Sternzeichen leuchten in Düsseldorf

Lahav Shani © Susanne Diesner 2018

Menschen in der Großstadt haben eine große Auswahl zwischen sehr unterschiedlichen Freizeitangeboten. In Düsseldorf wirft der vergoldete Stern von der Kuppelspitze der 1925 gebauten Mehrzweckhalle, der heutigen Tonhalle, wie ein Leuchtturm ein symbolisches Licht auf die nah beieinander liegenden Offerten.

Am Freitagabend konkurriert das Sternzeichenkonzert in der Tonhalle im Umkreis von wenigen hundert Metern mit dem jährlichen Rundgang in der Kunstakademie Düsseldorf und der Übertragung eines Fußballspiels des Lokalmatadors Fortuna Düsseldorf, mit dem die Altstadtkneipen locken.

Klassikkonzert, Gegenwartskunst und Fußballspiel scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander gemein zu haben. Andererseits bezieht Kultur ihre Überzeugungskraft aus einer authentischen Mitte von Kunst und Leben. Spiel in unterschiedlicher Art und Weise ist aber gleichzeitig auch Teil einer immer differenzierteren, individueller geprägten Lebenswirklichkeit.

Im Sternzeichen-Konzert der Düsseldorfer Symphoniker stehen mit der Symphonie Nr. 1 D-Dur op. 25 Symphonie classique von Sergej Prokofjew, dem Konzert für Klavier und Orchester C-Dur KV 503 von Wolfgang Amadeus Mozart und Le poème de l’extase op. 54 von Alexander Skrjabin Werke von Komponisten auf dem Programm, die auch Spieler gewesen sind.

Von Mozart weiß man, dass er beim Billardspielen gern komponierte, während Prokofjew  seine ambivalenten Erfahrungen als Karten- und Schachspieler in der Oper Der Spieler verarbeitet hat. Skrjabin suchte im Klang extraordinärer Tonstrukturen zu Beginn des 20. Jahrhunderts seinem philosophisch aufgeladenen, jugendlich radikalisierten Sendungsbewusstsein Ausdruck zu verleihen.

Mit dem Dirigenten Lahav Shani am Pult der Düsseldorfer Symphoniker und der Pianistin Danae Dörken absolviert die erste der von Kindesbeinen an mit den sozialen Medien des Internets sozialisierten Generation das Konzertprogramm. Merkt man ihrem Spiel im Vergleich zu den älteren Protagonisten am Pult und am Klavier  davon etwas an?

Shani dirigiert Prokofjew und Mozart mit einer ausgewogenen Balance von linker und rechter Hand. Links mit feingliedriger Exposition die melodischen Bögen betonend, stößt die rechte geballte Faust das Orchester unmissverständlich auf die Betonungen und Zäsuren. Es mutet wie eine Kutschfahrt an, bei der der Kutscher angesichts einer zum Träumen einladenden Landschaft zeitweilig die Zügel schleifen zu lassen scheint, um sie im nächsten Moment wieder zu straffen. Kraftvoll streichen  Shanis Hände horizontal vehemt und setzen wohl dosierte  Piano-Presto-Akzente.

Mit dem eröffnenden Allegro entwickelt er mit dem Orchester eine feierliche erhaben gefärbte Stimmung. Diese verweist nicht nur auf das Presto von Mozarts Divertimento D-Dur KV 136 sowie später auf die französische Nationalhymne, die Marseillaise, sondern auch auf die Erkennungsmelodie von WDR 3. Mit der Moll-Wendung des Themas nach C-Dur unterstreicht sie weiterhin die vom Intendanten der Tonhalle, Michael Becker in seiner wie immer charmanten Konzerteinstimmung formulierten heimlichen Konzertprogrammatik: Suche nach dem C-Dur.

Durchscheinend transparent dirigierend motiviert Shani vor allem die Holzbläser, allen voran das Solo-Fagott, zu einem Mozart-Abenteuer zwischen Lebensfreude, Schwermut und Melancholie.

Danae Dörken © Susanne Diesner 2018

Danae Dörken stimmt sich auf die orchestrale Vorgabe mit kreisenden Oberkörperbewegungen ein, bevor sie schon mit dem ersten Anschlag der Soloexposition aufhorchen lässt. Mit souveräner, jugendlich unbekümmerter, draufgängerischer Selbstverständlichkeit, die keine Angst kennt, verdichtet sie die Motive aller Themen polyphon in einer ausdifferenzierten Solokadenz. Stellenweise kann man den Eindruck haben, als wandele Dörken improvisierend auf den Spuren von Keith Jarrett.

Auffällig und merkwürdig zugleich ist es allerdings, wie sie den Kontakt zu Shani sucht, der ihn jedoch, wie in einem abgekapselten Kosmos verschlossen, verweigert. Eine abgestimmte Kommunikation zwischen Dirigent und Solistin, Einsatzzeichen sowie freundliche Hinwendung in den Satzpausen, die jedem Live-Konzert die je eigene individuelle Note gibt – Fehlanzeige.

Letztlich bleibt der Eindruck, Zeuge eines technisch perfekten Konzerts mit technizistischen Untiefen zu sein. Man hat den Eindruck, als ob ihre in einem Interview geäußerte Überzeugung  – Ich kenne viele Pianisten, die sind einfach total perfekt. Aber ihr Spiel berührt mich nicht. Ich kann damit nichts anfangen – an diesem Abend sie selbst betrifft. Ist dieses (Zusammen)Spiel ein exemplarischer Ausdruck für unpersönlich anmutende Kommunikationsformen der schönen neuen Internet-Welt?

Die zu Beginn des Konzertprogramm gespielte Symphonie classique wendet sich nach Prokofjews Selbstbekenntnis inmitten revolutionär politischer Aufbruchsstimmungen in bewusster Abkehr der Vergangenheit zu: Wäre Haydn heute noch am Leben, dachte ich, hätte er sicher seine Art zu komponieren beibehalten und zusätzlich einiges Neue übernommen. In dieser Weise wollte auch ich meine Symphonie schreiben.

Die Spieler Prokofjew und Skrjabin analysiert Shani mit viel Gespür für ihre Intentionen, Musik in der Tradition der Klassik zu verstetigen bzw. sie mit ekstatischem Furor auszureizen. Er gibt Prokofjews feinsinnig ironisierendem Spiel mit klassischen musikalischen Elementen wie höfischen Tänzen in ihren rhythmischen Finessen mit seinem klar strukturierten Dirigat eine unmittelbare, nachhaltige Gegenwart. Auch Konservatismus kann modern sein.

Ganz anders Skrjabins große Orchesterkomposition. Besetzt mit Bassklarinette, Kontrafagott und Celesta steht es in einer Reihe mit Werken anderer Komponisten kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert. Man kann sie in der Form einer Programmmusik durchaus als Vorläufer von Richard StraussEine Alpensinfonie hören.

Skrjabins Le poème de l’extase, das ursprünglich poème orgiaque heißen sollte und auf ein Gedicht von ihm selbst komponiert ist, korrespondiert mit einem von Friedrich Nietzsche inspirierten solipsistischen Weltbild. Die letzte Gedichtzeile  – Und es hallte das Weltall vom freudigen Rufe: Ich bin! – verdeutlicht  Skrjabins symbolistische Auseinandersetzung mit Freiheit und Liebe durch einen Schöpfergeist. Sie bildet das programmatische Fundament seiner polyrhythmischen Komposition.

Beginnend mit très parfumé – sehr aromatisch – und presque en délire – fast delirierend – suggeriert Skrjabins Werk erotische Allusionen in aller Deutlichkeit bis zum unverstellten Bekenntnis avec une volupté de plus en plus extatique – mit einer Wollust, die immer ekstatischer wird.

Shani pflügt die Dur-Moll-Wechsel der Partitur opulent und radikal um. Triumphierendes Blech, flirrende Harfen, dunkel tönende Orgeleinwürfe, Wechsel mit Pianissimo-Passagen, die in Brucknerscher Manier auf- und abschwellen, beschwören in Ekstase die Einheit von Kunst und Leben.

Apotheotisch aufgewühlt, gibt der Stern auf der Tonhalle die wohltuende Gewissheit, im Hier und Heute des Sternzeichen(Konzerts) geborgen zu sein.

05.02.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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