Den Kopf nicht hängen lassen – und dann?

© Esra Rotthoff

In Abwandlung des – dem legendären Fußball-Haudegen Sepp Herberger zu geschriebenen – Aphorismus, dass nach dem Spiel vor dem Spiel sei, könnte man auch sagen, nach dem Theater ist vor dem Leben. Dies geschieht unmittelbar, so jedenfalls nach der Aufführung von Ödön vor Horvaths Drama Glaube, Liebe, Hoffnung in der Bearbeitung von Lukas Kristl letzte Woche im Maxim Gorki Theater in Berlin.

Auf dem Weg zur Garderobe neigt sich eine Theaterbesucherin kopfschüttelnd ihrer Begleitung zu: Der neben mir gesessen hat, ist sich seiner Größe vollkommen bewusst gewesen. Den Platz, den er brauchte, hat er sich rücksichtslos genommen.

Die Textvorlage von Horvaths Volksstück liest sich wie die Choreografie eines zwischen Leben und Absturz balancierenden kleinen Totentanzes in fünf Bildern. Hakan Savaş Mican inszeniert es als Parabel, als eine Suche nach dem Platz in einer rücksichtslosen Konkurrenzgesellschaft für diejenigen, die abgebaut, entlassen und damit in ihrer Existenz bedroht sind. So sehr deren Wunsch nach einem Platz im Leben auch berechtigt sein mag, so wenig geht es im allgemeinen mit rechten Dingen zu, wie der Chefdramaturg des Hauses Ludwig Haugk in der Gorki-Zeitung ≠15 polemisiert.

Horvath lässt die Figur der arbeitslosen Elisabeth, die ihre einzige Chance nur noch darin sieht, ihre Leiche schon jetzt an ein pathologisches Institut zu verkaufen, die Stationen ihrer existentiellen Vernichtung bis zum selbstmörderischen Gang ins Wasser exemplarisch durchlaufen. Einmal in die Mühlen einer bürokratischen, inhumanen Justiz geraten, ist die Abwärtsspirale auch mit Elisabeths Selbstmotivation Ich lass‘ den Kopf nicht hängen nicht zu stoppen.

Das zunehmend hilflose Staunen über die brutale Hässlichkeit ihrer Umgebung spielt Sesede Terziyan berührend authentisch. Ihr Gesang eines türkischen Liedes von der Unerbittlichkeit des Schicksals ist erfüllt von einer immer mehr zur Gewissheit werdenden Desillusionierung.

Obwohl sie anfangs noch die Kraft hat, des Polizisten Floskel, ohne Glaube, Liebe, Hoffnung gibt es logischerweise kein Leben, als Leerformel zu entlarven – Sie haben leicht Reden als Staatsbeamter – und sie für einen kurzen Moment mit ihm, der Privatperson Alfons Klostermeyer (von Taner Şahintürk als obrigkeitshöriger Schlappschwanz ohne Rückgrat, laissez-faire verantwortungslos gespielt),  von Liebe träumt, zerbricht nicht nur ihr Glaube an die Liebe, sondern auch die Hoffnung im Staub von Neid und Bösartigkeit.

Kaum wahrscheinlich, dass Elisabeth mit einem Wandergewerbeschein eine echte Chance gehabt hätte. Der Präparator, von Mehmet Ateşçi als Fiktion eines selbstgerechten Glücksbringers gespielt, ist eine Karikatur seiner selbst. In asexueller Liaison verklemmt mit seinen Leichen, gestaltet ihn Ateşçi als Leichenfledderer der allein gelassenen, hilflosen, vergeblich Schutz suchenden Elisabeth.

Die mit hochragenden Trennwänden verschränkt gebaute Bühne von Silvia Rieger suggeriert die Enge einer Gasse im Großstadtdschungel. Von der Anonymität der grauschwarzen Hausfassaden werden Elisabeth, Alfons und der Präparator sofort verschluckt, wenn das Licht von Carsten Sander sie hinter der Hausecke ausblendet. Für kurze Zeit gleichsam ins Licht gezerrt, verschwinden sie danach in einem Nichts, als wäre alles nur ein Spuk.

Wenn einzelne schwarze Flächen kurzzeitig zu Lichtfenstern geöffnet werden, fühlt man sich an die Voids der leeren Räume des Jüdischen Museums Berlin vor ihrer ausstellungsdidaktischen Möblierung erinnert.

Beleuchtet von einem diffusen Halblicht, kommentiert Daniel Kahn Elisabeths Abstieg mit Klavier, Akkordeon und balladeskem Gesang. Hoffnungsvoll lyrisch mit der Let-it-be-Hymne zu Beginn bis schlussendlich zu einer knorzig rotzigen, bei Tom Waits  geborgten Reibeisen-Drastik: Das wird eine verregnete Parade. Wisse, es werden alle Menschen zersägt.

Hakan Savaş Mican kontextualisiert Horvaths Totentanz-Drama mit großer Überzeugungskraft: emotional warmherzig, berührend und zeitlos aktuell, eingebettet in einem spannungsvoll durchtönenden Sound.

Ödön von Horvath spiegelt in seinem Sozialdrama die 1930er Anfangsjahre. Hakan Savaş Mican beschwört das Menetekel heute. Denn, wie Klaus Staeck mit seinen Plakaten (zurzeit im Museum Folkwang Essen ausgestellt) schon vor Jahren mahnte: Nichts ist erledigt!

21.02.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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