Ein außergewöhnlicher Kreidekreis

v.l. Sascha Nathan (Lavrenti Vachnadze), Stefanie Reinsperger (Grusche Vachnadze) © Matthias Horn

Mit der Neuinszenierung von Der Kaukasische Kreidekreis am Berliner Ensemble wirft der Hausregisseur Michael Thalheimer einen dramaturgischen Fehdehandschuh in den Ring des Brecht-Hauses. Am Ende von Szene 1 Der Streit um das Tal lässt Bertolt Brecht den Sänger auf die Frage des Sachverständigen Könnt ihr es nicht kürzer machen? mit Nein antworten. Thalheimer widerspricht mit seiner Inszenierung

Brechts KreidekreisPersonal mit mehr als 70 Rollen reduziert Thalheimer auf neun Personen, die mehrere Rollen spielen. Er verkürzt außerdem den Text radikal auf Brechts dialektische Eigentums-Frage. In weniger als zwei Stunden, ohne Pause gespielt, schafft der Regisseur einen flirrenden Kreidekreis-Sound. Nicht vier und mehr Stunden Brecht mit Musik von Paul Dessau, sondern Musik von Bert Wrede, die die übersteuerte Elektro-Gitarre von Jimi Hendricks zitiert, bildet ein von Kalle Kalima gespieltes, insistierendes Kreidekreis-Line-up. Zusammen mit Ingo Hülsmann als Sänger, der bei Thalheimer nicht singt, sondern mit seiner sonor akzentuierten Stimme mit Hilfe eines dynamischen Studio-Mikrofons kommentiert, grundieren sie den Kreidekreis wie eine Toncollage.

Die Erzählung vom Küchenmädchen Grusche Vachnadze, die ein Kind uneigennützig vor dem Tod rettet und sich damit selbst gefährdet – die Dumme, der man alles aufladen kann -, konzentriert Thalheimer auf ein ontologisches Brecht-Moment: Wenn das Haus eines Großen zusammenbricht, werden viele Kleine erschlagen. Die das Glück der Mächtigen nicht teilten, teilen oft ihr Unglück.

Auf einer leer geräumten, schwarz ausgeschlagenen Bühne treten aus dem Dunkel des Bühnenhintergrunds ins gedimmte Streulicht (Licht: Ulrich Eh) Schauspieler nach vorn, die sich die Seele aus dem Leib spielen. Körperlich und gestisch mit fulminanter Expressivität verwischen sie die Grenze von Spiel und Wirklichkeit.

Zuvörderst Stefanie Reinsperger, die die Grusche in körperlichem Dauereinsatz mit akrobatischer Vehemenz ohne Rücksichtnahme auf den eigenen Körper mit kaum zu überbietender Eindringlichkeit spielt; ja mehr als das. Sie lebt Grusche in erbarmungswürdiger Einsamkeit, durchlebt geradezu deren sorgende Ängste schnappatmend bis an die Grenzen des Möglichen. Ihr ganzer Körper birgt das Kind mit flehend irren Blicken: Es ist meins!

Reinsperger rutscht in schier unendlichen Wiederholungen auf dem Blut des ermordeten Gouverneurs aus, dass man ihr beispringen und helfen möchte, um sie vor sich selbst zu schützen. Ihre Bühnenpräsenz als schauspielerisches Gesamtkunstwerk ist außergewöhnlich eindrucksvoll. Gleichwohl gehören zum neuen Berliner Ensemble weitere Schauspieler wie Tilo Nest und Sasha Nathan, die über eine ebenso außergewöhnliche Präsenz verfügen.

Nathan zeichnet mit Grusches Bruder Lavrenti einen hinterfotzig schleimigen Typ mit fromm sich gebender, bauernschlauer Schutzattitüde, die Schwester so schnell als möglich wieder los zu werden. Mit einem differenzierten Repertoire sprachlich und gestisch temperierter Charakterisierungen gibt er mit minimalen Veränderungen des Kopfes und dem aus dem Mund quellenden deliziösen Sprechbrei jeder einzelnen Szene eine eigene Farbwendung.

Die Szenen des Richters Azdak hat Thalheimer von dem episch breit aufgefächerten  Diskurs- und Argumentationsbeiwerk in der Geschichte des Richters befreit. Auf einem Stuhl stehend, fokussiert auf den Rechtsspruch um die wahre Mutter des Kindes, wechselt Nest in einer mehr als 15minütigen Performance vom Richter Azdak zu den Anwälten und weiteren Akteuren in einer Person mit staunenswerter Flexibilität. Den Wandel von einer Person zur anderen gestaltet Nest mit imponierender, chamäleonhafter Geschmeidigkeit von Sprache und Körper.

In der hilflos stammelnden Verlobungsszene mit Grusche zeichnet Nico Holonics mit wenigen Gesten den Soldaten Simon Chachawa, wie Peter Luppa die Scheingrößen des Gouverneurs wie auch die der Schwiegermutter authentisch auf seine eigene, kleine Körpergröße einzoomt.

Den Kreidekreis, den Brecht nach einer alten chinesischen Erzählung als Zeichnungsgrenze transfiguriert hat und mit Azdak fordert, einen Kreis mit Kreide auf den Boden zu zeichnen, braucht die Dramaturgie von Bernd Stegemann nicht. Azdak fordert Grusche und Natella, die leibliche Mutter, die das Kind in der Not sich selbst überließ und das nur dank Grusches Aufnahme überlebt hat, zu einem Tauziehen um das Kind auf: Faßt das Kind bei der Hand. Die wahre Mutter wird die Kraft haben, das Kind aus dem Kreis zu sich zu ziehen. Aber Thalheimers Inszenierung gibt stringent und konsequent Grusches Verzweiflung recht: Ich hab’s aufgezogen! Soll ich’s zerreißen? Ich kann’s nicht.

Thalheimer entlässt den Zuschauer mit der an sich unwahrscheinlichsten Entscheidung Adzaks, indem er Grusche das Kind zuspricht, obwohl sie  offenkundig nicht die leibliche Mutter ist. Die moralische Wahrheit muss mit der Wahrheit des Eigentumsrechts nicht unbedingt übereinstimmen.

Im Nachgang zu diesem eindrucksvollen Theaterabend bieten Video-Interviews mit den Schauspielern auf der Homepage des Berliner Ensembles Gelegenheit, ihn noch einmal zu reflektieren. Tilo Nests Überzeugung, dass das Theater die direkteste Form der Auseinandersetzung ist, weil Menschen Menschen etwas über die Welt erzählen, erfüllt sich an diesem Kreidekreis-Abend ebenso, wie die von Stefanie Reinsperger auf das Eindrucksvollste: Das Theater (und die darstellende Kunst) ist eine der wenigen Formen, wo man als Zuschauer die Chance hat, Körper leibhaftig zu erleben, die sich aneinander abarbeiten und mir etwas erzählen.

20.02.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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