Viel Ruhrpott-Folklore im Aalto-Theater

Rebecca Teem (Königin der Erdgeister), Jessica Muirhead (Anna) © Thilo Beu

Andreas Baesler hat sich für die Inszenierung von Heinrich Marschners Oper Hans Heiling am Aalto-Musiktheater Essen viel vorgenommen. Zu viel, wie sich schon in der Umbaupause zum zweiten Bild des ersten Akts während der Premiere markant zeigt.

Nachdem der Vorhang gefallen und die Saalbeleuchtung eingeschaltet worden ist, wähnen sich einige schon in der Pause. Sie drängen zum Ausgang, andere neigen sich dagegen fragend zum Nachbarn. Gehen oder nicht gehen, scheint sich die Frage selbst zu kolportieren. Laute Ordnungsrufe Es ist noch keine Pause! schaffen vorerst für weitere Verwirrung, ehe klar wird, es geht gleich weiter.

Im Laufe des Abends bleibt es zwar bei dieser Verunsicherung, Pause ja oder nein. Andererseits zeigt sich darin im Weiteren von fünf, mitunter mehrere Minuten andauernden, von deutlich zu hörenden Umbaugeräuschen begleiteten Szenenwechseln bei geschlossenem Vorhang ein grundsätzliches Problem der Inszenierung.

Baesler scheint von der Idee getrieben, möglichst viel Ruhrpott-Authentizität zu bebildern. Ärgerlich ist es allerdings, wenn sich vordergründig kalkulierte architektonische Zitate, wie die Krupp-Villa oder die Bergbau-Skulptur vor dem Essener Hauptbahnhof, mit einem bemühten, auf Dauer leer laufenden Ruhrdeutsch-Slang für ein falsch verstandenes Ruhrpott-Folklore-Klischee in Inszenierungshaft genommen werden.

Auch mit der Bühne-in-Bühne-Architektur von Heilings Wohnung in Kontrast zu jener von Gertrude und Anna folgt Harald B. Thor im Gleichschritt dem fragwürdig folkloristischen Sound der Inszenierung. Heilings großräumige Wohnung im 1960er Jahre-Chic mit einer Schallplattensammlung in weiß lackierten Regalen, integriertem Wandkamin und Sofalandschaft untermalt im Grünlicht flackernd (Licht: Stefan Bolliger) Heilings Verzweiflung versus der auf Puppenstubenmaße dimensionierten, armseligen Küche, in der Gertrude bedeutungshuberisch den Ofen mit Kohle heizt.

Solche Kontrastwirkungen, die in der Pose, Kanon-Kontexte der Geschichte dramaturgisch abzusichern, überzeichnen mit grober Hand, ohne nachhaltig überzeugen zu können. Wenn beispielsweise die Theatermaschine die Bühne zu Beginn des 2. Aktes benebelt und sich ein junges Liebespaar mit Zuckerwatte füttert, färbt die Bühnensprache in vordergründigen Weiß-Schwarz-Kontrasten.

Sängerisch gehört die Szene dagegen zu den überzeugendsten des Abends. Sie offenbart aber gleichzeitig ein weiteres Problem der Marschner-Oper insgesamt und der Inszenierung im Besonderen.

Jessica Muirhead moduliert mit sicherem Gefühl für Annas verunsicherte Gefühle Wehe mir! Wohin, wohin ist es mit mir gekommen? Sie ziseliert mit ariosen  Koloraturbögen einen elegisch sinnlichen Klang. In ihrem Sopran schimmern Angst und Schrecken vor Heilings enttarnter, ihr unheimlich anmutender Herkunft aus der Unterwelt der Berggeister  sowie die hoffnungsvolle Liebe zu Konrad, dem burggräflichen Leibschütz, von dem sie sich beides, Liebe und Schutz, verspricht.

Außer der Anna hat Marschner die Charaktere von Heiling und Konrad eher schmallippig komponiert. Der Wechsel von Singen und Sprechen unterbricht und zerbröselt letztlich, je länger die Aufführung andauert, einen durchgehenden Klang Stück für Stück.

Dies ist gewiss keine dankbar Aufgabe für Heiko Trinsinger und Jeffrey Dowd. Leider vermögen sie stimmlich keine Persönlichkeitsstruktur ihrer Figuren dagegen aufzubauen und solistisch durchgehend zu überzeugen. Während Trinsingers Bariton – eher unaufgeregt, auch da, wo es dramatisch zugeht, charakterisiert  – sich einer mitunter statischen Personenführung der Inszenierung anpasst -, vermisst man bei Dowd die gewisse tenorale Überzeugungskraft.

Selbst Rebecca Teem in der Rolle der Königin der Erdgeister, die Marschner in der Partitur stiefmütterlich zwischen Borke und Stamm verortet hat, kann nur bedingt ihren Sopran zur Geltung bringen. Bei ihr fällt insbesondere eine merkwürdige Platzhalterfunktion in der Dramaturgie Christian Schröders auf.

In der richtigen Pause scheint einem Besucher der Schalk im Nacken zu sitzen: Jetzt fehlt bloß noch, dass sie das Steigerlied anstimmen. Von wegen Schalk: Die Inszenierung lässt auch dieses Fettnäpfchen nicht aus. Mit gewerkschaftlicher Blasmusik-Präsenz, die schon während des Festgelages im 2. Bild – mit Juchheisa! Juchheisa!  verstärkt der Opernchor des Aalto-Theaters schunkelselige Gemütlichkeit – aus einem Lautsprecher zusammen mit einer kaum verständlichen, ideologisch befeuerten (Gewerksschafts?)Rede für Mitsinge-Stimmung sorgt, gibt das Bergwerksochester Consolidation seine Premiere in der Premiere auf der Essener Opernbühne. Ein Schelm der glaubt, keiner der Zuschauer hätte mitgesungen. Standhaft versichert der Chor in drei Strophen Glück auf, der Steiger kommt!

Baesler lässt keine Effekt-Signatur aus, Hans Heiling in seinem Ruhrgebiets-Zerrbild auf Teufel komm raus eindimensional einzufärben. Bedeutungsvoll ausgelegte rote Signalleuchten deuten das Ende einer nervigen Aufführung an, von der sich einige Opernbesucher schon während des 2. Aktes mit einem lauten Rums der Saaltür verabschiedet haben.

Heiling, zurückgekehrt in die Berggeisterwelt, die ihm keine Heimat mehr sein kann, schleppt sich nach oben zu den Bergleuten und löst mit letzter Kraft die Sprengung einer Schachtanlage aus. Der über ihr in dunklem Widerschein blinkende rote Mond wird von einem die gesamte Bühne flutenden Video der zusammenbrechenden Förderanlage überblendet.

Mit dem letzten Gesang Gottes Allmacht hat entschieden, allen Recht und allen Frieden werden Schutzhelme und Bergmannsbekleidung aus der Waschkaue ins Niemandsland einer ungewissen Höhe gezogen.

Frank Beermann lässt die Zügel der Essener Philharmoniker, die bis dahin durch Marschners mit vielen Pausen durchsetzte, kantige Partitur oft vergeblich einen nachhaltigen Klang zu verstetigen suchten, dramatisch donnernd los.

Zwar hat nicht Gottes Allmacht entschieden, dass das Drama nun zu Ende ist. Aber so mancher im Publikum fühlt sich auch erlöst, wie deutliche Buhs für das Team um Baesler andeuten. Für Solisten, Chor und Orchester gibt es trotz allem viel Beifall.

26.02.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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