Die einsame Bratsche

Daniel Bell © Hamza Saad

Das 8. Sinfoniekonzert der Essener Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten Tomáš Netopil am Pult in der Philharmonie Essen ist eines, das einerseits durch eine außergewöhnliche Programmauswahl überzeugt.

Ralph Vaughan Williams‘ und Charles Ives‘ spätromantische  Kompositionen, die vor der sogenannten Schicksalssinfonie von Ludwig van Beethoven zu hören sind, kann man indirekt als eine Replik auf diese Sinfonie 100 Jahre nach Beethoven hören. Für den Übergang von der Wiener Klassik zur Romantik wurden aus dem Werk des Komponisten jedenfalls so manche Elemente entlehnt.

Andererseits wird das Konzert von einem ungewöhnlich unruhigen Publikum begleitet. Unrühmlicher Höhepunkt ist ein Handy, das in das dreifache Pianissimo der gedämpften Streicher zum Auftakt nach der Pause von Charles Ivesʾ The Unanswered Question tönt. Netopil bricht das Konzertstück ab. Eine Demonstration musikalischer Konsequenz und Beschämung eines Unbekannten.

Im Nachhinein wirkt dies aber wie eine doppelte Antwort. Musikalisch schafft Netopil Raum, um Ives Klangband reiner Dreiklänge mit The Unanswered Question hörbar zu machen. Indem er in der konkreten Konzertsituation die respektlose Handy-Frage unbeantwortet lässt, bewirkt er mit seinem unvorhergesehenen Umweg trotzdem Ives‘ Stille. Sechsmal intoniert die Solo-Trompete aus dem oberen Rang eine fragende 2-Takt-Phrase, der die Holzbläser in dissonantem Satz entgegnen: Die Jagd nach der unsichtbaren Antwort.

In die nach dem siebten Trompetenruf – von Ives mit ungestörte Stille kommentiert – nur noch nachklingende Antwortmöglichkeit der Streicher, lässt Netopil die Sinfonie Nr. 5 c-Moll, op. 67 von Ludwig van Beethoven übergangslos mit dem Horn-Schicksalsmotiv beginnen.

Der sogenannten Schicksalssinfonie liegt die programmatische Idee eines Weges durch die Nacht zum Licht zugrunde. Der Kopfsatz gibt mit einer monothematischen Anlage die Richtung vor. Das unverwechselbare Motiv intonieren die Hornistinnen Clara-Christine Hohorst und Clara Reichwein mit viel Gefühl für seine stringente Klangfarbe. So klopft das Schicksal an die Pforte.

Mit plakativer Direktheit, die auch den ungeübten Konzerthörer unmittelbar anspringt, steigert sich das pochende Motiv bis zum grandiosen C-Dur-Jubel im Finale. Für Tomáš Netopil eine Steilvorlage, um mit den Essener Philharmonikern im Orchestertutti beim untrennbar miteinander verknüpften Scherzo mit dem Finale in Homophonie zu schwelgen.

Mit ausgreifenden Armbewegungen setzt Netopil stilsicher Akzente, die der Dichte dieser Musik auf wunderbare Weise gerecht werden. Seine sichtbare Freude überträgt sich unmittelbar durch eine freudig entspannte, gleichwohl hochkonzentrierte Musizierhaltung ins Orchester.

Mit der Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis, einer der wichtigsten Renaissancekomponisten Englands, taucht Ralph Vaughan Williams die Konzerthörer in einen spätromantischen Rausch. Die Philharmonie scheint überirdisch zu schwingen. Netopil formt in großen Linien mit dem Streicherensemble der Essener Philharmoniker farbige Klanglandschaften mit Sentiment.

Solo-Bratsche und Solo-Violine reflektieren den orchestralen Schönklang in ausschmückenden Duo-Passagen, ergänzt durch Cello und einsetzende Kontrabässen, mit kontemplativer Anmutung.

In der sich anschließenden Komposition Williams‘ The Lark Ascending zeigt Daniel Bell, der 1. Konzertmeister der Philharmoniker über welche solistischen Ausdrucksfähigkeit er verfügt. Bell lässt auf dem Hintergrund eines orchestralen Klangteppichs die Lerche zwitschernd und tirilierend mit seinem enigmatischen Violinspiel aufsteigen. Williams‘ von einem gleichnamigen 122-zeiligen Gedicht von George Meredith inspirierte Komposition übersetzt Bell in einen festlich romantischen Klang mit den Holzbläsern, angeführt von der Solo-Klarinette.

Danach ist Pause. Allein die Bratsche bleibt einsam auf dem Stuhl liegen. Ungewöhnlich genug, scheint sie wie ein Kommentar des Solo-Bratschisten auf die ihm von Netopil versäumte personale Ehrung zum Abschlussapplaus zu sein.

Am Ende gibt es viel Beifall, der die vorangegangene Unruhe des Konzertpublikums jedoch kaum vergessen machen kann.

16.03.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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