Petrenko designiert mit Dukas, Prokofjew und Schmidt

 

Kirill Petrenko, Yuja Wang, Berliner Philharmoniker © Monika Rittershaus

Wenige Tage nach der umjubelten konzertanten Parsifal-Aufführung (Parsifal konzertant total vom 10.04.2018, hier veröffentlicht) mit Sir Simon Rattle steht sein designierte Nachfolger Kirill Petrenko am Pult der Berliner Philharmoniker. Mit einem ungewöhnlichen Programm, einer Mischung aus Kompositionen, die zum Kanon der klassischen Sinfonik zählen und solchen, die nur selten aufgeführt werden, gibt Petrenko einen Vorgeschmack darauf, wohin die Reise mit ihm und den  Berliner Philharmonikern gehen könnte.

La Péri, Poème dansé von Paul Dukas, das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 26 von Sergej Prokofjew sowie die Symphonie Nr. 4 C-Dur von Franz Schmidt verbinden impressionistisch gefärbte, lyrisch fließenden Tonmalerei mit eruptiven Aufwallungen. Gustav Mahler und Anton Bruckner sind mutmaßliche Referenzpunkte, die klangfarbig durchleuchten.

Die agogische Lebhaftigkeit im Wechsel von Accelerando und Ritardando kommt Petrenkos körperintensivem Dirigat passgenau entgegen. Mit seinen blitzschnellen Wendungen zu den links und rechts geteilten Violinen und Bratschen sowie mit seinen ausgreifenden, den ganzen Körper nach oben ziehenden Armbewegungen, Pauke, Holz- und Blechbläser dezidiert animierend, gelingt Petrenko eine harmonisch schwingende Präsenz und Einheit von Dirigent und Orchester. Mitunter kann man den Eindruck haben, als wolle er unbedingt jede einzelne Note dirigierend betonen, um die Kompositionen, absolut filigran ausmalend, fließen zu lassen.

Alle Konzerte des Abends verbindet eine solistische Programmatik – nicht nur mit Yuja Wang als Solistin des Prokofjew-Klavierkonzerts, sondern ebenso den Soli von Trompete, Cello und Violinen-Solo bei Schmidt sowie der finalen Klarinette und – wenn auch weniger deutlich solistisch – den melodischen Verzierungen von Flöte und Englischhorn bei Dukas.

Dukas‘ Auftragskomposition als Poème dansé für Sergej Diaghilevs Ballets russes, 1911 geschrieben, ist mit dessen Tänzern nicht zur Aufführung gekommen, der Legende nach, weil die Rolle des Prinzen Iskender, der Persien auf der Suche nach der Blume der Untersterblichkeit durchwandert, für den Solotänzer Vaslav Nijinsky keine angemessene Herausforderung darstellte. Als würde er dem widersprechen, dirigiert Petrenko die irisierende Tondichtung La Péri mit tänzerischer Anmutung. Er entfaltet ein üppiges impressionistisches, mit orientalisch klingenden Melismen angereichertes Musik-Panorama-Gemälde.

Spannungsvoll mit dem Oberkörper dem Orchester zugeneigt, ist sein Auftaktzeichen ein zartes Piano-Tupfen. Glissandi, von den Streichern aufgenommen, zirpen, schwirren, tänzeln die Töne Klang-Triumphe. Petrenko übersetzt Dukas‘ kunstvolle Orchestrierung, einen Sonatenhauptsatz mit einem doppelten Variationszyklus, in einen brillant schillernden Orchesterklang. Dabei scheinen die retardierenden Trompeten-Einsätze schon auf Schmidts 4. Sinfonie mit der Trompeten-Solo-Introduktion zu verweisen.

Schmidts viersätzige Komposition Symphonie Nr. 4 C-Dur lässt Petrenko ohne Satzpausen erklingen. Sie beginnt und endet mit einem einsamen Trompetensolo, von dem Schmidt meinte, es sei die letzte Musik, die man ins Jenseits mitnimmt. Die 4. Sinfonie ist letztlich ein Requiem für seine nach der Geburt verstorbene Tochter Emma, programmatisch ähnlich dem Konzert für Violine und Orchester, Dem Andenken eines Engels von Alban Berg (Esa-Pekka Salonen – viel mehr als nur ein Einspringer, vom 28.03.2018, hier veröffentlicht).

Eine wehmütig melancholische Trompete ziseliert weich fließende, sinfonische, an Johannes Brahms erinnernde Klangkaskaden. Von Harfen unterstützt, denen sich Horn und Oboe anschließen, lässt Petrenko das Orchester mahleresk schwelgen. Mit weit ausladenden Gesten, scheint es, als versammelte Petrenko in seiner Brust die Energie, die er im nächsten Moment mit nun eruptiv nach oben gestreckten Händen Allegro molto moderato ins Orchester schüttet.

Mit einem Cello-Solo, mit dem der Komponist Schmidt dem Cellisten Schmidt der Wiener Hofoper selbst ein Denkmal setzt, geriert sich das Trauermarsch-Adagio als Zentrum der Sinfonie. Empfindsam steigert Petrenko Streicher und Holzbläser, Horn und Posaune bis zur Solo-Violine mit  immensem Ausdruckswillen. Das anschließende, gespenstische Scherzo molto vivace beginnt eine resignierende Rückführung. Begleitet von einer rasanten Tarantella und einem skandierten Strahlen des Blechs, leitet es zum Trompetenthema über. Mit einer vom Horn-Quartett eingeleiteten Reprise verklingt die Sinfonie mit dem markanten Trompetensolo des Anfangs.

Sinfonisch solistischer Höhepunkt des Konzertabends in der Philharmonie ist das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 26 von Sergej Prokofjew mit Yuja Wang. Prokofjews Sinfonie fängt mit einer lyrischen Klarinette da an, wo Dukas aufgehört hat. Rhythmisch vital staccato setzt Wang ein, steigert mit höllischen Tempo-Schüben, die das Orchester Fortissimo kontrastiert. Die Wechsel von kraftvoll dynamischer Aufwallung und zärtlichem Pianissimo dirigiert Petrenko mit der Balance von orkanartigem Sturm und sinisterer Windstille.

Wangs suggestive Spielhaltung in den fünf Variationen des 2. Satzes, mit meditativo oder giusto bezeichnet, gibt deutliche Hinweise, wo Jazzimprovisationen á la Keith Jarrett ihren Ursprung haben. Als würde das Allegro das Prinzip von Thema und Reprise in eine Form von Ruf und Echo ummünzen, reiht Wang atemberaubend virtuos Episode an Episode einer Suche nach der spätromantischen Blauen Blume – assoziierend Dukas‘ Blume der Unsterblichkeit in La Péri

Mit Aplomb, mit gleicher Gefühlserhabenheit setzten Petrenko und Wang einen spektakulären Schlusspunkt. Der laut applaudierende Jubel trotzt der Solistin keine Zugabe ab, lässt aber schon zur Pause die Gesichter der Konzertbesucher zufrieden strahlen. Nach dem finalen Schmidt-Konzert feiert es dann enthusiastisch Petrenko und die von ihm besonders hervorgehobenen Solisten seiner zukünftigen Berliner Philharmoniker.

13.04.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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