Sternzeichen-Kontraste

Isabelle van Keulen © Jan Roloff 2018

Das Sternzeichenkonzert Mendelssohn 5 in der Tonhalle Düsseldorf mit den Düsseldorfer Symphonikern ist ein Konzert der Kontraste. Die Programmgestaltung, die mit Richard Wagners Vorspiel zu Parsifal und der Symphonie Nr. 5 D-Dur von Felix Mendelssohn Bartholdy die Uraufführung von Frederik Högbergs Komposition Absent Illusions. A Hunt for the Eluded Muses für Violine/Viola und Orchester einrahmt, erweist sich als ein überaus instruktiver Exkurs in verschiedene Komponisten-Werkstätten. Gleichzeitig werden geistesgeschichtliche Hintergründe der Zeit, in der die Kompositionen entstanden sind, auf interessante Weise deutlich.

Dass der bekennende Antisemit Richard Wagner offensichtlich keine Skrupel kennt, beim christlich getauften Juden Mendelssohn Bartholdy zu wildern und sich als Kopist zu bedienen, ist eine der Facetten egomanischer Selbstherrlichkeit im Leben des Großmeisters der Musikgeschichte, die nicht neu sind. Wenn allerdings der unmittelbare Vergleich im Konzert hörbar macht, dass Wagners Gralsmotiv des Parsifal in zwei Takten des Andante – Allegro con fuoco in Mendelssohn Bartholdys  5. Sinfonie so unmittelbar zu hören und ihr Ursprung zu identifizieren ist, kommt man doch aus dem Staunen nicht heraus.

Damit ist es allerdings in diesem Konzert mit den Kontrasten noch nicht getan. Joseph Bastian, kurzfristig für den erkrankten Alexandre Bloch eingesprungen, dirigiert das Parsifal-Vorspiel distanziert ohne Esprit, leider so zaghaft und übervorsichtig, dass dessen viel gepriesene Erhabenheit, seine motivische Farbigkeit in einen ermatteten Tiefschlaf versetzt wird. Die eigentlich meditativ reflektierende Wirkung von instrumental und klanglich homogenen Generalpausen wird bei  Bastians Dirigat auf Leerstellen reduziert.

Das Grals-Motiv mit seiner nicht näher bestimmbaren Gewissheit von Hoffnung auf Erlösung bleibt musikalisch unerlöst. So gut wie nichts ist spürbar vom feierlich sinnlich strömenden Parsifal-Klang, wo schon in der Ouvertüre etwas von der dezidierten musikalischen Einfalt des reinen Toren neben den harmonischen Kühnheiten der Oper aufscheint.

Kann es sein, dass Bastian Wagners explizite Orchestrierung für den abgedeckten Bayreuther Orchestergraben hinsichtlich Tempi und Lautstärke für die Tonhalle unterschätzt hat?

Konnte man beim Parsifal-Vorspiel selbst Zweifel an der Intonations-Kraft der ansonsten so präsenten Holz- und Blechbläser der Symphoniker haben, zeigt sich Bastian bei Mendelssohn Bartholdy als ein ganz anderer Dirigent. Energisch kraftvoll dirigiert er die oft stiefmütterlich behandelte, vom Komponisten selbst als nicht fertig bezeichnete 5. Sinfonie. Auch das Orchester scheint wie ausgewechselt. Bastian scheint bei  Mendelssohn Bartholdy mehr zuhause zu sein, wie er bei Wagner fremdelt.

Die 5. Sinfonie, die bis heute im Schatten der 3. und 4. Sinfonie steht und immer mit religiösen Vorbehalten zu kämpfen hat, dirigiert Bastian mit dankenswertem Engagement. Mit der Exposition der traditionell 4sätzig angelegten, archaisch klingenden 5. Sinfonie sowie mit ihren Anklängen an das gregorianische Magnificat sowie das sogenannte Dresdner Amen sensibilisiert Bastian im wahrsten Sinne des Wortes die Ohren der Konzerthörer für den Ursprung des Wagnerschen Gralsmotivs.

Die sogenannte Reformationssymphonie – erst postum veröffentlicht – bekennt sich durch den Schlusssatz mit Martin Luthers Choral Ein feste Burg ist unser Gott als eine Komposition mit religiösem Erlösungsversprechen. Mit dem farbig weltlichen Intermezzo in B-Dur Allegro vivace, das über ein Andante in g-Moll lyrisch ins Finale triumphierend überleitet, versöhnen Bastian und die Düsseldorfer Symphoniker ein wenig mit dem blassen Parsifal-Vorspiel.

Mittelpunkt des ambitionierten Konzertprogramms ist die Uraufführung von Frederik Högbergs Komposition Absent Illusions. A Hunt for the Eluded Muses für Violine/Viola und Orchester. Es hat in der Violinistin und Bratschistin Isabelle van Keulen eine engagierte, technisch brillante, den Ideen der Komposition intelligent nachspürende Solistin.

Isabelle van Keulen geht mit dem Orchester auf Eine Jagd auf die verflixten Musen; Fehlende Illusionen, die die neun Musen der griechischen Mythologie nach Auffassung Högbergs allein nicht kompensieren können. Getrieben von ihnen, angetrieben von Bastian, kämpft Isabelle van Keulen bis zu Melpomene, der Muse der tragischen Dichtung und des Trauergesang, gegen einen überbordenden Orchesterklang an. Ihre Violine verschwindet mitunter fast in ihm.

Mit dem Setzen eines hoffnungsvoll gestärkten Sonnensegels – Sögbergs AuffassungHögbergSSs  et sail for the sun – verlangt Högberg den dunklen Ton der Bratsche. Der Wettstreit von Isabelle van Keulen mit sich selbst, inszeniert per Video-Screen als der zwischen Violine und Bratsche, vorab schon begleitet von dripping art pictures und dancing graphics, generiert die zehnte Muse. Ein Triumph der Musen in Vollkommenheit.

Högbergs Selbstinszenierung als Komponist, Video-Painter zusammen mit Carolin Strindlund und Musenjäger, presented by courthouse music, hat keine Scheu vor geschmäcklerischer Eventisierung seiner Komposition. Ein Grenzgänger mit Anspruch oder anspruchsvolle Marketing-Attitüde?

Die benannten Kontraste des Sternzeichenkonzerts goutieren die Konzertbesucher mit freundlich herzlichem Applaus.

20.03.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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