Kammermusikalische und programmmusikalische Höhenwanderungen

Marek Janowski © Felix Broede

Es ist nicht davon auszugehen, dass es zwischen der Tonhalle Düsseldorf und der Philharmonie Essen bei der Konzertplanung eine Absprache gegeben hat. Umso überraschender, dass das Konzertprogramm der Tonhalle am letzten Freitag mit Wolfgang Amadeus Mozart, Sergej Prokofjew und Alexander Skrjabin (Sternzeichen leuchten in Düsseldorf vom 05.02.2018, hier veröffentlicht) am nächsten Tag in der Philharmonie mit Joseph Haydn, Paul Hindemith und Richard Strauss zu einem interessanten Vergleich einlädt.

Wiener Klassik (Mozart, Haydn) versus Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Prokofjew spätromantisch; Hindemith avantgardistisch; Skrjabin und Strauss programmmusikalisch. Während bei den Sternzeichenkonzerten in der Tonhalle innerhalb eines auf mehrere Jahre ausgelegten Mahler-Zyklus‘ des  Principal Conductors der Düsseldorfer Symphoniker, Adam Fischer, in der Regel Haydn neben Mahler steht, zeigen sich die Konzerte in Düsseldorf und Essen mit vertauschten Komponisten.

Gleichzeitig stehen mit Marek Janowski und dem WDR Sinfonieorchester sowie  Lahav Shani und den Düsseldorfer Symphonikern zwei Dirigenten als Vertreter ganz unterschiedlicher Generationen an den Pulten wie auch die Pianistin Danae Dörken  als Vertreterin der Jugend und der Geiger  Frank Peter Zimmermann als gereifter Solist auf verschiedene Weise das Publikum in ihren Bann ziehen. So unvollkommen solche Vergleiche auch immer sind, zeigen sie vor allem eins: Die Kunst der Musik kennt keine Altersgrenzen. Solange Vitalität und Kreativität stimmen, muss die über Jahre gewonnene Weisheit des Alters gegenüber jugendlichem Sturm-und-Drang in der Interpretation keinen Vergleich scheuen.

Janowski findet sowohl in Joseph Haydns majestätisch aufgeladener Sinfonie Nr. 85 B-Dur, Hob. I:85, La Reine (4. Pariser Sinfonie) als auch in Richard Strauss‘ opulent narrativer Alpensinfonie, op. 64 ingeniöse Klangformate. Beide in ihrer Klassizität exemplarische und gleichzeitig kaum gegensätzlicher zu denkende Konzerte dirigiert er ohne Partitur aus dem Kopf.

Haydn gestaltet er mit reduzierter Gestik, die ihre Überzeugungskraft aus der Mitte des Sonnengeflechts zu gewinnen scheint. Mit dem Adagio – Vivace des ersten Satzes zeigt sich gleich zum Auftakt, wie Janowski Musik zum Klingen bringt. Die Solo-Oboe reflektiert das orchestrale Fortissimo mit fanfarenartigen Akkorden, wobei der Dirigent das WDR Sinfonieorchester mit punktierten Rhythmen schreiten lässt. Zurückhaltend, aber unmissverständlich gibt er ihm Tempi-Zeichen. Wenn er dabei mitunter leicht in die Hocke geht, um sie gestisch mit seiner Körperhaltung zu verstärken, kniet er, so scheint es, symbolisch in Ehrfurcht vor Haydns göttlicher Musik.

Wie Janowski es bei Haydn schafft, dass die Streicher in Romanze. Allegretto piano flüstern, das Orchester im Menuetto. Allegretto unisono tanzt und im Presto des Finales mit Wechseln von forte und piano lebhaft kontrastiert und damit das Konzertpublikum verzaubert, so verschreckt er mit Hindemith anders als zu den Uraufführungen in den 1920er Jahren heute kaum noch jemanden. Es gelingt Janowski vielmehr mit Unterstützung des veritablen Hindemith-Solisten, Frank Peter Zimmermann,  eine kammermusikalische Brücke zu schlagen.

Frank Peter Zimmermann © Harald Hoffmann Haenssler Classical

Die Kammermusik Nr. 4 für Violine und Kammerorchester, op. 36 Nr. 3 mit Bassklarinette, Kontrafagott, Tuba und Jazztrommel sowie zwei Piccoloflöten, Kornett und Posaune, mit Bratschen, Celli und Kontrabässen – aber ohne Violinen! – repräsentiert die Stimmung der Roaring Twenties und hält ihnen einen musikalischen Zeitspiegel vor.

Rasende Tempi, virtuos-bizarre  motivische Einfälle, unkonventionelle Harmonien sowie spannungsgeladene Formenwechsel im Orchester kommuniziert Janowski in souveräner Selbstverständlichkeit mit Zimmermann. So majestätisch Haydns Musik verzückt, so signalisiert Zimmermanns Lady Inchiquin in Hindemiths furiosem Auftakt – Breite, majestätische Halbe – ihre eigene Majestät noch im Finale: So schnell wie möglich.

Im Nachtstück folgt Zimmermann einer suitenartigen Reihung mit empathischer Aufmerksamkeit, die eine traumverlorene Hindemith-Lyrik hörbar macht – sichtbar in der Zuwendung von Dirigent und Solist durch ermunterndes und zustimmendes Zulächeln.

Das kammermusikalische Kontrastprogramm der Haydn- und Hindemith-Konzerte wird durch die Programmmusik Richard Strauss‘ konterkariert und einer Monumentalerzählung gleich fortgeschrieben. Mit der Alpensinfonie erinnert er sich einer im Gewitter verstiegenen Bergwanderung, die er als Jugendlicher in den bayrischen Voralpen erlebt hat.

Die minutiös erzählte Tondichtung von 1915 zwischen Nacht, Sonnenaufgang, Gipfelanstieg, Abstieg, Sonnenuntergang und wieder Nacht ist Strauss‘ sinfonische Reflexion des menschlichen Lebens in der Nachfolge von Friedrich Nietzsches Epos Also sprach Zarathustra. Sein Untertitel Ein Buch für Alle und Keinen korrespondiert mit der erklärten Absicht des Komponisten, die Stationen einer Bergwanderung als Lebenswanderung in einem Tongemälde, das an die klassische Dramenform des Theaters erinnert, unmittelbar sinnlich erfahrbar zu machen.

Janowski dirigiert die Alpensinfonie mit einer ambitionierten Choreografie. Manchmal fällt er in einen tänzerischen Modus und schwingt wie auf Adlerflügen dem Orchester voraus durchs Gebirge. Neben dem kleinen Fernorchester unterstützt ihn dabei die raffinierte Orchesterbesetzung mit nuancenreicher, reizvoller Instrumentierung, die mit Kuhglocken und Donnerblech neben dem Subtilen selbst das Banale ins Größere hievt.

Das WDR Sinfonieorchester folgt Maestro Janowski auf noch jede kleinste Geste über die Berge zu lichten Klanghöhen. Kammermusik und Programmmusik mit grandiosem Pathos ohne sentimental pathetisch zu werden: Ein nachhaltiger Konzertabend in der Philharmonie Essen.

06.02.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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