. Es ist ein Abenteuer, Bekanntes neben Unbekanntem zu sehen und wahrzunehmen, das noch bis zum 4. Februar 2018 möglich ist.

Doing identity reflektiert mit einer für das Ruhrgebiet konstitutive  Samm­lungshaltung. Mit dieser Idee folgt doing identity Karl Ernst Osthaus‘ Samm­lungsprogrammatik zu Beginn des 20. Jahrhundert, zeitgenössische Kunst und außereuropäische Kulturartefakte zusammen zu führen, um sie als kulturellen Identitätsanker für ein damals mehr oder weniger traditionsloses Ruhrgebiet öffentlich zu protegieren.

100 Jahre später befindet sich das Ruhrgebiet nicht nur im anhaltenden Struk­turwandel von einer montanbestimmten Region mit über Generationen gelebter Bergarbeiter-Identität hin zu einer sogenannten Kulturregion. Parallel verän­dern die sozialen Medien mit ihren digitalen Netzwerken, wie überall in der Welt, auch im Ruhrgebiet tradierte Identitätsmuster. Kunstmuseen sind in die­sem Transformationsprozess herausgefordert, mit Ausstellungen von Kunstwer­ken des 20. Und 21. Jahrhunderts in den jeweiligen Stadtgesellschaften einen Beitrag zur ästhetischen Mündigkeit zu leisten, wie Hans Günter Golinski, Di­rektor des Kunstmuseums Bochum, im Katalog zur Ausstellung anspruchsvoll und gleichermaßen selbstbewußt formuliert.

Mit dem Kunstmuseum Bochum, dem Sammler Reydan Weiss und dem Kultur­historischen Institut der Universität Bonn haben sich zusammen mit den dafür verantwortlichen Personen einer öffentlichen Praxis von Ausstellen und Lehre,  Dr. Hans Günter Golinski sowie Prof. Dr. Anne-Marie Bonnet konstruktive und kreative Kommunikatoren zusammen gefunden, die Fragen nach der Identität in einer globalen Welt im Dialog mit zeitgenössischen Kunstwerken, die mehr­heitlich nicht Mainstream sind, zu beantworten suchen.

Das Kunstmuseum Bochum leistet dabei ausstellungsdidaktisch und –praktisch eine nicht hoch genug einzuschätzende Pionierarbeit. Es hat mit einem bemer­kenswerten  Vertrauensvorschuss an Anne-Marie Bonnet durch  ein von Micha­el Stockausen geleiteten Kuratorenteam von Studierenden (Inke Maria Hah­nen, Isabel Neuendorf, Layla Pankratz, Jonas Wagner) am Kulturhistorischen Institut der Universität Bonn eine Carte blanche vergeben.

Da die Sammlung Reydan Weiss mit einem sehr eigenen Blick zu großen Teilen aus Werken besteht, die spielerisch abstrakt im Kontext des Zeitgenössischen die Welt abbilden, wäre die kuratorische Herausforderung selbst für gestande­ne Ausstellungsmacher hoch. In Verbindung mit dem zweiten Sammlungs­schwerpunkt in der Art einer herzoglichen Wunderkammer verbin­den sich Darstellungspositonen der bildenden Kunst mit dem Interesse an Zeugnissen außereuropäischer Kulturen. Das Bochumer Experiment überzeugt und bestätigt mal wieder: Wer wagt, gewinnt.

© Peter E. Rytz 2017

Vor dem Eingang in den oberen Ausstellungssaal leuchtet in Neonschrift Please God Make Tomorrow Better, ein Werk des Pariser Künstlerkollektivs Claire Fon­taine von 2008 eine Hoffnung aus, die wie ein Credo die Ausstellung überwölbt. Dass sie dem Besucher bei der Ausleuchtung seiner eigenen Indentität hilfreich sein könnte, sollte angesichts der mit jugendlichem Esprit eingerichteten Aus­stellung vielfach eingelöst werden.

17.01.2018
photo streaming doing idenity

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Über Peter E. Rytz Review

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