Parsifal konzertant total

 

Nina Stemme (Kundry), Sir Simon Rattle, Stuart Skelton (Parsifal), Berliner Philharmoniker © Monika Rittershaus

Abschiede können schmerzvoll sein. Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker befinden sich seit Monaten auf einer langen Abschiedstour. Obwohl sie erst im Sommer 2019 endet, kommt mit jeder Aufführung ein Gefühl der Melancholie auf, das Konzert in dieser Konstellation zum letzten Mal zu sehen. Bei der konzertanten Aufführung von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal in der Philharmonie Berlin strahlt Rattle, nachdem der Rundfunkchor Berlin, von Simon Halsey stimmvariabel perfekt vorbereitet, mit dem geheimnisvolle Erlösung dem Erlöser einen strahlenden Schlusspunkt gesetzt hat, voller Zufriedenheit.

Von Schmerz oder Trauer ist an diesem Abend nichts zu spüren. So voller Schmerz und Zweifel Parsifals Weg als reiner Tor auch sein mag, am Ende des Konzerts bleibt in Erinnerung, Zeuge eines denkwürdigen Konzerts gewesen zu sein. Es ist ein beispielhafter Beleg dafür, welche ingeniöse Reife nach fast 20jähriger Pflege ein Orchester erreichen kann. Rattle hinterlässt in der langen, ruhmreichen Geschichte der Berliner Philharmoniker Konzert für Konzert weiterhin nachhaltig seine Spuren. Dieser konzertante Parsifal kann sicher schon heute als einer der Höhepunkte in einer gewachsenen künstlerischen Gemeinschaft zwischen Dirigent und Orchester bezeichnet werden.

Mit der Ouvertüre ist ein osmotisches Ein- und Ausatmen zwischen ihnen zu spüren. Zu hören ist eine sphärische, weihevolle Musik, ein von Generalpausen markiertes, meditatives Schwingen. Die Oboe deutet schon die Finsternis aus, die sich über den Gral senken wird. Ein Motiv, das eine nicht näher bestimmbare Gewissheit von Hoffnung trotz alledem signalisiert. In langsam abfallenden chromatischen Linien klingt vollendete Schönheit vom Podium.

Diese konzertante Aufführung demonstriert nachhaltig, was sie im Vergleich zu einer Opernaufführung leisten kann. In erster Linie ist Parsifal natürlich eine Oper. Sie ist vor allem die Wagner-Oper, die von ihm dezidiert für Bayreuth mit seinem verdeckten Graben komponiert worden ist. In ihr manifestieren sich seine theaterpraktischen Intentionen. Mystischer Abgrund von Bühne und Musik zugleich. Glühende, instrumental und klanglich nuancierte Mischfarben lassen die Musik sinnlich strömen. Diese Klänge geben dem Bühnenweihfestspiel seine musikalische Struktur.

Das noch ein konzentriertes Mehr entdeckt werden kann, wenn allein die Musik zu hören ist, legt Rattle mit den Berliner Philharmonikern und dem Rundfunkchor Berlin unnachahmlich offen. Konzertant beweist sich, im wahrsten Sinne des Wortes ungeschminkt, allein die narrative Ausdruckskraft der Komposition. Abgesehen von wenigen gestischen Andeutungen der  Solisten, die sie aus ihren Opernaufführungen zu erinnern scheinen, gilt allein die musikalische Artikulation und gesangliche Intonation (vgl. Wiederaufnahme Parsifal an der Oper Zürich mit Stuart Skelton als Parsifal – „Parsifal – Wiederaufnahme im Wagnerjahr“, vom 24.03.2013 – und Nina Stemme als Kundry – „Unerlöst erlöst in Zeit und Raum“, vom 13.03.2018 -, beide hier veröffentlicht).

Indem Rattle den Damenchor und Titurel von den oberen Rängen und den Männerchor vom Orchesterpodium singen, die Wagner-Tuben aus dem Hintergrund das Parsifal-Motiv intonieren lässt, bildet er ausdrucksvolle klangszenische Brücken: Zum Raum wird hier die Zeit.

Er dirigiert mit dem für ihn typischen, emphatischen Ganz-Körper-Einsatz. Jede Faser seines Körpers ist bis zu seinen auffordernden Lippen-und Augenbewegungen von allumfassender Musikalität durchwirkt. Wagners Bühnenweihfestspiel geriert unter seinen Händen zu einer grandiosen Musikweihe.

Mit der konzertanten Aufführung wird deutlicher als in einer Opernaufführung, in der Bilder und Klänge synchron wahrgenommen werden, wie die stimmlichen Anforderungen nach Textumfang und gesanglicher Gestaltung zwischen den Solisten verteilt sind.

Dass Gurnemanz den umfänglichsten Text zu bewältigen hat, dass Parsifal langsam vom anfänglichen Schweigen expressiv, aber differenziert vor allem ab dem 2. Akt gestaltend gefordert ist, dass Kundry aus einer ähnlich zurückgenommenen Haltung erst in Klingsors Zaubergarten expressis verbis Farbe bekennen muss, dass Amfortas‘ Klagegesang das Geschehen partiell begleitet, dass Klingsors zentraler Auftritt im Zaubergarten einen Wendepunkt markiert, kann man aus dem Libretto und der Partitur ablesen. Wie diese unterschiedlichen Temperamente konzertant eine grandiose, eigenständige Gesangskultur entwickeln können, ist an diesem Abend in der Philharmonie zu erleben.

Franz-Josef Seligs Gurnemanz ist nicht nur wegen jener der Textlänge geschuldeten Präsenz der solistisch überragende Mittelpunkt mit einem langen Atem. Sein Bassbariton lotet die Tiefen mit einem sonoren, erdfarbigen Kolorit aus, wie er in den Mittellagen mit einer überlegenen Erzählhaltung Durch Mitleid wissend, der reine Tor, harre sein, den ich erkor ausdrucksvoll gestaltet. Er imponiert mit einer extremen, selten zu hörenden Textverständlichkeit.

Dass Stuart Skelton weniger sprachdeutlich agiert, fällt im unmittelbaren Vergleich zwar auf, beeinträchtigt aber die Interpretation seines Parsifals in Gänze nicht wirklich. Wenn er auf Gurnemanz‘ Fragen nur immer wieder Das weiss ich nicht. mit temperiertem Tenor antwortet, ist schon zu ahnen, welches Potenzial sein silbriger Tenor hat. Gesangsdramatisch berserkerhaft widersteht er Kundrys Liebeswerben, um Momente später in einer tiefleisen Reprise Oh! – Qual der Liebe! seine Stimme andachtsvoll fast stumm verhauchen zu lassen. Das ist große, eindrucksvolle Gesangskultur, auch wenn sein Tenor in den Höhen mitunter etwas klirrt.

Nina Stemme charakterisiert mit ihrem ersten Gesangseinsatz Hier? Nimm du! – Balsam…die Kundry einen alle Mezzosopran-Register nutzende Ausdruck. Sie singt sowohl mit lyrisch schlanker, farbenreicher Stimme als auch mit einem dramatisch akzentuierten Timbre in der Tongebung. Menschlichkeit und Verletzbarkeit, Leidenschaft und Tragik beschreibt ihr seelenvoller Mezzosopran nachdrücklich.

Der kultivierte Bassbaritonton von Gerald Finley zeichnet in melancholischer Anmutung einen inferior verzweifelten Amfortas. Finley wirkt mit seinen Auftritten tiefenentspannt, als wäre er im Amfortas-Kosmos versunken. Einmal scheint Rattle bei seinem Einsatz für ihn regelrecht erschrocken. Aber Finley ist alles andere als schläfrig versunken. Er seziert die Töne wie ein Goldschmied, der mit sicherer Hand modelliert.

Der Klingsor-Bassbariton von Evgeny Nikitin  akzentuiert und strukturiert mit hedonistisch dämonischer Attitüde. Er typisiert mit geradezu martialischer Männlichkeit. Reinhard Hagen  charakterisiert mit seinem grundständigen Bass den Titurel unaufgeregt, ohne als Sänger mit größeren Variationen gefordert zu sein.

Am Ende bricht sich der Jubel Bahn. Wenn nach Parsifal-Aufführungen eingedenk des heiligen Karfreitags früher häufig geschwiegen wurde, lässt die weitverbreitete Event-Kultur kaum noch eine Gelegenheiten aus, sich selbst zu feiern. Die Begeisterung über Wagners fulminante Weihemusik brauchte in der Philharmonie zu Recht einen Platz, den Musikern ihre respektvolle Reverenz mit Beifall und Bravi-Rufen zu erweisen.

10.04.2018

 

 

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Über Peter E. Rytz Review

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