Buchbinder, Dresden, Beethoven – ein Dreigestirn mit Fragezeichen

© Marco Borggreve

Irgendetwas ist anders an diesem Abend in der Philharmonie Essen. Augenbli­cke später klärt es sich auf. Eigentlich das gewohnte Bild. Die Generation Ü-60 dominiert seit einigen Jahren als Publikum klassischer Konzerte ebenso wie auch vieler Opernaufführungen. Beim Pro Arte Konzert mit Rudolf Buchbinder und der Sächsischen Staatskapelle Dresden gehört die überwiegende Mehrheit allerdings der Generation Buchbinder plus an. Es scheint, als hätte sich eine über Jahrzehnte gewachsene, inzwischen betagte Fan-Gemeinde in Essen ver­abredet.

Buchbinders Interpretation des Konzert Nr. 1 C-Dur für Klavier und Orchester, op. 15 von Ludwig van Beethoven kontrastiert diesen Generationenaspekt mit verblüffender Einsicht. Der Pianist spielt das von Beethoven relativ unbeküm­mert komponierte Frühwerk mit der Grandezza gereifter Altersweisheit. Gleich­zeitig ist das Konzert unter Buchbinders Leitung von Klavier aus ein Paradebei­spiel für die Frage nach dem künstlerischen Mehrwert eines solchen Arrange­ments.

Der Vergleich verschiedener Aufnahmen dieses beliebten und viel aufgeführten Werkes sowohl in der Arbeitsteilung von Dirigent und Pianist als auch in der Einheit der Orchesterleitung vom Klavier aus gibt darauf keine stimmige Ant­wort. Gleichwohl sind strukturelle Unterschiede in den interpretatorischen Ge­staltungsperspektiven festzuhalten. Die Form der dirigentischen  Kommunikati­on zwischen Orchester und Solist fördert per se eine unmittelbare, interaktive Spontanität, die der Emotionalität des Konzertmoments Raum geben kann.

Das ist grundsätzlich auch vom Klavier aus möglich. Es macht allerdings einen bedeutenden Unterschied, und das zeigt sich im Buchbinder-Konzert deutlich, ob man beispielsweise wie Daniel Barenboim auch als Pianist Dirigent bleibt, der mit klarer Takt- und Tempozeichnung strukturiert oder ob man sich wie Ru­dolf Buchbinder mehr oder weniger auf ein eingespieltes Orchester verlässt, verlassen muss.

Mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden hat er einen Klangkörper an seiner Seite, der in professioneller Perfektion intoniert und mit ihm Beethoven spielt, wie es von solch einem renommierten Orchester zu erwarten ist. Allerdings wirkt alles merkwürdig distanziert und unterkühlt. Dem relativ trockenen  Or­chesterklang wünschte man mehr Dynamik und Differenz.

Vielleicht braucht es notwendig eine über Jahre in verlässlicher Selbstverge-wis­serung (zusammen)gewachsene Musiziergemeinschaft, wie es wenige Tage zu­vor Sir András Schiff mit der Capella Andrea Barca im Konzerthaus Dortmund (Allein die Musik – Sir Schiff auf Augenhöhe mit der Capella vom 23.01.2018, hier veröffentlicht) überzeugend hörbar und sichtbar gemacht hat, um das Pu­blikum von Anfang in den Bann der Musik zu ziehen.

Buchbinders auf minimale gestische Andeutungen reduzierte Zeichensprache, bei der man sich schon nach ihrer interpretatorischen und funktionalen Relevanz fragen kann, gelingt es erst spät mit dem Adagio un poco moto des Konzert Nr. 5 Es-Dur für Klavier und Orchester, op. 73 nach der Pause, ein emotionale­res Spiel des Orchesters zu entfachen.

Allein der Pianist Buchbinder präsentiert durchgehend eine feierliche Interpre­tation mit reifer Klangfülle. Sein Einsatz im C-Dur Konzert, das kanta­ble zweite Thema des Orchester Allegro con brio aufnehmend, ohne sich virtu­os in der folgenden Solo-Kadenz zu baden, beschwört Beethovens erhaben Geist in der Musik.

Während  Buchbinder gemeinsam mit dem Orchester den großflächige Satz im Largo als lyrisches Thema mit majestätischer Zartheit und Kraft in eine feierli­che Mischung aus Klavier, Orchester und Holzbläsern bringt, muss er sich beim Einsatz im finalen Rondo: Allegro scherzando voll und ganz auf die punktge­naue Reaktion der Sächsischen Staatskapelle Dresden verlassen. Kraftvoll und luzid zugleich setzt das Soloklavier mit dem Hauptthema einen volksliedhaften Akzent, den man als eine Verbeugung Beethovens vor Joseph Haydn hören kann.

Beethovens Konzert Nr. 5 Es-Dur für Klavier und Orchester, op. 73 gilt in der Musikgeschichte als Gipfel des Genre Klavierkonzert. Es steht in der Tonart Es-Dur der 3. Sinfonie mit ihrer heroischen Anmutung nahe. Buchbinder knüpft im Allegro mit einer virtuos auskomponierten Kadenz unmittelbar daran an.  Chro­matisch aufsteigend entwickelt der Pianist im dialogischen Wechselspiel mit dem Orchester eine brillant schillernde Klangfarbigkeit.

Seinen virtuosen Klavierfigurationen folgt das Orchester endlich, wie angedeu­tet, im Adagio un poco moto mit emphatischer Klangsensibilität. Jetzt ist auch etwas von dem viel gerühmten Blech- und Holzbläserklang im Zusammenspiel mit den Streichern nicht nur zu hören, sondern beseelt und ergreifend zu spü­ren.

Attacca, ohne Pause zum anschließenden Rondo:Allegro, leitet Buchbinder mit donnerndem Fortissimo das Finale ein. Klangschön in dolce träumt das Klavier in einem kantabilen Seitenthema, bevor ein verlangsamtes, von der Pauke ein­geleitetes Ostinato zum Anfangscharakter des Satzes zurückführt und trium­phierend endet.

Obwohl viele Kritiken das Dreigestirn Dresden, Buchbinder und Beethoven  als überaus stimmig feiern, kommt davon an diesem Abend  wenig über. Die ritua­lisiert anmutenden Standing Ovations am Ende des Konzerts haben zu viel Ge­schmäcklerisches von Self-fulfilling Prophecy an sich, um uneingeschränkt zu­stimmen zu können.

26.01.018

 

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Konzert veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.