Wie Goetz den Krieg ausruft

 

Constanze Becker © Julian Röder

Blut blutet blutig nach dem Rasierriss durch Rainald Goetz‘ Stirn mehr als 30 Jahren später ungestillt. Es tropft in Krieg emblematisch von der Bühne des Berliner Ensembles. An einer hochragenden Bretterwand gibt ein Kind den action painting artist in residence. Farben verspritzend auf einer Motivfolie von Der Wanderer über dem Nebelmeer nach Caspar David Friedrich, mengen sich Gerüche der Farben und ein lasziver Psychodelic Pop (Musik: Rashad Becker) zu einer eruptiven Gemengelage.

Das Gebräu aus Farben, Sound und Gerüchen ist die Ouvertüre zu einer Flash- Mob-artigen Etüde nach der vom Post-Punk adaptierten Melodie Macht kaputt, was Euch kaputt macht; wahlweise auch nach Georg Büchners Pamphlet Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Leersätze mit der Scheinheiligkeit von Lehrsätzen – Es lebe/Das Leben/Die Revolution/Der Sieg – entleeren Dreck und Revolution auf die Bühne. Dass sie als Worte ständig wiederkehren, damit markieren sie Grenzsteine von Goetz‘ Perzeption der bürgerlichen Gesellschaft. So wie die Bühne für ihn das Letzte ist, aber wenigstens das Leben, so benutzt sie Robert Borgmann in seiner Inszenierung für ein auf Dauer redundantes Prost ihr Ärsche, Klassenkampf!

Wortgemetzel-Attacken im andauernden Return-Modus: Hirnlos antiintellektualisiertes Gebrabbel mit klassenkämpferischer Trinkerpose gegen Peinsäcke jedweder bürgerlicher Couleur. Sie rollen für Stefanie Reinsperger und Ingo Hülsmann als Bubi und Harald – Bubi Scholz, Preisboxer und Mörder sowie Harald Juhnke, Entertainer und Trinker, beide Bürgerlegenden der alten Bundesrepublik im Wohlstandsrausch – einen blutrot befleckten Teppich aus. Ein Dreckfetzen, auf dem sich lustvoll aktionistisch durch die heiligen Kriege der Familien, der Schlachtenmaler und der selbsternannten Heilsbringer hin und her schliddern lässt.

Jeder Textversuch ohne Chance in diesem Krieg, sich seiner Sinnhaftigkeit zu vergewissern. Absurdes Theater in der Wahrnehmung von Borgmann, das alle Verständigungsversuche als Produkte aus der Phasendreschmaschine entlarvt. Der Kulturbetrieb verschluckt sich am Werbebranchen-Sprech, wie sich der Voll-Horst logisch, optimal, super durch die Handy-Hörmaschine stottert.

Warum? Wozu? Wer will das schon so genau wissen? Und die Beuys Boys protestieren gegen User-Feindlichkeit, wie die, die Ich als Frau behaupten wollen, einem  Miss-Verständnis aufsitzen.

Annika Meier lockt mit Slapstick-Attitüde jeden Anflug von Wirklichkeitsvermutung in die Sackgasse. Von blutenden Kopfplatzwunden tropft es wieder rot. Kein Notausgang, nirgends.

Befreiung von allem und jedem kommt so über die Ordnungsfrage nicht hinaus.  Reinsperger mimt es radikal. Berserkerartig reißt sie sich die Klamotten bis auf die Unterhose vom Leib, zerstampft die Selbstbefreiungssehnsucht im schreienden Wort-Rhythmus von Arbeit, Dreck, Schmerz und Hirn.

Über Constanze  Beckers erhaben sich aufplusternder Reifrock-Deklamation kreist eine rote Flex in einem sich absenkenden Neon-Kreis. Nach zweistündigem Wort-Geflacker ist erst einmal Pause. Die sinnlos schönen Anti-Posen versinken im Trinken-ist-Kampf-Geraune: Ich wollte von früher erzählen.

Für einige Zuschauer sind alle Schlachten offenbar schon zur Pause geschlagen. Sie kehren dem Theater an diesem Abend den Rücken. Im Nachhinein kann man ihnen sogar recht geben.

Borgmanns Inszenierung behauptet, Krieg ist drei Theaterstücke: Krieg – Schlachten – Kolik. Das retardierende Ich, der Schlachtenmaler in Schlachten ist wenig mehr als nur eine aufgepoppte Punk-Version von Honoré de Balzacs Erzählung Das unbekannte Meisterwerk. Nur Ankündigung, nur Illusion von großer Meisterschaft. Gerrit Jansen gibt als der Schlachtenmaler den Familientyrann mit der Peitsche des illusionären Irrsinns: Reduktion – Ruhe – Essenz.

Nach den hochtemperierten Wort- und Körperschlachten der elaborierten Schauspieler-Garde des neuen Intendanten Oliver Reese reduziert sich in Kolik die schauspielerische Geste allein auf Aljoscha Stadelmann. In der Art des Hieronymus im Gehäus in Albrecht Dürers Kupferstich sitzt Stadelmann eingezwängt in einem Kasten und dekliniert in einem fast 60minütigen Monolog noch einmal den heiligen Krieg der bürgerlichen Kleingeisterei durch. Die Aneinanderreihung von Goetz‘ spracherfinderischen Repliken, das Memorieren seiner Wortungetüme ist eine staunenswerte Denkleistung.

Als Stadelmann in gefühlt 50maliger Wiederholung Stirb still! beschwörend apokalyptisch endet, ist nicht auszumachen, ob er erschöpfter ist als Teile des Publikums. Sie haben aber noch genügend Energiereserven nach mehr als vier Stunden, donnernd zu applaudieren.

10.04.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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