Salonen im Vergleich umjubelt

Esa-Pekka Salonen © Benjamin Ealovega

Es ist immer reizvoll, innerhalb weniger Wochen einen Dirigenten mit verschiedenen Orchestern und Programmen zu erleben. Im März 2018 dirigierte Esa-Pekka Salonen am Pult der Münchner Philharmoniker in der Philharmonie im Gasteig München mit der Symphonie Nr. 7 E-Dur (Originalfassung 1883) von Anton Bruckner gegen die akustischen Unwägbarkeiten des Münchner Konzerthauses mit Esprit und einer gehörigen Portion Mut sowie Raffinesse an (Esa-Pekka Salonen – viel mehr als nur ein Einspringer vom 27.03.18, hier veröffentlicht). Im Essener Gastspiel schimmert zwischen den etwas 100 Jahre auseinanderliegenden Kompositionen Beethovens und Mahlers ebenfalls Bruckner als musikgeschichtliche Brücke zwischen ihnen auf interessante Weise durch.

Jetzt gastiert Salonen mit seinem Orchester, dem Philharmonia Orchestra London, in der Philharmonie Essen. Unmittelbar nach Konzertende fährt der Truck des Orchesters vor das Konzerthaus. Beschriftet mit Philharmonia Orchestra London, Principal conductor Esa-Pekka Salonen, erst einmal nicht mehr als eine nüchterne Information. Im Konzert zeigt sich Salonen sowohl bei der Sinfonie Nr. 2 D-Dur, op. 36 von Ludwig van Beethoven und noch viel mehr bei Gustavs Mahler Sinfonie Nr. 1 D-Dur, „Titan“ alles andere als nüchtern.

Dirigierte Salonen schon in München mit eindrucksvoller Souveränität, als hätte er die Musik selbst komponiert – in der Tat ist er auch ein veritabler  Komponist! -, spürt man in Essen, dass zehn Jahre Arbeit als Chefdirigent das Orchester zu einer harmonisch distinktiven Gemeinschaft geformt haben. Dabei fällt auf, dass die Violinen und Bratschen im Verhältnis von 3:1 von Frauen zu Männern besetzt sind und von denen wiederum die Mehrheit der Generation 35 – 40 Jahre angehört. Den Beethoven spielen sie entsprechend jugendlich lebhaft, geradezu übermütig frisch, während sie bei Mahler forsch und unverstellt die Gegensätze von lyrischem Erzählen und lautstarkem Behaupten, die harmonischen mit den dissonanten Klanggegensätzen ausdrucksstark miteinander verbinden.

Salonen dirigiert äußerst temperamentvoll mit agogischem Feingespür. Zu hören sind wunderbar differenzierte, die Gegensätze mit Generalpausen betonende Klangbilder. Vor jedem Satz wirkt er mit Anflügen eines inspirierten Lächeln lässig entspannt, um konzentriert, mit einem Blick sich vergewissernd, dass alle es im gleich tun, zu beginnen. Er weiß, worauf er sich bei seinem Orchester verlassen kann.

Beim Adagio der Beethoven-Sinfonie fächert der Dirigent feingliedrig mit gelassener Würde die einzelnen Instrumentengruppen auf. Subtil abgestuft, dirigiert er kleinste Zwischenwerte fast unmerklich. Fortsetzend im Allegro con brio, streckt sich sein ganzer Körper, unterstützt von Ausfallschritten, zu einem triumphierenden Tutti empor. Das erinnert in seiner tänzelnden Beweglichkeit an japanische Kampfkunst.

Im weitausschwingende Larghetto gibt Salonen den Streichern viel Raum, farbig zu malen, wie er im Scherzo geistreich das Drei-Ton-Motiv kaleidoskopisch entrollt. Das hochvirtuose Finale gipfelt in einem Sturmlauf, das er mit beschwingter Zwischenstück-Leichtigkeit in Tutti-Bravour leuchten lässt.

Ähnlich wie bei Beethoven taucht Salonen bei Mahler mit der ersten Tongebung in ein Meer sinfonischer Übersinnlichkeit. Mit sanftem Nachdruck, mit einem mehrfachen Pianissimo aus fast un­hörbaren Tönen zum Auftakt des 1. Satzes Langsam, schleppend. Wie ein Naturlaut – Im Anfang sehr Gemächlich zieht eine pastorale Szene vorüber. Er führt Mahlers Musik wie einen Schwarm aus den Tiefen an die Oberfläche. Sie jubiliert bis in die Unendlichkeit von Raum und Zeit. Tief greift der Dirigent in Mahlers, von den literarischen Romantikern Jean Paul und E. T. A. Hoffmann angereichertes Füllhorn, versammelt die einzelnen Töne und serviert sie auf einem Silbertablett dem Orchester und dem Publikum.

Vom Foyer aus lassen Trompeten die friedliche Stille der Natur vorüber ziehen. Ging heut morgen übers Feld, zitiert Mahler aus den Liedern eines fahrenden Gesellen. Ein von den Holz- und Blech­bläsern abgestimmter Raum­klang erfüllt die Philharmonie mit einem warm seidigen, roman­tisch gestimmten Mahler-Sound.

Kräftig bewegt, doch nicht zu schnell, setzt Salonen den 2. Satz mit tief loten­der Einfühlsamkeit Mahlers frühere Anmerkung Mit vollen Segeln in eine dialektische Spannung um. Es ist, als würde er tänzerisch aus dem Meer der Klänge ein prall gefülltes Netz hochziehen und seinen Inhalt genüsslich ins Orches­ter streuen, um im nächsten Moment durch abrupte Harmonierückungen die Brüchigkeit einer harmonischen Verklärung zu durchbrechen.

Mit dem 3. Satz Feierlich und gemessen, ohne zu schleppen, ist sich Salonen mit Mahler mehr als nur einig. Er verzaubert das allbekannte, in Moll gewendete Frère Jac­ques in nuce in einen differenziert ausgreifenden romantischen Klang. Von der einleitenden Pauke übernimmt der Solo-Bassist das Thema, gibt es an die transparent klingende Harfe weiter. Zusammen mit Oboen und Trompeten verschmilzt es zu einer bitterschönen Klage.

Ohne Pause lässt Salonen das Finale Stürmisch bewegt in einem atemberau­benden Furioso die Streicher durch alle Register jagen. Einem Dall‘ inferno al Paradiso, so Mahlers früherer Zusatz, gleich, holt er aus dem Orchester und auch aus seinem Körper das Letzte heraus.

Den tosenden Beifall nimmt er noch leicht benommen, wie entrückt wahr. Erst nach und nach fällt von ihm die Anspannung ab, und er taucht aus seinem Kosmos wieder auf. Zufrieden dankt er dem Publikum und seinem Orchester mit einer tiefen, Yoga zentrierten Verbeugung, dabei dem einen oder anderen Musiker beim mehrmals vom begeisterten Publikum geforderten Zurückkommen auf das Podium vertrauensvoll die Schultern streichelnd.

20.04.2018

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