1917, entfärbtes Rot im Deutschen Historischen Museum

Völkerfreundschaft, Stepan M. Karpow (1890–1929), Sowjetunion, 1923/24
© Staatliches Museum für Zeitgenössische Geschichte, Moskau

Das Jahr 2017 bleibt als Jahr des Gedenkens aus vielen Perspektiven in Erinnerung. Mit der russischen Oktoberrevolution vor hundert Jahren beginnt eine historische Zeitenwende, die die bisherigen gesellschaftlichen Machtverhältnisse erschüttert und nachhaltig infrage stellt. Ihre mittelbaren Auswirkungen auf Kunst und Kultur dokumentieren Ausstellungen in Bern und Zürich (1917 und die Folgen, vom 18.06.2017, hier veröffentlicht) sowie aktuell die Ausstellung 1917. Revolution – Russland und Europa im Deutschen Historischen Museum,  Berlin 1917 (noch bis 15. April 2018).

Alle Revolutionen sind letztlich getrieben von der Sehnsucht nach einem Paradies auf Erden, zumindest nach einem besseren Leben als dem bisherigen. In der Geschichte haben die Revolutionäre zwar häufig kämpferisch durchaus ein ersehntes  Freiheitstor aufgestoßen. Oft genug haben sich aber die freiheitlichen Hoffnungen als Boomerang erwiesen. Der rote Faden des Neubeginns zeigt sich oft schneller verwässert, entfärbt, bevor die Freudentränen in den Augen der Revolutionäre noch getrocknet sind.

Daran möchte offenbar die Ausstellungsarchitektur von Werner Schulte und Nadine Rasche in 1917. Revolution – Russland und Europa mit ihrem dunkelrot gestrichenen Fußboden erinnern. Er fungiert als Weg-Orientierung und Mahnung zugleich. Hilfe, um nicht vom rechten Weg der Erkenntnis abzukommen? Utopie und Wirklichkeit heißen die Wegbegleiter. Nicht selten, so ist in der Ausstellung zu sehen und zu lernen, stehen sie sich als Gegenspieler und Kontrahenten gegenüber.

Entlang einer Zeitleiste vom Aufbruch bis zum Zerfall der russischen Revolution, endend in einem ironisch konnotierten Epilog, werden exemplarische Fundstücke, wie solche vom legendären Panzerkreuzer Potemkin, in Zusammenhang mit Geschichtsdaten und Objekten der bildenden Kunst ausgestellt. Der Ausstellungsbesucher wird Zeuge dessen, wie sich die russische Revolution an ihrer ideologisch paradiesischen Hoffärtigkeit einer ausgerufenen Weltrevolution verschluckt hat.

Der Ausstellung, eingerichtet von den Kuratorinnen Kristiane Janeke und Julia Franke, tut es mit ihrer sachlich nüchternen Ausstellungsdidaktik gut, sich nicht pathetisch aufgeladen zu verheben.

Plakate, die sowohl den kulturellen Aufbruch – Alphabetismus ist die Brücke zur Blüte Deines Volkes! – als auch durch ideologische Botschaften  einer scheinbar glänzenden Zukunft – Die lückenlose Kollektivierung in den wichtigsten Getreideregionen der UdSSR ist beendet – öffentlich den revolutionären Geist beurkunden,  verbildlichen Historienbilder mit agitatorischer Pose – Die erste Demonstration. Eine Arbeiterfamilie auf dem Weg zum 1. Jahrestag, Oktober 1918 von Kusma S. Petrow-Wodkin –  auf gleiche, mitunter naiv schlichte Weise.

Die Ausstellung setzt auf didaktische Kontraste. Dem propagandistisch stilisierten Anspruch Völkerfreundschaft von Stepan M. Karpow 1923 stellt sie in einem Laboratorium der Zwanziger Jahre Arbeiten einer architektonisch-konstruktivistischen Avantgarde gegenüber. Bildende Künstler und Literaten nutzen den kurzen Zeitraum einer kreativ freien Schaffensperiode bis Ende des Jahrzehnts. Entwürfe und realisierte Arbeiten orientieren sich an einem neuen, modernen Stil des Lebensalltags, bevor sie regressiv in eine politisch ideologische Obhut zurück geholt werden.

Begleitet von ironischen Kommentaren, verlässt man die Ausstellung relativ desillusioniert von revolutionären Hoffnungen. Mag die Reminiszenz der geschichtspolitischen Deutung in der damaligen DDR 1976 mit dem Triptychon Die Oktoberrevolution von Werner Schulz in seinem schwärmerischen Romantizismus noch mit Wehmut verbunden sein, beharrt Georg Baselitz mit Lenin on the tribune (A. M. Gerasimov) unerbittlich kopfüber auf seinem Welt(un)verständnis.

Mit der rot gefärbten Skulptur Hero, Leader, God demaskiert, ironisiert und konfrontiert Alexander S. Kosolapov religiöse und politische Heilsversprechen zusammen mit denen der kapitalistischen Warenwelt. Lenin, Mickey Mouse und Jesus reduziert auf das Bild von Chimären uneingelöst bleibender, revolutionär pathetischer Glücksversprechen. Willkommen im Alltag!

19.03.2018

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Kunstausstellung veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.