Das Theater Rigiblick kennt Mel Bonis

 

Mel Bonis © Theater Rigiblick

Das Theater Rigiblick, hoch über der Stadt Zürich – nahe der Endstation der Rigibahn, nahe des Grabes von Georg Büchner – gelegen, ist es schon von seiner Lage her ein exklusiver Ort. Mit dem Eintritt in das Foyer überschreitet man eine unsichtbare Grenze. Das Exklusive vermischt sich mit der offenen Intimität eines für viele vertrauten Ortes.

Das Publikum wirkt auf den Gast von außerhalb, als hätte es sich zu einem Familientreffen verabredet. Unmittelbar spürbar, dass es für die allermeisten ein verlässlicher Ort ist, Kultur gemeinsam zu genießen. Dem Theater gelingt es seit vielen Jahren, neben den Hochkultur-Angeboten der Giganten Schauspielhaus und Opernhaus unten in der Stadt mit einem musikalisch theatralischen Angebot in eigener Höhenlage zu bestehen. Diese gewissermaßen geborene Höhe, könnte man meinen, ist Vorgabe und Maßstab zugleich. Dabei geht das Theater nicht in die Falle eines Höhenwettstreits, unbedingt nach jedem Stern am Kunsthimmel zu greifen. Das Programm zeigt eine interessante Mischung von Bekanntem zwischen Musik und Theater mit einer eigenen konzeptionell dramaturgischen Note sowie von Wiederentdeckungen eines künstlerischen Œuvres, das heute vielfach vergessen ist.

Mit der Komponistin Mel Bonis (1858 – 1937) entdeckt Armin Brunner mit seiner musikalisch literarischen Soirée Erst verspottet – dann verehrt eine Komponistin, von der nicht nur Camille SaintSaëns überrascht und indigniert zugleich war: Ich hätte nie geglaubt, dass eine Frau fähig ist, so etwas zu schreiben. Sie kennt alle Tricks unseres Handwerks.

Bonis, als Mélanie Hélène Bonis, Tochter eines Uhrmachers in einer streng gläubigen katholischen Familie in Paris beheimatet, wächst ohne musikalische Anregung auf. Allein im Orgelspiel als Teil der pflichtgemäß regelmäßig besuchten Messen öffnet sich ihr eine Welt, die sie als Komponistin von mehr als 300 Werken, darunter Kammermusik, Klavier- und Orgelmusik, hoffnungsvoll betreten wird. Das in der Wohnung vorhandene Klavier, nicht mehr als ein Möbelstück, zieht Mélanie Hélène magisch an. Unentwegt übt sie, wenn ihr neben den häuslichen Pflichten schon als kleines Kind Zeit dafür bleibt.

Nach den Plänen der Eltern soll sie Näherin werden – vorteilhaft für eine gute Ehefrau – wie sie sich das vorstellen. Dank der Fürsprache des väterlichen Freundes der Familie, César Franck, kommt es vorerst anders. Mit 14 Jahren beginnt das Mädchen am Pariser Conservatoire zusammen in der Klasse mit Claude Debussy ein Musikstudium, das ihr viel Lob und Anerkennung einbringt. Ihr Weg als erfolgreiche Komponistin scheint vorbestimmt. Als sie 1882 kurz vor der Nominierung des renommierten  Prix de Rome steht, erfahren die Eltern von ihrer Liebesbeziehung zu dem Musikstudenten Amédée Hettich und verbieten ihr den weiteren Besuch des Konservatoriums.

Von da an nimmt die Geschichte ihren tragischen Lauf. Die Eltern finden für sie in dem wohlhabenden Industriellen Albert Domange, 22 Jahre älter, zweifach verwitwet und Vater von fünf Kindern, den Mann, der dem katholischen Moralkodex der Eltern entspricht.

An die Seite eines ungeliebten Mannes gezwungen, dem sie keinen Widerstand entgegen zu setzten vermag, schickt sie sich, unterstützt von 16 Bediensteten, als Madame Domage in die Verhältnisse: Konnte ich meine Liebe nicht leben, versuchte ich wenigstens den Luxus zu genießen.

Mehr als 10 Jahre wird sie nicht mehr komponieren, dafür aber drei Kinder gebären. Verheimlicht vor der Familie, bringt sie 1899 Madelaine, die Tochter ihrer früheren, heimlich wieder aufgeblühten Liebe zu Hettich, zur Welt. Sie gibt sie in ihrer Not, vor Gott für alle Zeiten gesündigt zu haben, nach der Geburt in eine ihr nahestehende Familie. Madelaine wird auch von der von ihr spät entdeckten wahren Mutter nicht als ihre rechtmäßige Tochter offiziell anerkannt. In Bonis‘ Testament kommt Madelaine nicht vor.

Im Gegensatz dazu sind die Jahre zu Beginn des 20. Jahrhunderts künstlerisch ihr fruchtbarsten. Mel Bonis, so nennt sie sich jetzt als Künstlerin, hat ihren Vorname Mélanie Hélène bewusst in der Indifferenz von weiblich und männlich formuliert, um dem bürgerlichen Widerstands-Klischee gegenüber einer Komponistin, die es eigentlich gar nicht geben darf, nicht unmittelbar Vorschub zu leisten. Trotzdem wird sie von einigen Kritikern, wenn auch mit einem mehr oder weniger missbilligenden Unterton – Frauen gehörten nicht in die Öffentlichkeit sondern an den häuslichen Herd – sogar mit Charles Gounod, César Franck, Camille SaintSaëns oder Claude Debussy verglichen.

Im Theater Rigiblick hat Brunner auf dieser Folie ein melodramatisches Portrait der genialen Komponistin Mel Bonis konzipiert. Das Versprechen Erst verspottet – dann verehrt unterstreichen Graziella Rossi als Ich-Erzählerin und Helmut Vogel als Chronist mit differenzierender Sprachkultur. Rossi empathisch einfühlsam sowie impulsiv nachdrücklich, mit Tonstimmungen, die Mel Bonis‘ eher gebremstem Selbstbewusstsein nahe kommen. Vogel kommentiert mit nonchalanter Beiläufigkeit als auch fragender Naivität. Seine vokalbetonte, dialektgefärbte Sprache artikuliert mit rollenden Konsonanten damalige zeittypische, imperativische Aussagesätze.

In Intermezzi kommen neben der Komponistin Mel Bonis mit Fanny Hensel, der älteren, hochbegabten Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys und mit Anna Mahler Künstlerinnen mit ähnlichen schicksalshaften Erfahrungen zu Wort. Ergänzt durch einen rhapsodischen Kommentar, op. 79, Nr. 2 von Johannes Brahms, gibt die Pianistin Andrea Wiesli ausdrucksstark mit viel Gefühl für die Nuancen der einzelnen Musikstücke differenzierte Klang-Eindrücke wieder.

Zeigen  Phoebé op. 30, Nr 1 oder Les Gitanos sowie Beispiele aus Scénes enfantines op. 92 von Mel Bonis eine luftig unbeschwerten Stimmung, schwebt durch  Fanny Hensels Komposition Lied ohne Worte, op. 2 Nr.3 eine traurig anmutende Melancholie. Mit schwermütig anmutender Betonung spielt Wiesli Brahms‘ Rhapsodie – das Konzertstück eines gestandenen Mannsbildes als Komponist.

Viel Beifall am Ende und manches Küsschen danach mit den Solisten des Konzerts  bei einem Glas Wein im Foyer zeigen, dass wieder ein Abend so recht nach dem Geschmack der Freunde des Theaters Rigiblick gelungen ist.

11.03.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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