Eine Oper der Wunder

 

© Monika Rittershaus

Nach drei Stunden ist Das Wunder der Heliane an der Deutschen Oper Berlin vollbracht. Christofs Loys Inszenierung hat etwas Seltenes geschafft – den Opernbesucher von einem, dem Theater doch immanenten Glauben an Wunder, in einer wunderbaren Erzählung zu überzeugen. Geschichten, wo mehr denkbar sein müsste als das, was uns real begegnet, wie Loy im Programmheft zu Protokoll gibt.

Erich Wolfgang Korngolds Musik flutet permanent drängend Accelerando. Sie hat eine scheinbar grenzenlose, mystizistische Sogwirkung. Je länger die Aufführung dauert, umso fester zieht sich ein Netz entrückter Musik über die Zuhörer – und schlägt sie selbst in einen magischen Bann. Die Rückkehr des verlorenen Paradieses, wie es in der biblischen Genesis beschrieben ist, wird mit Heliane möglich, zumindest als ein konjunktivisches Theater-Menetekel, das mit seinem Versprechen auf Verwirklichung alltäglicher Lebenserfahrungen, die gemeinhin die Tatsache des Todes ignorieren, wider den Stachel löckt.

Loy paraphrasiert das Wunder als einen Hymnus an die Liebe. Korngolds eruptiv lyrisch, widerspruchsvoll changierende Komposition übersetzt das Libretto von Hans Müller-Einigen nach einem theosophisch religiösen Essay Der Heilige von Hans Kaltneker in einen Widerhall von Klang und Eros. Loys Inszenierung reflektiert auf diesem Hintergrund den Liebesbegriff in seinen erotisch religiösen Tiefendimensionen und beschwört doch trotz aller sich heroisch gebender Todessehnsucht die Liebe zum Leben.

Korngold setzt mit dem adaptierten Libretto musikalisch einen humanistischen Kontrapunkt zum Egoismus des Lebens. Nicht hedonistische Stilisierung oder hochmögende Heldenverehrung, sondern eher ein Samariter-Ethos im Sinne einer Heilgehilfin, wie ihn der Duden veraltend übersetzt, ist der inszenierte Resonanzraum. Das Handlungsmotiv von Agape, dem frühchristlich tradierten Verständnis von einer selbstlosen, nicht sinnlichen Liebe ist der zentrale Ankerpunkt von Das Wunder der Heliane.

Ein Fremder kommt in ein Land, in dem Lachen und Liebe verboten sind. Seine Botschaft von Freude und Licht reichen aus, um ihn zum Tode zu verurteilen. Des Herrschers Unfähigkeit zu lieben, ist ihm Maßstab, die Liebe für alle zu verbieten. Heliane, die Gemahlin des Herrschers, die von diesem Liebesverbot verzehrt wird, sieht sich, konfrontiert mit dem Todesurteil an dem Fremden, wie von einer höheren Erlösungsmacht zum Handeln getrieben und in die Pflicht genommen. Der Fremde ist fasziniert von ihrer Lichtgestalt und ersehnt von ihr ein letztes Liebesopfer vor seinem Tod. Sie erlaubt ihm, ihr Haar zu bewundern, ihre Füße zu küssen – und sie in reiner Unschuld nackt zu betrachten. Diese übersinnliche Hingabe wird vom Herrscher entdeckt und fordert nach den Gesetzen des Landes auch ihren Tod.

Jene bedingungslose, grenzüberschreitende Hingabe des Ich an das Du in ihrer dramatische Konfrontation von diesseitiger und paradiesischer Liebe inszeniert Loy in einem von Johannes Leiacker gebauten Raum, der an eine herrschaftliche, gleichwohl sparsam möblierte Villa erinnert. Klösterliche Bescheidenheit und erotische Aufwallungen, umrahmt und eingeschlossen von hölzernen Paneelen. Die Anmutung, als würden sich die Wände zu krummen Hölzern biegen, die den aufrechten Gang verhindern, durchzieht eine Kniefall-Metapher die Inszenierung. Verweigert der Fremde den Befehl des Herrschers, vor ihm auf die Knie zu gehen, wird er später selbst vor ihm in die Knie gehen, um vom Fremden eine Handlungsanleitung zum Lieben zu erflehen.

Die seraphische Botschaft Selig sind die Liebenden. Die der Liebe sind, sind nicht des Todes folgt jedoch nicht dem law-and-order-Prinzip. Das Wunder von Helianes Liebe wandelt auf Wegen, die von Richard Wagners Metaphysik der Geschlechtsliebe und ähnlichen synkretistischen Vorstellungen einer höheren Liebeswertigkeit gesäumt werden.

Marc Albrecht lässt von Anfang an keine Zweifel aufkommen, wie er dieses Wunder als wunderbare Offenbarung des Komponisten Korngold versteht. Er entfacht mit dem Orchester der Deutschen Oper schon mit den ersten Tönen an Klangzauberei gemahnende, ergreifende Gefühlskaskaden. Der mit entrückter  Noblesse intonierende, von Jeremy Bines in den Stimmmischungen vortrefflich organisierte Chor und Extrachor der Deutschen Oper eröffnet mit der Eloge Selig sind die Liebenden und gibt die Richtung der Wunder-Musik vor.

Fortan fühlt man sich wie von Engelsflügeln in einen grandiosen Kosmos der Gefühlsausbrüche hineingetragen. Diese Loy-Heliane ist ein gleichermaßen beeindruckendes Hör- wie auch sinnlich bezauberndes Seh-Ereignis. Es sind seltene Momente im heutigen Opernspielbetrieb, wo sich Inszenierungen häufig auf Krawall gebürstet gefallen und die pornografische Grenzlinie oftmals bedenkenlos  geschrammt wird – und manchmal sogar mehr -, dass sich Nacktheit als Kunst der Poesie in ihrer ganzen Schönheit zeigen kann.

Ist Sara Jakubiak vor allem deshalb eine grandiose Heliane, weil ihre Koloraturen makellos und rein in der zentralen Arie des 2. Aktes Ich ging zu ihm bis zum zweifach gestrichene Ais reichen oder weil ihre Enthüllungsszene im 1. Akt die Poesie der Musik mit der Poesie des Aktbildes, wie sie Generationen von bildenden Künstlern beschäftigt haben, Gestalt werden lässt? Beides sind Teile einer beeindruckenden Darstellung, wo Stimme und Körper höchsten Kunstanspruch in subjektiver Einmaligkeit einlösen.

Oder soll man staunend zugeben, von der tenoralen Ausdruckskraft Brian Jagdes, von seinem Klangvolumen beeindruckt zu sein, das den Tutti-Fehdehandschuh des Orchesters aufnimmt und auf Augen-, respektive Ohrenhöhe zusammen mit ihm Wunder vollbringt?

Erst vom Fremden, der über eine ihm unbekannte Macht verfügt, gedemütigt, später vom Mezzosopran-Dunkel Okka von der Dameraus als Botin ins selbstvernichtende Abseits getrieben, zieht Josef Wagner als König virtuos alle Bass-Register.

Mit dieser solistischen Klangmacht, in der nur Burkhard Ulrichs Tenor als Der blinde Schwertrichter in seiner vokalen Faktur unbestimmt bleibt, schafft Albrecht einen musikalisch entrückten und traumartigen Furor, der für viele sicher als eines der wirklichen Wunder der Heliane mit langer Halbwertzeit in Erinnerung bleiben wird.

09.04.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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