Die andere Gabriele Münter

Gabriele Münter,
Bildnis Marianne von Werefkin, 1909
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Wer glaubt, alles über Gabriele Münter schon zu wissen, wird in der Ausstellung Malen ohne Umschweife im Kunstbau der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München eines Besseren belehrt (noch bis 08. April 2018). Haben Münter-Ausstellungen der letzten Jahrzehnte sie vor allem im Umfeld der Künstlervereinigung Der Blaue Reiter in doppelter Abhängigkeit von Wassily Kandinsky  – Meisterschülerin zugleich Geliebte und Muse des Genies – sowie als mehr oder weniger künstlerisch begabte, relativ naiv intuitiv arbeitende Künstlerin, als Vertreterin der sogenannten Frauenkunst, gezeigt, folgt die Münchner Ausstellungen einer anderen Diktion.

Münters Werk ist jedoch deutlich facettenreicher, fantasievoller und stilistisch  breiter gefächert als bisher bekannt, formulieren die Direktoren des Ausstellungsprojekts –  neben dem Lenbachhaus das Louisana Museum of Modern Art Humlebæk (3.5. – 19.8.2018) und das Museum Ludwig Köln (15.9.2018 – 13.1.2019) – die kuratorische Konzeption im Vorwort des kenntnisreich recherchierten und verständlich formulierten Katalogs.

Die Ausstellung folgt dementsprechend thematischen Grundlinien in Münters Werk. Biografische Angaben beschränken sich auf wenige Ergänzungen. Das programmatische Bekenntnis der Kuratoren Isabelle Jansen und Mathias Mühling, auf eine lineare Erzählung bewusst zu verzichten, um Münters differenzierte Malweisen deutlich zu machen, erweist sich schon während des Rundgangs durch die Ausstellung als evident.

Münters Selbstbekenntnis, ohne Umschweife, ohne Drum und Dran zu malen, wird in 132, zum Teil noch nie gezeigten Gemälden sowie in fotografischen Studien, die sie während eines 2jährigen Amerika-Aufenthalts (1898 – 1900) noch vor ihren ersten gemalten Bildern erarbeitet hat, sichtbar und nachvollziehbar. In 10 Sektionen – Landschaften, Portraits und Interieurs sowie die Fokussierung auf ihr Interesse für das sogenannte Primitive, das Ursprüngliche als die Kunst des Anderen und weiterhin Aspekte von Variation und Wiederholung bis zu Phasen von Gegenständlichkeit und Abstraktion – blättert die Ausstellung kaleidoskopisch das Münter-Künstlerin-Buch Seite für Seite auf.

Fotografien, das zeigt die Ausstellung auf überraschende Weise, sind Münter immer wieder Gestaltungsvorlagen für ihre Malerei. Perspektive und Lineatur beispielsweise in der Fotografie Parkterrasse von Saint-Cloud, Blick auf Paris, um 1906 finden sich ein Jahr später im Farblinolschnitt Parc Saint-Cloud wieder. Hier deutet sich schon an, was ihr in der Landschaftsmalerei Maßstab und Orientierung ist.

Es gilt, die Natur nicht abzuschreiben, sondern sie in eine andere Darstellung zu transkribieren. Münters Landschaften sind narrative Facetten, die es dem Betrachter erlauben, seine eigene Geschichte zu erfinden. Wald – Im Wald III, 1926 – und See – Der graue See, 1932 – sind Teile eines allgemein geteilten Naturkanons. Allerdings weniger in Münters Perspektive.

Gleiches gilt auch für ihre Interieurszenen in Form eines spielerischen Umgangs mit Räumen als gelebte Orte. In Zuhören (Bildnis Jawlensky) von 1909 erweitert sich der Raum zum figurativen Zeichnungscharakter. Die von den blauen Augenpunkten ausgehende Diagonale fixiert den Raum. Gleichzeitig charakterisiert und kolportiert sie zugleich die Figur Jawlensky in einem Moment von Aufmerksamkeit und Überraschung.

Eine Qualität der Ausstellung ist es, dass sie mit nebeneinander gehängten, nur selten in Ausstellungen zu sehenden Variationen zeigt, wie Münter um das Portrait im Raum ringt. Wann hat man in den letzten Jahren Kandinsky und Erma Bossi am Tisch (Nach Tisch) von 1912 aus der Sammlung des Lenbachhauses neben Kandinsky und Erma Bossi, um 1910 aus der Sammlung des Princeton University Art Museum gesehen oder wird im Katalog auf Bagni Louisa, Rapallo, 1906 von THE EKARD COLLECTION neben Am Strand von Rapallo (Bagni Louisa), 1906 aus einer Privatsammlung aufmerksam gemacht? Selbstwiederholung als kreative Selbstverständigung der Künstlerin, die dem Ausstellungsbesucher damit Münters Arbeitsprozess verdeutlicht.

Besonders anregend und nachhaltig wirkt eine Ausstellung, wenn sie – möglicherweise auch unbeabsichtigt – zu anderen eine Brücke des Sehens schlägt. Die Sektion Die neue Gegenständlichkeit der Zwanziger Jahre zeigt Werke einer Seh- und Darstellungsweise Münters, die man eher weniger mit ihrem Œuvre verbindet. Überwiegend während der Zeit in Paris 1929/30 entstanden, sind sie einer Neuen Sachlichkeit ohne sozialkritischen Anspruch verpflichtet. Sie lesen sich wie ein Kommentar zur derzeit im Kunsthaus Zürich zu sehenden Ausstellung Magritte. Dietrich. Rousseau. Visionäre Sachlichkeit (Vision und Sachlichkeit: Zwei Seiten einer Medaille? vom 18.06.2018, hier veröffentlicht).

Auch wenn Münter von sich überkritisch behauptet, ihr seien nicht viele Portraits gelungen, fasziniert ihr Bildnis Marianne von Werefkin (1909) am Ende der Ausstellung, so oft man es auch schon in der ständigen Sammlung im Lenbachhaus oder als Leihgabe in Ausstellungen gesehen hat, immer wieder aufs Neue.

Der Ausstellung gelingt es überzeugend, Gabriele Münter als Künstlerin erlebbar zu machen, die sich in ihrer Malweise immer wieder neu erfunden hat.

30.03.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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