Esa-Pekka Salonen – viel mehr als nur ein Einspringer

Münchner Philharmoniker © wildundleise.de

Mit Esa-Pekka Salonen am Pult der Münchner Philharmoniker in der Philharmonie im Gasteig München beim Konzert für Violine und Orchester „Dem Andenken eines Engels“ von Alban Berg sowie der Symphonie Nr. 7 E-Dur (Originalfassung 1883) von Anton Bruckner ist ein Dirigent mit großem Esprit zu erleben. Schnell wird deutlich, dass hier ein Meister seines Fachs – als Ersatz für den erkrankten Zubin Mehta – das Orchester leitet.

Salonen dirigiert mit eindrucksvoller Souveränität, als hätte er die Musik selbst komponiert. Man spürt mit jeder Taktstockbetonung, dass er eben auch ein veritabler  Komponist ist. In London, wo Salonen zurzeit Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Philharmonia Orchestra London ist, stehen im Barbican Centre einige seiner eigenen Kompositionen im Mittelpunkt der aktuellen Konzertsaison.

Dieses Dirigat fügt die unterschiedlichen Temperamente der Konzerte mit agogischem Feingespür zu einzigartigen Klangbildern. In Alban Bergs Violinkonzert bettet Salonen die Solistin Janine Jansen wie auf einer Klangwolke,  Dem Andenken eines Engels gleich. Bei Anton Bruckner dirigiert er das Orchester in symbiotischer Einheit mit überwältigender Hingabe. Ausgewogen und strukturell klarsichtig schafft er eine ungewöhnliche melodische Eingängigkeit und Suggestionskraft.

Allerdings kann das in den Bühnenhintergrund gedrängt platzierte Orchester, abgeschirmt von den nachträglich montierten Reflexionsflächen, die berüchtigten Gasteig-Akustik-Probleme nur teilweise kompensieren. Obwohl fünf Bassisten schon vor dem obligaten, gemeinsamen Bühnenauftritt des Orchesters ihr Instrument stimmen, der 1. Konzertmeister seinen Stuhl nachjustiert, kann in den Konzerten nur eine relative, suboptimale Klangreinheit erreicht werden.

Die abgestuften Grade der Tonalität bei Berg in Abstimmung von Orchester und Solistin brauchen im Andante einige Takte, um einen gemeinsamen Hörraum zu arrondieren. Der romantisierenden Aura des anekdotisch aufgeladenen memento-mori-Engels entgeht Jansen mit ambitionierter, differenzierter Bogen- und Körperhaltung. Von stiller Erhabenheit sowie expressiven Allegro-Schicksalskämpfen bis zum traurig melancholischen Adagio-Innehalten prägt Jansen ihre Interpretation mit ihrer Körperlichkeit.

Mit kreisenden Bewegungen scheint sie mit ihrer Violine auf Manons Wolke zu schweben. Die zitierte Kärntner Volksweise Ein Vogerl auf’m Zwetschgenbaum assoziiert Zeiten unbeschwerter Heiterkeit.

In koordinierter Haltung, die an asiatische Kampfsportarten erinnert, widerstreitet sie mit einem Ausfallschritt dem Schicksal. Dissonanzen türmen sich auf, eröffnen die Kadenz, die Jansen brillant im Kontext von Bergs Strukturprinzip der kleinsten Übergänge darbietet. Den Todesschrei der Lulu aus Bergs unvollendeter Oper kontrastiert sie im Wechsel von tonalem Dreiklang und chromatischem Zwölftonakkord unüberhörbar.

Im Unterschied dazu beendet Jansen, als würde sie schicksalsergeben das Unbegreifliche akzeptieren, im Andenken eines Engels aus der konzentrierten Mitte des Sonnengeflechts ihre elaborierte Interpretation.

Während Salonen im Berg-Konzert die Energie des Orchesters, angeführt von einem magisch insistierenden Blech, symbiotisch mit geschmeidiger Nachdrücklichkeit versammelt, dirigiert er Bruckner mit enigmatischer Grandezza. Vielen gilt Bruckners Siebente als die populärste. Gerade wegen ihrer ungewöhnlich melodischen Suggestionskraft gilt es mit jedem Konzert von Neuem die sinnliche Farbenpracht hörbar zu machen. Salonen gelingt dies eindrucksvoll.

Die für Bruckner typischen, flexibel farbigen Harmoniefolgen zwischen kontemplativer Ruhe und Tutti-Blöcken mit aufschichtenden Coda-Expansionen  gerieren sich bei Salonen zu einer resonanten Klangopulenz. Bruckner, Salonen und die Münchner Philharmoniker sind für Momente in einem unauflösbaren Kosmos wechselnder Klangschichtungen von Streichern, Holz, Blech sowie dem tiefen Blech der Wagner-Tuben verbunden.

In der Coda des magischen Adagios, von der verbürgt ist, dass Bruckner sie unter dem Eindruck von Richard Wagners Tod komponiert hat, malt Salonen die ihr innewohnende Feierlichkeit und Weltabgewandtheit zwar aus, ohne jedoch allein in weihevoller Verklärung zu versinken. Die Wagner-Nähe wird bei Salonen mit keinem Ton zu einem apologetischen Missverständnis. Zu hören ist ein Bruckner-Klang, der die epochale, stilistische Nachbarschaft zu Wagner nicht verschweigt, doch ihre unabhängige, geistig-seelische Individualität hervorhebt.

Die geheimnisvollen Tuben-Akkorde, die wesentlich für die ungemein farbige Instrumentation verantwortlich sind, betont Salonens Dirigat geradezu programmatisch. Bruckners unendliche Melodie der Siebenten vereint sich im Finale Bewegt, doch nicht zu schnell jubilierend mit dem Tremolo-Teppich Allegro moderato des 1. Satzes. Salonen setzt mit Verve unter eines der eindrucksvollsten und aussagekräftigsten Bruckner-Themen einen nachhaltigen Schlusspunkt.

27.03.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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