Stormy weather: No border for JOE

Almut Kühne und Gebhard Ullmann © Peter E. Rytz 2018

Das Sturmtief Friederike, das am 18. Januar 2018 ganz Deutschland heimge­sucht hat, hat auch das Programm des 22. JOE Festival Essen durcheinander gewirbelt. Zum Glück nur die geplante Reihenfolge der Acts.

Die Band Fly gibt ihrem Name an diesem Tag eine doppelte Bedeutung. Ver­spätet, letztlich aber glücklich und fast pünktlich von Mailand kommend in Düs­seldorf gelandet, fliegen Mark Turners knackige Saxofonlinien zusammen mit den dichten, wilden Bass- und Drum-Rhythmen von Larry Grenadier und Jeff Ballard, wie ferngesteuert durch einen pianolosen Jazz-Kosmos.

Ihrem demokratisch kollektiven Selbstverständnis folgend, deklinieren sie groovend in temperierten Quinten ihren enharmonisch strukturierten Sound. Festgefügt im Vertrauen aufeinander, temporär aufgelöst in improvisierten Aus­brüchen, formiert das Trio ihre Sets zu einem griffigen Jazz.  

Das rhythmisch ausbalancierende Schlagzeug Ballards rahmt häufig Grenadiers balladesk swingende Bass-Pattern und bindet sie mit Turners melodischen Sa­xophon-Arabesken zu energiegeladenen Songs. Melodische Motive werden al­ternierend von Saxophon, Bass oder Schlagzeug angestimmt; gemeinsam fin­den sie sich immer wieder in einem typische Turner-Grenadier-Ball­ard-Jazz-Line seit mehr als 15 Jahren zusammen.

Bevor FLY mit ihren Jazz-Flugkünste das angestammte Publikum im Katakom­ben-Theater auf ihren Flügeln mitgenommen hat, eröffnet Philip Zoubek mit ei­nem Solo am präparierten Klavier das JOE-Festival. Er spielt es als

Hommage á John Cage. Mit Holz- und Gummimaterial, Nägeln, Papierstreifen pärpariert Zoubek  ausgewählte Stellen der Saitenchöre seines Klaviers. So­wohl klassisch auf der Klaviatur spielend, als auch mit einem Holzstiel oder Klöppel die Saiten anschlagend, erzeugt er Klänge, die  mit flageolettähnli­cher oder perkussiver Anmutung an zen-buddhistische Gamelan-Musik erin­nern.

Daniel Bodvarsson und Max Andrzejewski zeigen ihren Vorgängern dieses Abends ihre Pranke. Der Name des Duos ist selbst schon eine Kampfansage. Mit der Siegergebärde eines Boxers werfen sie sich in den Ring des Katakom­ben-Theaters. Gitarre, Schlagzeug und Syntheziser tönen straight ahead ohne wenn und aber kampfbetont. Auch ihr Gesang verzeiht nichts. Selbst Rock-Bal­laden-Zitate werden ihnen zu einem emblematisch derangierten Sound-Over­kill.

Der Kontrast zu den ekstatischen Free-Ausbrüchen von Pranke und Walter/Par­fitt/Hirt oder der selbstreferentiellen Elektronik-Überdehnung von Achim Zepe­zauer, die jedes Jahr ein programmatisches Anliegen der JOE-Macher zu sein scheint, malen Gebhard Ullmann und Almut Kühne poetisch minimalistische Klangskizzen. Ullmanns Saxophon und Bassklarinette modulieren mit dem klassisch ausgebildeten Koloratursopran von Kühne grandiose Klanglandschaf­ten. Ob Scat-Improvisationen, Jazz-Standards wie I’ll Be Seeing You oder Voice solo mit Voyage steckt Kühne ein weites Panorama feinnerviger Musikstruktu­ren ab.

Ihr steht Ullmann mit seinem Saxophon-Solo Upper Rd nicht nur nicht nach. Er paraphrasiert kreativ sein eigenes musikalisches Repertoire. Kühnes wunderbar reine Tonbildung findet insbesondere mit dem sonoren Klang von Ullmanns Bassklarinette eine kongeniale Ergänzung: The special fine art of Jazz.

Als Ross Parfitt nach einem sich bedeutungsschwanger gebenden elektronisch verzerrten Klanggeflacker der Gitarre von Erhard Hirt und dem Atem gepress­ten, überblasenen Saxophontönen von Florian Walter sein Drum-Set zerlegt und aus den Materialresten fahl agressives Tonlicht aufblitzt, versinkt ihr Jazz-Koordinatensystem in einem apotheotischen Niemandsland.

Ähnlich hochmögend die Pose von Killing Popes, den Papst – als Gallionsfigur des Konservativen? – symbolisch zu töten. Nur verlaufen sie sich leider in ihren – wie es im Faltblatt vollmundig formuliert wird – hochkomplex durchkompo­nierten  musikalischen Wutausbrüchen. Wut allein ist keine konstruktive Per­spektive. Nicht nur in politisch missverstandenen, bürgergesellschaften Artiku­lationen, auch im Jazz.

Drei JOE-Tage zu Beginn des Jazz-Jahreskalenders setzen auch 2018 wieder  dezidierte Akzente. Sie sind eine Plattform für besondere Töne, Misstöne inklu­sive.

22.01.2018
photo streaming FLY
photo streaming Philip Zoubek solo
photo streaming Pranke
photo streaming Walter/Parfitt/Hirt
photo streaming Gebhard Ullmann & Almut Kühne
photo streaming Killing Popes

 

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Über Peter E. Rytz Review

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