Sand fürs Getriebe  – Eine Betriebsanleitung von Klaus Staeck

© Peter E. Rytz 2018

Was hinter Klaus Staeck steckt, kann man auf seinen Plakaten sehen. In ihnen ist ein aufmerksamer Beobachter des bundesrepublikanischen Alltags seit den 1960er Jahren, ein engagierter Künstler und politischer Aktivist zugleich zu entdecken. Noch bis zum 8. April 2018 kann im Museum Folkwang Essen das  Selbstverständnis des Bürgers, des Künstlers, des Provokateurs und des Störenfrieds Klaus Staeck als Sand fürs Getriebe in seiner Wirksamkeit auf die Probe gestellt werden.

Sand fürs Getriebe lautet der programmatische Titel der Staeck-Retrospektive zu seinem 80. Geburtstag. Er beschreibt damit gleichzeitig die Funktion der Plakate. Gefragt, ob nicht die Bezeichnung Sand im Getriebe relevanter wäre, besteht er darauf, dass die Plakate als  irritierende Störenfriede fürs Getriebe der Gesellschaftsmaschine, von ihm als Resonanzkörper genutzt,  gestaltet werden. Sich selbst als Sand im Getriebe zu verstehen, dem widerspricht er vehement. Es wäre seiner Meinung nach selbstanmaßend und selbstgerecht: Das Plakat ist für mich Stilmittel zum Zweck.

Gespannt konnte man sein, ob die aktivistisch plakatierte Wirkung, die draußen, im öffentlichen Raum der Straßen und Plätze, im geschützten Innenraum eines Museum wiederholbar ist. Die Ausstellungskonzeption von Kurator René Grohnert, gemeinsam mit Tobias Berg und Gerhard Steidl, weicht der Frage nicht aus. Sie findet mit rund 200 Plakaten, überwiegend Original-Drucke von 1971 bis 2017 sowie einer Tapeten-Mauer-Wand eine den besonderen Umständen angemessene, ausstellungsdidaktisch wirksame Antwort.

Liest man Staecks Text Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten? von 1971 auf dem inzwischen zu ikonografischem Kultstatus geronnenen Plakat nach einem grafischen Zitat von Albrecht Dürer von 1514 im Zusammenhang mit jüngsten Analysen zu Entwicklungen des sozialen Wohnungsbaus, die bezahlbaren Wohnraum als ein wachsendes gesell-schaftliches Problem ausweisen, scheint sich bis heute, fast 50 Jahre später, nicht nur nichts verändert, sondern im Gegenteil noch verstärkt zu haben.

Auch wenn ein gleichermaßen im gesellschaftlichen Bewusstsein verankertes Plakat von 1972 Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!  im Blick auf die genannte Partei heute manchem vielleicht nur noch ein schmerzvolles Kopfschütteln abnötigt, überzeugt die argumentative Kraft von Text und Bild uneingeschränkt. Dabei bleibt Staeck sich selbst gegenüber kritisch, vielleicht sogar überkritisch: Ich werde in der Ausstellung an Dinge erinnert, an die ich nicht mehr erinnert werden will. Es waren mehr als 40 Prozesse, die gegen ihn über Jahre geführt wurden und ihm viele schlaflose Nächte eingebracht haben. Obwohl er sie alle gewonnen hat, wecken sie möglicherweise längst vergessene Existenzängste.

Mit Plakaten Demokratie-Bedarf schaffen, davon war Staeck von Anfang an überzeugt und ist es auch nach Jahrzehnten noch. Aktionen für mehr Demokratie der 1980er Jahre, wo Staeck u.a. in Oberhausen-Eisenheim und in der Grugahalle Essen das Ruhrgebiet mit 7.000 zahlenden Zuschauern gerockt hat, sind heute kaum noch denkbar. Um den Mehltau, der inzwischen die Gesellschaft bedeckt, aufzulösen, zitiert Staeck gern das Bild des Rütteltischs der Drucker. Ohne Zusammenhalt mit anderen fällt der Einzelne irgendwann abhängig vom Siebraster durch dieses.

Altersweise und durch unzählige Erfahrungen geläutert, weiß Staeck, dass nichts erledigt ist und wahrscheinlich auch immer unerledigt bleiben muss. Glückwunsch, Uli! Wir Steuern das schon 2013, ein Plakat, das mit Kanzlerin-Handschlag einem verurteilten Steuerbetrüger ein neues Entree in die höhere Gesellschaft verheißt, spricht Bände über das, was noch zu tun ist. Die Frage: Wer sind die Politiker, die angeblich alles richten wollen und denen vor allem wichtig ist, im Fernsehen zu sein? ist Staeck Anlass unmissverständlich zu argumentieren, dass, wer glaubt, durch Logik entlarven zu können,  völlig schief liegt.  Mit Plakaten Öffentlichkeit für mehr Demokratie zu schaffen, bleibt daher eine notwendige Option, um nicht stimmlos zu bleiben. Die Werkstatt des Künstlers in Heidelberg arbeitet weiterhin Tag für Tag.

Dass Staeck ein mit Mitteln der Satire arbeitender Störer der bequemen Verhältnisse, empathisch für die sozial Schwachen im Gegensatz zu den Satten, den Begüterten war und ist, davon legt die Essener Ausstellung ein beredtes Zeugnis ab.

07.03.2018
photo streaming Klaus Staeck

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Über Peter E. Rytz Review

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