Harteros, Gimeno, Orchestre Philharmonique de Luxembourg klangzauberisch

Anja Harteros © Marco Borggreve

Nach dem Buchbinder-Hype tags zuvor in der Philhamonie Essen (Buchbinder, Dresden, Beethoven – Ein Dreigestirn mit Fragezeichen vom 27.01.2018, hier veröffentlicht) versammelt sich an gleicher Stelle ein sehr anderes Konzertpublikum. Es ist, als würde man an diesem Abend in der nur halb gefüllten Philharmonie bei einem musikalischen Familientreffen zu Gast sein.

Gustavo Gimeno und das Orchestre Philharmonique de Luxembourg als Gastgeber überraschen manchen gestandenen Konzertbesucher mit musikalisch nobler Geste. Dass zudem die weltweit hochgelobte Sopranistin Anja Harteros sich zu jenen als Einladende hinzugesellt, ist, wie sich im Konzert zeigt, weit mehr als nur ein kalkulierter Promi-Effekt.

Natürlich kann jeder Programmmacher sicher sein, dass die Wesendonck-Lieder – Fünf Gedichte für eine Frauenstimme und Klavier (Fassung für Orchester von Felix Mottl) von Richard Wagner mit Harteros ein – wie an diesem Abend – relativ kleines, aber feines Publikum finden. Damit ist allerdings nur ein Mosaiksteinchen im Bild des Konzertprogramms identifiziert. Mit Gimeno steht ein Dirigent am Pult des Orchestre Philharmonique de Luxembourg, der seine interpretatorischen Vorstellungen nachhaltig mit sympathischer Anmut kommuniziert und die Kompositionen von Richard Wagner und Claude Debussy in ihrer unterschiedlich schattierten Klangfarbigkeit leuchtet lässt.

Mit Wagners Wesendonck-Liedern, zwischen 1857 und 1858 komponiert, und Ouvertüre und Venusbergszene aus Tannhäuser (Paris-Version), als Oper  1845 uraufgeführt, vor der Pause und Debussys Iberia- Suite Nr. 2 aus Images pour orchestra, datiert 1906-08, sowie seinen drei symphonischen Skizzen La mer (1903 – 05) im zweiten Teil, werden nicht nur zwei Komponistengenerationen mit ihren unterschiedlichen Klangauffassungen gegenüber gestellt.

Bei Wagner sind für beide Kompositionen unmittelbare (Er-)Lebenssituationen als inspirierend und konstruktiv auszumachen. In den Wesendonck-Liedern drückt sich seine Überzeugung aus, dass jeder Künstler ein Anrecht auf eine Muse hat. Über Mathilde Wesendonck wird er noch Jahre später narzisstisch selbstverliebt sagen, sie ist und bleibt meine erste und einzige Liebe. Es war der Höhepunkt meines Lebens. Tief empfundener Schmerz und ersehnte Erlösung durchdringen die Komposition und finden in der Oper Tristan und Isolde ihren melodramatischen Widerhall.

Debussy stellt dagegen klar, dass er La mer, anders als häufig assoziiert, nicht mit impressionistischer Imagination am Atlantik komponiert hat, sondern in Burgund. Seine Überzeugung, dass die Erinnerung mehr wert ist als eine Wirklichkeit, deren Zauber die Phantasie gewöhnlich zu sehr belastet, zeigt eine interessante Parallele zu Marcel Proust und dessen Suche nach der verloren Zeit auf.

Wo Wagner dem Apollonischen in der ihm dionysisch scheinenden Wirklichkeit musikalisch Ausdruck gibt, führen Trois esquisses symphoniques – De l’aube á midi sur la mer, Jeux de vagues, Dialogue du vent et de la mer – mit impressionistischer Stringenz  der deutschen Übersetzung – Von Sonnenaufgang bis Mittag auf dem Meer, Wellenspiele, Dialog von Wind und Meer – auf eine falsche Fährte. Von dem Holzschnitt Die Welle von Hokusai auf der ersten Partiturausgabe inspiriert, sind sie vor allem Ausdruck von Debussys Begeisterung für verfeinerte fernöstliche Darstellungskunst.

Anja Harteros leuchtet mit ihrem lyrisch-dramatischen Sopran die verschiedenen Stimmungsbilder der Wesendonck-Lieder mit inniger Anteilnahme und großer Kantabilität aus. In den Höhen glockenrein, mezzosopranal bis an die Alt-Grenze ringt sie mit dunkelsattem Timbre wie in einem feuchtschwülen Treibhaus nach dem Atem, der Leben ermöglicht: Schwere Tropfen seh ich schweben/An der Blätter grünem Saum. Ihr Gesang legt sich wie Balsam auf die voller Unruhe von Alltagshektik geplagte Seele des Großstadtmenschen.

Zu Konzertbeginn bekommt man mit Ouvertüre und Venusbergszene aus Tannhäuser (Paris-Version) eine erste Ahnung davon, wie es Gimeno mit feinfühligem Gespür schafft, für das Dramatische ebenso wie für das nachsinnende Piano mit klangmalerischer Überzeugung den Tannenhäuser-Mythos aufscheinen zu lassen. Lassen die lupenrein intonierenden Hörner erstmals sofort aufhorchen, zeigt sich im Verlaufe des Konzerts, über welches umfangreiche Klangpotential nicht nur Blech- und Holzbläser verfügen, sondern neben veritablen Streichern und Harfen auch die Schlaginstrumentengruppe maßgeblich tonsetzend agiert.

Mit der Iberia- Suite Nr. 2 aus Images pour orchestra folgt der Katalane Gimeno der Spur seiner spanischen Heimat. Keine hegemonistische Rechthaberei, sondern eine temperamentvolle Sinnlichkeit, in den Straßen und Wegen – Par les rues et les chemins –, den Duft der Nacht einatmend – Les parfums de la nuit – und bis zum Morgen eines Feiertages – Le matin d’un jour de fete – träumend zu wandeln.

Iberia ist das umfänglichste der drei Bilder (Gigues, Iberia, Rondes de printemps), die sich wie eine  Hommage a Espana von Debussy anhören. Als authentischer Hommage-Vertreter versetzt Gimeno gewissermaßen stellvertretend für Debussy, der selbst nie in Spanien war, die Konzertbesucher in einen Traum farbensatter Sehnsuchtsbilder.

Im abschließenden La Mer übernimmt Gimeno Debussys Intention, kein tonmalerisches Kolossalgemälde zu entwerfen, sondern die ihr zugrunde liegende, kontrollierte sowie thematisch zugespitzte Kompositionsarbeit in einen Klangzauber zu übersetzen.

Denjenigen, die dieses Konzert in Essen verpasst haben sollten, ist bei nächster Gelegenheit zu empfehlen, die Begegnung des sympathisch unaufgeregten, gleichwohl klar disponierten Dirigenten Gustavo Gimeno mit dem in harmonischer Selbstverständlichkeit spielenden Orchestre Philharmonique de Luxembourg, nachzuholen. Ein Muss für alle Musikliebhaber!

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Über Peter E. Rytz Review

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