Sternzeichenzeit mit Mozart und Widmann

Jörg Widmann © Jan Roloff

Es gibt im heutigen Musikleben kaum jemanden, der eine vergleichbare Mehrfachbegabung hat wie Jörg Widmann. Als viel beschäftigter Komponist – u.a. als Gewandhauskomponist vom neuen Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons für die Saison 2017/18 berufen -, als Klarinettist von Weltrang sowie seit einigen Jahren auch als Dirigent – u.a. Chefdirigent des Irish Chamber Orchestra – gehört er zu den vielseitigsten Künstlern seiner Generation.

Im Startalk vor dem Sternzeichenkonzert in der Tonhalle Düsseldorf am letzten Montag zeigt Jörg Widmann sich zudem als Erzähler mit Witz und Esprit. Gefragt, für wen er komponiere, antwortet er im Unterschied zu vielen Fernseh-Talkrunden, die fast täglich häufig nicht mehr als leichte Unterhaltungskost mit Selbstinszenierungseffekt zu bieten haben, mit einer seltenen Ernsthaftigkeit.

Seine grundsätzliche künstlerische Überzeugung – Für mich kommt Kunst von Müssen. Ich muss es machen, weil ich davon überzeugt bin – fokussiert er auf den potentiellen Konzertbesucher, indem er von der Lebendigkeit der Töne seiner Kompositionen überzeugt ist: Sie kommen aus meinem Körper und mit ihnen, hoffe ich, können sie sich in einem Konzert in Resonanz mit den Körpern der Zuhörer verbinden. Auch wenn der Zweifel immer mitkomponiert, steht am Ende eine Komposition, die ganz seine ist. Im besten Kantschen Imperativ der Aufklärung formuliert er selbstbewusst: Es ist von mir, es sei!

Das Sternzeichenkonzert mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und Jörg Widmann selbst bietet eine seltene Chance, Worte und Gedanken des Komponisten in ihrer konzertanten Praxis mit denen des Klarinettisten in derselben Person zu überprüfen. Widmanns Verehrung für Mozart, den einzigartigen Giganten, angesichts dessen genialer Größe als Komponist eigentlich alle Komponisten heute ihre Schreibwerkzeuge zu Seite legen müssten, reizt ihn immer wieder, sich in Allusionen, Überschreibungen und Reflexionen mit Mozarts Kompositionsstil auseinanderzusetzen. Musik als Musik über Musik ist ihm dabei Maßstab und Respekt.

Das Eröffnungskonzert Armonica von 2006 macht unmittelbar deutlich, welchen Referenzpunkt Mozart für Widmann darstellt. Explizit betrachtet, finden sich in Armonica kaum Mozart typische Tonfolgen. Unmittelbar spürbar und hörbar ist dagegen eine schwebende, heitere Leichtigkeit, als würde der Klang unter dem Sternenhimmel in der Tonhalle atmen.

Die von Christa Schönfeldinger geheimnisvoll gespielte, nur selten in Konzerten zu erlebende Glasharmonika – eine spät entdeckte Liebe Mozarts – schafft zusammen dem luziden Akkordeonspiel von Marko Kassl sowie Celesta und Glocken eine magische Aura.

Das folgende Konzert für Klarinette und Orchester A-Dur KV 622 von
Wolfgang Amadeus Mozart
– sein letztes Instrumentalwerk, im Todesjahr 1791 vollendet – scheint wie für den Klarinettisten Widmann gemacht. Seine Klarinette malt klangfarbige Bilder im Mozartschen Geist einer spätherbstlich umflorten Liebe.

Im Allegro fabuliert die Klarinette in trüber Melancholie, wie das kantable Adagio, das zu Mozarts bekanntesten Stücken, vielfach zitiert beispielsweise als Filmmusik in Jenseits von Afrika, gehört, evoziert das Rondo im abschließenden Allegro traumverloren.

Widmann ist ein virtuoser Klarinettist, aber kein hedonistisch selbstverliebter Solist. Er stellt sich deshalb auch nicht in Positur vor die Düsseldorfer Symphoniker, sondern findet seinen Platz in ihrer Mitte. Primus inter pares und gleichzeitig Teil des Ganzen zu sein, zeigt sich in Widmanns empathisch kommunikativ orientiertem Spiel. Dynamisch betonend wiegt er seinen Körper immer im Blickkontakt mit dem Orchester und dem Dirigenten Axel Kober. Vital kreieren sie gemeinsam einen wundersamen Mozart-Klang. Wenn Widmann dabei schwungvoll die Knie beugt, mutet es an, als würde er sich vor Mozart verbeugen.

Bevor das Sternenzeichenkonzert mit Mozarts Symphonie Nr. 41 C-Dur KV 551, der sogenannten Jupitersinfonie, glanzvoll zu Ende geht, spielt Widmann seine Elegie für Klarinette und Orchester (wie Armonica ebenfalls von 2006). Wer bisher mit diesem Begriff nur ungenau lyrische Stimmigkeit beschreiben konnte, kann mit Widmanns Elegie durchaus ein Hör-Erweckungserlebnis haben. Die Klarinette singt und klagt in meditativ entrückter Farbigkeit. Wo Widmann in Mozarts Klarinettenkonzert mit seinem Instrument tanzt, taucht er in der Elegie in einen überirdisch schönen, reinen Klangkosmos ein.

Mit der Jupitersinfonie erklimmen die Düsseldorfer Symphonikern, sensibel und dramatisch motiviert von einem charismatisch strahlenden Kober, himmlisch anmutende Höhen, in denen der Planet Jupiter im Sonnensystem seine Kreise zieht. Temperament- und kraftvoll sticht Kober den Taktstock wechselweise wie mit einer feinen Florettklinge und kräftigen Säbelhieben ins Orchester. Vielfach als Sinfonie mit der Schlussfuge bezeichnet, setzt sie einen markanten Schlusspunkt unter ein anregendes Konzertprogramm mit narrativer Nachhaltigkeit.

Bemerkenswert ist, und damit eine weitere Facette der Persönlichkeit Widmanns zeichnend, dass er nach seiner ausdrucksvoll interpretierten Elegie vom Parkett aus Mozarts  Jupitersinfonie zu genießen scheint.

01.03.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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