Nicht alles, aber anders gut

Daniel Stock (Brigitte), Günter Alt (Die Königin von Frankreich), Thomas Mehl-horn (Die Feuer), Raphaela Möst (Paris) © Arno Declair

Tycho Mommsen, der Herausgeber der klassischen Shakespeare-Ausgabe von 1867 in der Übersetzung  von August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck  betont, dass jede Übersetzung die allgemeinen Erfordernissen der Deutlichkeit, Richtigkeit und der dichterischen Schönheit bewahren sollte und verlangt weiterhin, nicht die Grundstimmung und Freiheit des Poeten zu verlieren sowie den Gesamtcharakter einer fremden Dichtung in deutscher Zunge zu Stande zu bringen, wie er auf das Publicum wirken kann.

150 Jahre später hat Robert Schuster mit seiner Inszenierung des selten gespielten, zu Shakespeares Zeiten nie aufgeführten Dramas Ende gut, alles gut das apostrophierte Publicum heute auf eine sehr überzeugende Weise erreicht. Er überschreibt das eher einfältige Libretto nach Sonetten von Bocaccio aus Il Decamerone in einen gegenläufigen Kontext.

Bei Shakespeare darf sich Helena als erfolgreiche Heilerin der Königin von Frankreich einen Ehemann ihrer Wahl aussuchen. Sie wählt ihre heimliche Liebe Bertram. Er fügt sich widerwillig pro forma der Heirat, flüchtet jedoch in den Krieg für Florenz gegen Siena und hinterlässt die Botschaft, nur dann wiederzukehren, wenn sie ihm seinen Erbstück-Ring vorweist und schwanger von ihm ist. Shakespeare typisch nehmen die Irrungen und Wirrungen ihren Lauf.

Schuster verkehrt die Rollen und stiftet erst einmal am Anfang noch mehr Verwirrung. Er besetzt die Männer-Figuren mit Frauen, die ihrerseits von Männern gespielt werden sowie Frauen-Figuren mit Männern und Männer-Figuren mit Frauen. Zu sehen ist eine Ensemble-Leistung, die man als eine eigene Version von Commedia dell’arte bezeichnen kann.

Bertram, Graf von Roussillon verwandelt Schuster in Brigitte, die Tochter eben jenes Grafen. Daniel Stock ist mit fliederfarbenen, ärmellosen Sommerkleidchen sowohl mädchenhafte Amazone und tatkräftige Kriegerin als auch verkaufte Braut. Wie und was passiert, wenn sich ein Mann einer Frau mit einem Salto rückwärts mannbar macht, persifliert Stock in wechselnden Möglichkeitsszenarien mit großer Spiellust.

Raphaela Möst ist ParisHelena in Paris, den Pflegesohn des Grafen von Roussillon umgemünzt – und fungiert in dieser Hosenrolle als Aktions- und Reflexionsfläche der Inszenierung. Ihr Spiel zeichnet sich durch ein differenziertes Gestaltungsrepertoire aus, das zaghaftes Dulden ebenso wie geborgtes Selbstbewusstsein variabel anzuwenden versteht. Bei Bettina Engelhardt als Graf von Roussillon scheint die Hose doch etwas zu groß zu sein, als das sie sie überzeugend zu tragen wüsste.

Mit Ronny Miersch, der von Parolles, dem Gesellschafter des Grafen in hier Die Parolles spielt, changierend zwischen selbstverliebt, flockig verspielt, über die Bühne mit High Heels staksend bis zum tragischen Opfer ihres Selbst, steht mit ihm ein großartiger Komödiant auf der Bühne.

Schauspielerische Glanzstücke liefern Thomas Mehlhorn und Jürgen Hartmann gleich mehrfach. Amüsant eindrucksvoll, wie Mehlhorn die Figur La Feu, einen Vasallen des Königs von Frankreich in eine, Die Feuer und Gift verspritzt, mit Hausfrauencharme ironisiert und ebenso die Hasch rauchende Witwe in Udo-Lindenberg-Flower-Power-Anmutung umwerfend komödiantisch zelebriert. Im Schlepptau hat sie ihren Sohn Diana-Giovanni (von Therese Dörr insgesamt zu leichtgewichtig charakterisiert), der als Liebes-Wechselspieler von ihr gebrieft wird.

Mit Shakespeares Närrin, die dem Grafen von Roussillon zu Dienste ist, schlägt Schuster eine wirkungsvolle Volte. Als exotische kostümierte Geisha-Erzählerin kommentiert und verbindet sie – mal Närrin, mal Luder – das Märchenhafte mit einem nüchternen Heute. Für Hartmann eine Vorlage, die er mit Raffinement und Ironie brillant gestaltet.

Roland Riebeling und Christopher Heisler zitieren als Coco und Chanel – bei Shakespeare Diana und Violenta, französische Aristokratinnen –, die Pop-Geschichte  von Abba-Agnetha bis zu Conchita Wurst, wie Günter Alt den König von Frankreich als Queen Mum staatsfraulich mit kleinen Angela-Merkel-Arabesken lamentiert und argumentiert.

Um in diese, mitunter sogar doppelten Vertauschung als Zuschauer nicht die Übersicht zu verlieren, braucht es eine Weile. Was auf den ersten Blick kompliziert und vielleicht sogar arg konstruiert erscheinen mag, stellt sich schnell als eine aufregende, konstruktive und kreative Versuchsanordnung heraus.

Denn mit diesem Rollentauch schafft Schuster ein Spielfiguren-Tableau, mit dem er die patriarchalische Dominanz von Geschäft und Liebe a lá Bocaccios Vorläufer und Nachfolger in ihrer gesellschaftlichen Rollenfunktion gegenüber Frauen hinterfragt. Er dekliniert, ohne einer ideologisch verbrämten Gender Correctness aufzusitzen, das Miteinander der Geschlechter durch  einen allgemein gültigen, Konventionen infrage stellenden Perspektivenwechsel durch.

Die von Jens Kilian gebaute rotierende schiefe Spielebene funktioniert als  architektonischer Kommentar der Inszenierung. Nichts ist, wie es scheint. Frauen sind nicht per se die besseren Männer, wie auch Männer nicht die besseren Frauen sind, sondern in ihren verschobenen Rollen jeweils anders komisch, tragisch, oft hilflos.

Einmal fällt das Wort von der untervögelten Gleichberechtigung. Nicht Ausdruck einer sich im vulgären Straßenjargon anbiedernden Sprache der Inszenierung, sondern eher sinnbildlich für ein poetisch antizipierendes Symbol für die Schwierigkeiten, aus dem exemplarisch durchgespielten Kopfstand-Modus in eine andere, standfestere Gleichgewichtsbalance als zuvor zu kommen.

Leise Resignation – stellt die alte Ordnung wieder her -, die sich angesichts der Schwierigkeiten in der von Bertolt Brecht apostrophierten Mühen der Ebene kurzzeitig zu Wort meldet, ist das retardierende Moment bei Schuster, weiter zu gehen; stolpern inklusive.

Am Ende ist nicht alles gut, wie auch. Aber Schuster schlägt mit Shakespeare ein lesenswertes Buch auf, das man auf der Bühne in Bochum nicht verpassen sollte.

27.02.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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