Allein die Musik – Sir Schiff auf Augenhöhe mit der Capella

András Schiff ,Luzern, den 24.11.2010
Copyright: Priska Ketterer/ LUCERNE FESTIVAL

Das Konzerthaus Dortmund liegt als Klassik-Solitär im Brückstraßenviertel in­mitten des Zentrums der Stadt. Umsäumt von Dönerbuden und Billigläden, be­gegnet dem Besucher auf dem Weg ins Konzerthaus normalerweise das prall bunte, hektisch laute Leben einer Großstadt jenseits klassischer Musikbeflis­senheit. 

Nicht so an diesem feucht nassen Sonntagnachmittag. Wenig Publikum auf der Suche nach Vergnügungen der anderen Art auf der Brückstraße. Die Konzert­besucher  haben einmal die Straße fast für sich allein. Der Leitspruch des Kon­zerthauses für die Saison 2017/18 So Klingt nur Dortmund ist an diesem Tag tatsächlich ohne Konkurrenz. Kein Wechsel der Geräuschkulisse á la Berlin – Sinfonie einer Großstadt (Walter Ruttmann, 1927) vor der Tür und den kam­mermusikalischen Schönklängen der Cappella Andrea Barca hinter der Tür.

Das Konzertprogramm ist unter dem anspruchsvollen Thema Musikalische Er­forschungen in c-moll konzipiert, wie das Programmheft ankündigt. Diese Grundtonart ist das verbindende Element, das András Schiff mit seiner Cappel­la Andrea Barca und der Pianistin Schaghajegh Nosrati –  einen unterschwelli­gen musikpädagogischen Bildungsanspruch vertretend – mit perfektem Gestal­tungsausdruck präsentiert.

Mit Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadeus Mozart spannt das Pro­gramm einen c-moll zentrierten Bogen über zwei Generationen. Bach gilt vielen als Pionier der Orchestermusik in ihrer vollendeten Verbindung von Orchester- und Kammermusik. Alle ihm nachfolgenden Komponisten haben von ihm ge­lernt. Mozart war, wie viele andere Komponisten, von Bachs absoluter Beherr­schung von Polyphonie und Harmonie angezogen und in seinem Schaffen be­einflusst.

Das Dortmunder Konzert setzt mit Konzert für zwei Klaviere c-moll BWV 1060 (original für 2 Cembali) und Konzert für zwei Klaviere c-moll BWV 1062 von Bach Eckpunkte, die im ersten Teil vor der Pause die Bläserserenade c-moll KV 388 von Mozart kontrastiert.

Während Bachs Kompositionen, von Echo-Einwürfen moduliert, eindringlich musikalisch geschlossen klingen, bleibt die Bläserserenade merkwürdig blass und uninspiriert. Im Kontrast zu den motivisch konsequent durchkomponierten Bachschen Klavierkonzerten, seinen durchscheinenden Klangfarben, die von in­nen nach außen zu leuchten scheinen, wird Mozart mit der Bläserserenade auf eine c-moll-Gemeinsamkeit reduziert. In der Programmfolge steht sie wie ein Fremdkörper.

Bei Bach schwebt die viel gelobte, fast intime Selbstverständlichkeit klang­schön im Raum. Die Capella nimmt die sparsamen gestischen Andeutungen von Schiff in vertrauensvoller Harmonie auf und schafft einen himmlisch klin­genden Kosmos. Es ist, als würde die Capella an Schiffs musikalische Batterie auf geheimnisvolle Weise angeschlossen sein. Der Klang ist das Ergebnis einer über Jahre gewachsenen, homogen atmenden Musiziergemeinschaft.

Schiff geht es in seinem musikalischen Selbstverständnis vor allem darum, Mu­sik konzentriert zu hören. Andras Schiff hält nicht die schillernde Persönlichkeit des Dirigenten für wesentlich, sondern das Bestreben, einen der Komposition immanenten Klang darzubieten.

Nicht zuletzt deshalb hat Schiff mit der Cappella Andrea Barca ein Kammeror­chester mit Musikern auf Augenhöhe gegründet, die mit ihm gemeinsam emp­fundene Hörerlebnisse schaffen. Insofern könnte die im Programmheft formu­lierte Zuschreibung – Sir András Schiff, Klavier und Leitung – als kontrafakti­sche Irritation missverstanden werden. András Schiff ist der geadelte, aber gänzlich unprätentiöse Sir im Dienst der Musik mit den Musikern der Capella.

Zwischen den Klavierkonzerten bleiben die Musiker auf der Bühne und lauschen gemeinsam mit dem Konzertpublikum der Bläserserenade nach. Es wirkt wie das Sinnbild einer Gemeinschaft, die sich zu ihr über das Musizieren hinaus be­kennt.

Nach der Pause gibt Schiff ein Lehrstück, wie Bach, Meister der Kunst der Fuge und Mozart, das alerte Genie, die Musik des 18. Jahrhunderts beeinflusst ha­ben. Schiff doppelt das Ricercare a 3 aus Das Musikalisches Opfe (BWV 1079) in der Fassung für Klavier solo mit dem Ricercare a 6 voci in der Fassung für Streicher von Bach und verbindet es übergangslos mit dem Konzert für Kla­vier und Orchester c-moll KV 491 von Mozart.

Nach den motivischen Variationen von Schiff am Klavier und den Streichern der Capella wollen Teile der Zuhörer ihrer Begeisterung mit Applaus Ausdruck ge­ben. Allein sie werden von den erhobenen Armen des Dirigenten zum Einhalten gebeten. Manchem Zuhörer mag erst nach einiger Zeit des aufmerksamen Zu­hörens klar geworden sein, dass nun Mozarts Klavierkonzert nach Bachs Aus­zügen aus dem Musikalisches Opfer zu hören ist.

Anders als mit der Bläserserenade verbinden sich die Kontrastierungen zu einer musikalischen Einheit in c-moll. Die Capella entwickelt aus einer dichten Or­chesterexposition eine motivische Durchformung, die Schiff solistisch mit einer eigenen melodischen Wendung exponiert. Kraftvoll durchmischen sich sinfoni­sche und konzertante Aspekte mit dramatischem Furor. Weit spannt sich im Wechsel zwischen Tutti und Solo eine unerbittlich grundierte c-moll-Ausdrucks­skala.

Nach 60 Minuten Bach und Mozart an einem Stück flutet der lang aufgestaute Applaus-Bedarf  das Konzerthaus Dortmund.

23.01.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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