Tauchen mit Rosenquist

© Peter E. Rytz 2017

Zwischen James Rosenquist und dem Museum Ludwig Köln existiert eine langjährige Liebesbeziehung. Mit Star Thief (1980) und Horse Blinders (1968/69) verfügt das Museum über wichtige Werke des Künstlers. Dass das Museum jetzt die große Werkschau James Rosenquist – Eintauchen ins Bild (noch bis zum 4. März 2018) zeigt, wäre allein schon deshalb naheliegend.

Durch den Tod Rosenquists im Frühjahr 2017 – er hatte bis dahin noch aktiv an der Ausstellungsvorbereitung mitgewirkt und das Konzept autorisiert – ist sie jetzt zu einer Hommage für ihn geworden. Es wäre sicherlich ein erhellendes Vergnügen gewesen, die Ausstellung mit ihm zu betrachten, gibt der Katalog der Trauer melancholisch Ausdruck.

Kaum denkbar, dass jemand, der sich auf den monumentalen Bilderkosmos von Rosenquist einlässt und ihn betritt, nicht sofort allein von der riesigen Dimension der Öl-Leinwände überwältigt wird. Sie können schon mal wie Star Thief eine Fläche von 70 m2 füllen.   

Mitte der 1950er Jahre angekommen in New York, taucht Rosenquist in die virulente Aufbruchsstimmung der Metropole ein. Keineswegs als Glückskind, doch rückblickend vielleicht wohl ein vom Schicksal Begünstigter, der sich als Plakatmaler behauptete. Bei der Verfertigung von Kino-Plakaten, einer mehr oder weniger existentiellen Kärnerarbeit, ist er regelmäßig auf Farben-Tauchgang unterwegs gewesen. Painting as immersion, Malerei als Eintauchen ins Bild beschreibt seine Arbeitsperspektive: Everything that is fed into the side of one’s eyes is what lays claim to reality.

Rosenquists künstlerisches Selbstverständnis hat aus dieser Zeit seine Wurzel: Working on billboards immersed me in the act of painting. Form und Inhalt der Werbetafeln bestimmen als Bill-Board-Paintings mit ihren divergierenden, abstrakten Farbflächen wesentlich sein künstlerisches Œuvre, wie beispielsweise Untitled (Joan Crawford Says…) aus der Sammlung des Kölner Museums.

Fotografieren, kopieren, collagieren, malen – inspiriert von Bildern aus Illustrierten oder Werbebroschüren, häufig aus dem Life-Magazin -, sind die entscheidenden Tätigkeiten, die Rosenquists Arbeiten zugrunde liegen und es bestimmen.

Die freie Bewegung im Raum als physische und emotionale Erfahrung wird in Horizon Sweet Home (1970)  Öl auf aluminisiertes Mylar aufgetragen -, durch Trockeneis vernebelt und konterkariert. Irritation, Verunsicherung, Wahrnehmungsverzerrung sind kalkulierte Momente von Rosenquists Malerei – und machen die Ausstellung zu einer Selbsterfahrung mit allen Sinnen.

Die Ausstellungsarchitektur der Kuratoren Stephan Diederich und Yilmaz Dziewior dominiert exzeptionelle Gemälderäume. Sie mit ihren Motiven und Farbstrukturen zu erkunden, macht die Ausstellung zu diesem sinnlichen Erlebnis. Selbst der weniger kunstaffine, gleichwohl vorurteilsfrei schauende Ausstellungsbesucher wird sich ihrer suggestiven Wirkung nicht entziehen können.

Mit dem Eintritt in die Ausstellung stellt sich ihm Forest Ranger von 1967 buchstäblich in den Weg. Der Pfad in die Ausstellung führt direkt durch eine mobile Polyesterfolie, eine aufgeschlitzte und in Form geschnittene Öl-Leinwand auf Mylar. Dabei ist es unvermeidbar, dass man von ihr auch physisch berührt wird.

Stolz können die Ausstellungsmacher auf die seltene Ausleihe des Museum of Modern Art New York von F-111 (1964/65) sein; Rosenquists wohl berühmtestes Werk, heute einer der Ikonen der Pop Art. Zusammen mit Studien und Öl-Malerei verschiedener Fassungen von The Swimmer in the Econo-mist, eine Auftragsarbeit der Solomon R. Guggenheim Fondation New York für ihre damalige Dependance in Berlin (heute Deutsche Bank KunstHalle) anfangs der 1990er Jahre, sind sie exemplarisch für Rosenquists Prinzip des sogenannten peripheren Sehens. Mit einer derart komplex anspruchsvollen Wahrnehmung gelingt es ihm, die physische Gegenwart der Bilder in malerischer Intention zu fokussieren.

The Swimmer in the Econo-mist zeigt Rosenquist als einen aufmerksamen Beobachter des sich neu erfindenden Berlins nach dem Mauerfall. Diese, wie seine Arbeiten insgesamt, spiegeln die Überzeugung des Künstlers wider, dass die Suche nach Erkenntnis ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Seine Arbeiten sind immer auch Such-Bilder einer Reise ins eigene Ich.

Die Kölner Ausstellung, die hochkarätige Werke der Estate of James Rosenquist und von Museen wie dem Centre Georges Pompidou Paris, Moderna Museet Stockholm, The Museum of Contemporary Art, Los Angeles, The Museum of Modern Art, New York und privaten Sammlern sowie aus der eigenen Sammlung zusammengetragen hat, legt damit auch Zeugnis davon ab, dass der Sammler Peter Ludwig frühzeitig an Rosenquist geglaubt hat.

22.02.2018
photo streaming James Rosenquist

 

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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