Manet, ein Demokrat als Maler

The Garden of Pere Lathuille, 1879 (oil on canvas) by Manet, Edouard (1832-83); 92×112 cm; Musee des Beaux-Arts, Tournai, Belgium; French, out of copyright

Wer nach Wuppertal ins Von der Heydt-Museum kommt, kann mit den dieses Haus prägenden Personalausstellungen in den letzten Jahren immer wieder neu anregende Entdeckungen zur Avantgarde der Moderne machen. Parallel und gleichwertig werden die ausgestellten Künstler mit ihren Werken häufig auch als Personen der Zeitgeschichte aus- und dargestellt.

Nach dem Wettlauf der Giganten, Edgar Degas und Auguste Rodin (Degas & Rodin in Wuppertal – auf den Spuren der conditio humana vom 09.02.2017), nach Camille Pissarros Entdeckung als Père de l’impressionnisme (vom 25.02.2015) oder dem Avantgardemacher Adolf Erbslöh (Erbslöh, Macher und Maler vom 05.08.2017, jeweils hier veröffentlicht) entdeckt Gerhard Finckh mit Edouard Manet jetzt den malenden Demokraten (noch bis 25.02.2018).

Mit Manet betritt Mitte des 19. Jahrhunderts ein Maler eines neuen Typus die Bühne der bildenden Kunst. Einer großbürgerlichen Familie entstammend ver­steht er sich als selbstbewusster Republikaner in der 2. Französischen Repu­blik. Ein Bürger mit Zivilcourage, wie Finckh im wie immer in Wuppertal sorg­fältig editierten und informativen Katalog formuliert, dessen Engagement sich zu Fragen von Politik und Gesellschaft in seinen Bildern unmittelbar widerspie­gelt.

Im Kontext impressionistischer Befreiungsakte vom bis dahin dominierenden Akademismus wird Manet zwar zur Gallions- und Vaterfigur einer aufkeimen­den französischen Avantgarde zwischen 1860 bis 1880. Trotzdem lässt er sich aber von impressionistischen Bewegungen nicht vereinnahmen und stellt in den entsprechenden Ausstellungen nicht aus. Für ihn, dem Malen ohne Pathos angesichts von Menschen, Landschaften oder Stillleben, von dem was er sieht, essentiell ist, bleibt der akademische Salon der Platz, wo der Kampf um die re­volutionäre Kunst ausgetragen wird.

Dadurch, dass die Ausstellung neben Arbeiten bekannter Weggefährten wie Degas oder Renoir auch heute fast vergessene wie Berthe Morisot, Henri Fan­tin-Latour oder Marcellin Desboutin zeigt, gibt sie den Ausstellungsbesuchern die Möglichkeit zu vergleichen. Manets Porträt des Freundes Carolus-Duran (1876) versus Emile-Auguste Carolus-Durans Porträt seines Freundes Edouard Manet (um 1880).

Dass die Salon-Juroren mehrmals Arbeiten von Manet abgewiesen haben und er 1867 von der Weltausstellung ausgeschlossen worden ist, mag ihn vielleicht desillusioniert haben, hat ihn aber nicht in seiner künstlerischen Selbstbehaup­tung beeinträchtigt. In einem Holzpavillon, den er vor den Toren der Weltaus­stellung aufbauen ließ, stellte er nicht nur seine Werke aus, sondern sich den Weltausstellungsbesuchern in den Weg.

Manets Beharren auf ein bürgerlich demokratisches Recht von (Kunst)Freiheit markiert in der Wuppertaler Ausstellung einen gesellschaftlichen Topos, der heute, wo in einigen Ländern versucht wird, die bürgerlichen Freiheiten zurück zu drängen, brandaktuell ist. Damit legt die Manet-Ausstellung auch ein enga­giertes Zeugnis einer modernen Bürgergesellschaft ab, das weit über die Kunst hinausreicht.

Die Lithografien Die Erschießung des Kaisers Maximilian von Mexiko von 1968 – die vier Gemäldefassungen stehen aufgrund ihrer Fragilität als Ausleihe so gut wie nicht mehr zur Verfügung -, ergänzt durch fotografische Dokumente, sind wohl das politischste Bekenntnis Manets überhaupt. Sie durften deshalb auch zu seinen Lebzeiten nie öffentlich ausgestellt werden.

Leicht in der Ausstellung zu übersehen, aber eindrucksvoll in seinem aquarel­lierten Bekenntnis in Tusche Vive la Republique seines layouteten  Briefkopfs von 1880.  

Damit wird der Rundgang durch 11 thematische Räume mit 45 hochkarätigen Gemälden sowie Lithografien und grafischen Blättern, wertvoller, weltweit zu­sammengetragener Leihgaben zu einer Inspiration, wie Kunst und Leben den gesellschaftlichen Diskurs befördern können.

Als Flaneur der modernen Großstadt ist Manet als Einzelgänger ein genauer Beobachter. Er wirft mit seinen enigmatischen Bildern wie Die Rennbahn von Longchamp (1867) und Die Krocketpartie (1873) einen in impressionistischer Farbenpracht schwelgenden aber gleichzeitig auch kritischen Blick auf eine bür­gerliche Gesellschaft, die sich gegenüber der royalen Dominanz positioniert.  

In detailliertem Nachempfinden Beim Pere Lathuille (1879) betrachtend er­scheint Manets narrativ mehrperspektische Komposition wie ein Vorgriff auf psychoanalytisch beeinflusste Reflexion.

Legendär sind Manets Skandal umwitterte, inzwischen Ikonen der Moderne von 1863 Frühstück im Grünen und Olympia von 1863. Dass sie in Wuppertal ne­ben den grandiosen Originalen, die 10% seines Œuvres repräsentieren, nur als Reproduktionen zu sehen sind, da sie vom Musée d’Orsay, Paris so gut wie nie ausgeliehen werden, vermag den Schau- und Erlebniswert der Ausstellung so­wie den in den Werken manifesten Bildungshorizont nicht zu beeinträchtigen.

01.02.2018
photo streaming Edouard Manet

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Über Peter E. Rytz Review

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