Die Wahrheit hinter den Bildern

© Peter E. Rytz 2018

Wie unbefangen kann man heute die Ausstellung Bestandsaufnahme Gurlitt in der Bundeskunsthalle Bonn (noch bis 11. März 2018) nach dem medialen Hype von Eil- und Falschmeldungen um den Schwabinger Kunstfund 2012 eigentlich noch sehen? Tatsache ist, dass die Ausstellung eine Bestandsaufnahme verspricht, die keine künstlerische allein sein kann.

Im Ausstellungskatalog heißt es: Denn anders als in Kunstausstellungen üblich, tritt hier die ästhetische Qualität der Exponate hinter ihre Geschichtlichkeit zurück. Im Klartext bedeutet dies, dass die Geschichte, die Provenienz jeder einzelnen Arbeit des bei Cornelius Gurlitt beschlagnahmten Kunstfundes sorgfältig recherchiert werden muss. Allein das ist schon eine zeit- und personalintensive Sisyphos-Arbeit. Dass sie dabei der Person des Sammlers Hildebrand Gurlitt, des politischen Seitenwechslers im nationalsozialistischen System, relativ unabhängig von seinem unter dubiosen Umständen zusammengetragenen Konvolut von Kunst der Moderne gerecht werden muss, macht die Sache nicht einfacher.

In Konsequenz dieser Umstände und unter Berücksichtigung des latent weiter schwebenden Vorwurfs, mit der überstürzten Beschlagnahme des Schwabinger Kunstfundes die rechtsstaatliche Unschuldsvermutung ignoriert zu haben, verabredeten  das Kunstmuseum Bern, Legat des Gurlitt-Nachlasses, und die Bundekunsthalle Bonn zeitgleich ein thematisch aufgeteiltes Ausstellungsprojekt. Eingebettet in einen historischen Kontext, der auf dem derzeitigen Stand der Provenienzforschung basiert, markieren die Ausstellungsuntertitel die inhaltlich-thematischen Schwerpunkte. Entarte Kunst – beschlagnahmt und verkauft in Bern; Der NS-Kunstraub und die Folgen in Bonn.

Davon, wie die weithin anerkannte, wertschätzende Perspektive, Qualität von Kunstwerken sei häufig Ergebnis einer Authentizität von Kunst und Leben, durch die Geschäftspraktiken Hildebrand Gurlitts in moralisch inhumaner Unverantwortlichkeit desavouiert worden ist, erzählt die Bonner Ausstellung.

Sie stellt sowohl ein visuelle Herausforderung als auch eine des Lesens und  Studierends dar. Unter den Werken informieren Texte über Zeitpunkt der Verkäufe, respektive der Enteignungen sowie in Einzelfällen von der erfolgten Restitution, der Rückgabe an die Rechtseigentümer. Dabei sind über den Status quo der Provenienz auffällige Unterschiede zwischen Bonn und Bern festzustellen.

Während bei Straßenbahn, o.J von Bernhard Kretzschmar mit Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014, Provenienz in Abklärung sachlich objektiv informiert wird, suggeriert die Wortwahl Provenienz in Abklärung mit dem Zusatz aktuell kein Raubkunstverdacht bei Edouard Manets Arbeit Stillleben mit Glas und Früchten (1828/83) eine wahrscheinliche Vorläufigkeit.

Diese argumentative Differenz, den rechtsstaatlich abgesicherten Tatbestand und gleichzeitig seine Provenienz-Offenheit anzuzeigen oder Spekulationen Tür und Tor zu öffnen, hat die Bonner Ausstellung in der öffentlichen Wahrnehmung in eine angreifbare, selbst verschuldete Schieflage gebracht. Gleichwohl überzeugt die Ausstellung da, wo sie mit konkreten Beispielen das System Gurlitt in seiner unheilvollen Mixtur für den Ausstellungsbesucher instruktiv nachvollziehbar macht: Sie zeigt Hildebrand Gurlitt als privaten Kunstsammler, NS-privilegierten Kunsthändler von Raubkunst sogenannter entarteter Kunst für das geplante Führermuseum in Linz sowie späterhin als Akteur im Rückübertragungskontext des Central Collecting Points Wiesbaden. Bildnis Maschka Mueller (1924/25) von Otto Mueller und Landschaft mit Segelboot (1913) von August Macke mögen dafür exemplarisch stehen.

Daneben zeigt die Ausstellung das Schicksal des Kunstsammlers Fritz Salo Glaser in seiner persönlichen Tragik – vom nationalsozialistischen Regime verfemt und der Deportation nach  Theresienstadt nur knapp entkommen, von der nachfolgenden Diktatur sozialistischer DDR-Prägung diskriminiert – und wie Teile seiner Kunstsammlung mit Werken von Otto Griebel oder Wilhelm Lachnit in Gurlitts Verwertungskosmos gelangten.

© Peter E. Rytz 2018

Die Ausstellung bemüht sich, die wahre Geschichte hinter den Bildern zu erzählen – die der Kunstgeschichte und die der historischen Geschichtsschreibung mit einem für die Opfer bitteren Unterton. Manchmal allerdings beschleicht den Besucher beispielsweise mit dem ausgestellten Koffer aus dem Nachlass von Cornelius Gurlitt – In diesem griffbereiten Koffer in der Schwabinger Wohnung fanden die Zöllner über hundert Kunstwerke – der Verdacht, die Ausstellung sei mit Krimi-Atmosphäre geschmäcklerisch angereichert worden.

Hildebrand Gurlitt kann fast übergangslos nach 1945 seine berufliche Laufbahn fortsetzen. 1948 ist er als Direktor des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf ungeachtet seiner Vorgeschichte wieder dort, wo er immer hinwollte. Es wirkt wie Ironie, dass Gurlitts Weiter-so-Taktik aktuell in der deutschen Tagespolitik fröhliche Urstände feiert.

09.02.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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