RE-SET als Vergewisserung der Kunst

Mauricio Kagel, Ludwig van, Musikzimmer, 1969 (Sammlung Mauricio Kagel, Paul Sacher Stiftung, Basel) Foto: Gisela Clausen

Die Kunststadt Basel steht in diesem Frühjahr 2018 mit Ausstellungen in der Fondation Beyeler und dem Kunsthaus Basel ganz im Zeichen des Werks von Georg Baselitz (Die Tagebücher des Georg Baselitz vom 03.04.2018, hier veröffentlicht). Dabei kann leicht übersehen werden, welche assoziativen Applikationen die Ausstellung RE-SET – Aneignung und Fortschreibung in Musik und Kunst seit 1900 – im Museum Tinguely Basel in Zusammenarbeit mit der Paul Sacher Stiftung generell auch zur bildenden Kunst überhaupt und zum Werke von Baselitz im Besonderen herstellt.

Diese Exposition zeigt das Ergebnis einer zwar vor allem musikgeschichtlich umfassenden Recherche im Kontext von Original und work-in-progress, die aber gleichzeitig ausstellungsdidaktisch einen wirkungsmächtigen Wahrnehmungshorizont von Kunst insgesamt öffnet. Getreu dem altchinesischen Aphorismus – Wer die Vergangenheit erkennt, vermag auch die Zukunft zu erkennen – zeigt die Ausstellung, wie künstlerische Innovationen von transformativen Beschäftigungen mit Arbeiten des Kanons der Kunst mitbestimmt werden. Der anspruchsvolle, wissenschaftlich akribisch erstellte Ausstellungskatalog der Kuratoren für Musik Heidy Zimmermann und Simon Obert sowie Anja Müller–Alsbach für Kunst listet dafür eine umfangreiche Reihe von Bezeichnung auf. Sie reichen von Adaption, Arrangement und Bearbeitung über Demontage und Metamorphose bis zu Paraphrase, Rekonstruktion, Transkription sowie Umarbeitung und Zweitverwertung.

So unterschiedlich sie konnotiert sind, bezeichnen diese Begriffe eine Vielfalt von künstlerischer Beschäftigung mit einem vorhandenen Werk. Wie die Remix-Serie von Baselitz zeigt, müssen diese allerdings nicht unbedingt fremde Arbeiten sein. Baselitz verändert mit Remix nicht das Motiv, aber die Form. Die Arbeiten widerspiegeln einen Prozess der Selbstbefragung, der auch bei Ferdinand Hodler zu finden ist. Sein Parallelismus folgt dem Prinzip der Wiederholung von Figuren, Formen und Farben.

Auch wenn Walter Benjamins Essay von 1935 Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit eine eher pessimistisch kritische Haltung hinsichtlich Originalität, Einmaligkeit sowie Echtheit des Kunstwerks beschreibt, kann man den Text auch als rekonstruktive, gleichwohl kreative Möglichkeit lesen. Die Musik der Vergangenheit wird demnach als offen und unfertig aufgefasst, sie lädt dazu ein, sich mit ihr schöpferisch auseinanderzusetzen, formuliert der Katalog die postmoderne Ausstellungsperspektive.

Der Prolog von RE-SET stellt entsprechend beispielhaft Arbeiten u.a. von John Baldessari, Hans Haacke und Jean Tinguely in Beziehung zu den ikonografischen Readymades von Marcel Duchamps. So wie sich das Verhältnis des Einzelnen zu Zeit und Raum im Lauf der letzten 100 Jahre dramatisch verändert hat, hat sich sich seine Wahrnehmung von Wirklichkeit verifiziert. Keinem Zurück in die Vergangenheit als ihre hohepriesterliche  Beschwörung, sondern dem Prinzip, die für die jeweilige Zeit konstitutiven Werte infrage zu stellen, folgt die Ausstellungskonzeption. Wie groß die aktivistische Bandbreite sein kann, zeigt ihr musikgeschichtlicher Hauptteil der Ausstellung.

Wo für Pierre Boulez ein vollständiges Reset, die Wiederherstellung eines kompletten Neuanfangs, Grundvoraussetzung für etwas Neue ist – all the art oft he past must be destroyed – oder wie er, dem Opernbetrieb misstrauend, zu Protokoll gibt, das man in einem Theater, in dem vorwiegend Repertoire gespielt wird, doch nur mit größten Schwierigkeiten moderne Opern bringen kann …. Die teuerste Lösung wäre, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen -,  ist Ferruccio Busoni vom schöpferischen Akt der Umarbeitung einer vorhandenen Komposition überzeugt. So wie Busoni exemplarisch Johann Sebastians Bachs Musik als Ur-Musik und Ludwig van Beethoven als eine Konstante versteht, die aber nichts Abgeschlossenes ist, setzt sich Mauricio Kagel im Kontext des transformierten Motivs B-A-C-H mit dem Mythos Bach kreativ auseinander, ohne ihn seiner Substanz zu berauben.

Ausgerüstet mit einem iPad, bietet die Ausstellung dem Besucher die Möglichkeit, sich in vier Sektionen – eigentümlich fremd, definitiv entwicklungsfähig, urvordenklich modern, unterschwellig elitär – mit seinen, ihn immer wieder verunsichernden, irritierenden Hör-Gewohnheiten auseinander zu setzen. Das setzt Bereitschaft des Hin-Hörens und des Zeit-Habens voraus. Obwohl bequeme Sessel an den einzelnen Mediathek-Stationen eine meditativ aufmerksame Konzentration unterstützen, ist RE-SET keine Ausstellung, die man mal eben so nebenbei absitzen kann.

Dass sich im Zuge einer intensiven Beschäftigung mit RE-SET Bezüge zu anderen Kunstausstellungen und Kunstfestivals ergeben, lässt die Mühen in einem anderen Licht erscheinen und ist gleichzeitig ein Ausweis für den Wert der Ausstellung.

Die Einladung zum Symposium Ferdinand Hodler 1853 – 1918, Wiederholungen: Repliken und Serien des Kunstmuseums Bern am 17.Mai 2018 liest sich auf einmal wie ein Kommentar zu RE-SET. In ähnlicher Form setzt das Programm der Ruhrtriennale – Festival der Künste (09.08. – 24.09.2018) programmatisch das fort, was RE-SET mit Heinz Holligers Prätexten im Zusammenhang mit seinen Machaut-Transkriptionen sowie mit György Ligetis Selbstähnlichkeit in seinem Violinkonzert als Rückgriffe und Fortschreibungen in der Musik seit 1900 darstellen.

Die Universe Symphony von Charles Ives, die er – Für den Fall, dass es mir nicht gelingen sollte, dieses Werk zu vollenden, findet sich vielleicht jemand anderes, der den Versuch unternimmt, meine Gedanken auszuarbeiten – dezidiert frei gibt, nimmt die Ruhrtriennale 2018 ebenso wie mit Mauricio Kagels Chorbuch die Intention von RE-SET auf. Christoph Marthaler stellt sich Ives‘ Herausforderung, wie man ebenso gespannt sein kann, wie es Florian Helgath mit dem Chorwerk Ruhr gelingen wird, Kagels umgeformte B-A-C-H-Zitate en detail zu klangmalen.

RE-SET: Nicht unbedingt ein Neustart, aber eine Neubesinnung von Vergangenem in seinen Beziehungen zu Neuem.

25.04.2018

 

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Über Peter E. Rytz Review

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