Zeitinsel Bernd Alois Zimmermann mit Ingo Metzmacher

Ingo Metzmacher © Magdalena Spinn

Mit einem Programmzyklus Zeitinsel Bernd Alois Zimmermann ehrt das Konzerthaus Dortmund diesen einzigartigen Komponisten der neuen Musik in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts anlässlich seines 100. Geburtstages. Die Bezeichnung Zeitinsel kann man als ein Synonym für die  Situation dieses Komponisten als Künstler lesen. Zimmermann fühlte sich offenbar bis zum Ende seines Lebens immer mehr verlassen wie auf einer einsamen Insel.

Die wenige Tage vor seinem Selbstmord 1970 vollendete Komposition  Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne – Ekklesiastische Aktion ist Ausdruck einer von Depressionen erschütterten Resignation. Dem Komponisten schien das Leben irreparabel aus den Fugen geraten. Seine Überzeugung, Kunst als Notwehr gegen ein Leben, wodurch es erst zu einem wirklichen Leben werden kann, droht nicht nur total aus den Fugen zu gehen, sondern schien ihm schon zerrüttet, wie er in einem Brief an seine Tochter im selben Jahr verzweifelt bekennt.

Wenn Zimmermann schon vor fast 50 Jahren angesichts einer ihm aus den Fugen geraten erscheinenden Welt kapitulierte, konnte man gespannt sein, wie es Ingo Metzmacher mit dem SWR Symphonieorchester heute Zimmermanns musikalisches Vermächtnis glaubhaft in Szene zu setzen gelingt, wo doch heute die Welt scheinbar noch viel umfassender aus der Balance geraten ist. Metzmacher schafft einen Surround-Klangraum mit der Zweiteilung der Blechbläser auf dem Podium und im 3. Rang dicht unter der Decke des Konzerthauses sowie mit Manfred Böll als Sprecher aus Prediger Salomo Vers 4, 1 -10 und mit Stefan Hunstein als 2. Sprecher des Großinquisitors aus Fjodor Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow auf der Chorempore hinter dem Orchester.

Böll und Hunstein stellen zu Beginn mit narrativer, akzentuierter Nüchternheit die unterschiedlichen Texte gegeneinander, um sich in ekklesiastischen Aktionen mit dogmatischer Rechthaberpose – Reichtum, Selbstvernichtung, sich gegenseitig ausrotten -, wild durcheinander schreiend, zu ereifern.  Außergewöhnliche Schlagwerke wie Holzhammer, Werkzeughammer, einen Eisennagel in einen Holzstamm schlagend, begleitet von Klanghölzern und den Geräuschen von zerreißendem Papier treiben den Klang Forte Fortissimo in ein eskalierendes Chaos-Inferno.

Mit dem Bariton Michael Nagy hat Metzmacher einen exzellent intonierenden Sänger unmittelbar neben sich, dem er für seine unbegleiteten, ariosen Soli einen orchestral abgestimmten, in Zimmermanns Sinn pluralistisch instrumentierten Gestaltungsraum schafft.

Zimmermanns Idee, unterschiedlichen Zeitverläufen, nach Rhythmik, Metrik, Tempi und Instrumentation synchronisiert, in der von ihm apostrophierten Kugelgestalt der Zeit Form zu geben, übersetzt Metzmacher in einen sehr heutigen Gestus. Konzentriert aus einer ausbalancierten Körpermitte heraus, dirigiert er in der Anmutung eines philosophischen Stoikers. Er collagiert mit dem Orchester Klang-Patterns bis zum einzigen Zitat Zimmermanns am Schluss den Bach-Choral Es ist genug mit empathischer Klarheit.  In dem apokalyptischen Weh dem, der allein ist! fällt Nagy nicht nur die Schluss-Sequenz zu, er scheint mit dem von vielen Bravi durchsetzten Applaus selbst aus einem emotional aufgeladenen Kosmos zu fallen.

Umrahmt wird das Zimmermann-Konzert mit Ludwig van Beethovens Ouvertüre f-moll zu Egmont op. 84 und der Sinfonie Nr. 5 c-moll op. 67. Zimmermanns Musik im Kontrast zum Komponisten Beethoven, dem von vielen in grenzenloser Verehrung nachgesagt wird, dass es nach ihm nicht mehr möglich sein wird, eine Sinfonie zu komponieren, ist gewissermaßen die Anti-These. Programmatisch kontrastierender könnte ein Konzertprogramm, wie an diesem Abend im Konzerthaus Dortmund, deshalb kaum sein.

Nachdem Metzmacher schon in der Beethoven-Ouvertüre mit elastisch biegsamer, tänzerischer Körperhaltung präzis und kraftvoll das düstere Goethe-Egmont-Sujet bis zum apotheotisch jubilierenden Fanfaren-Klang in der finalen Reprise hörbar macht, prüft er vor der Sinfonie mit einigen Hüpfübungen die Elastizität seines Dirigentenpodiums wie eine Fechter die Planche vor Wettkampfbeginn.

Den monothematischen, mit Allegro con brio bezeichneten 1. Satz beschleunigt er mit einem so übermütig kraftvollen Fortissimo des inzwischen beinahe mythisch aufgeladenen Schicksalsmotivs – Durch Nacht zum Licht -, dass dem Zuhörer die Kontraste zwischen stürmischem Aufbegehren und verinnerlichter Stille in wenig mehr als 30 Minuten um die Ohren fliegen. Wenn das Hauptthema in Achteln figuriert und sich in Zweiunddreißigstel steigert, hat das Auge Mühe, ihm zu folgen.

Metzmacher konzentriert die Akzente – So pocht das Schicksal an die Pforte, wie Beethoven gern zitiert wird – auf eine Strahlkraft, die nichts Plakatives hat. Mit zitternder Faust, die in Wellenbewegungen seinen ganzen Körper durchzieht, fordert er das Orchester unwiderstehlich, wie er im nächsten Moment, kniend geduckt, einen Pianissimo-Klangschleier auslegt. Er dirigiert in tänzerischer Anmutung con moto. Und das pochende Motiv perlt in Kaskaden.

Das SWR Symphonieorchester folgt umstandslos Metzmachers anspruchsvollen Tempi-Steigerungen in einem harmonischen Verständnis mit tief empfundener Sinnlichkeit und Ausdruckskraft bis ins Scherzo des grenzenlos strahlenden C-Dur-Finales.

Mit dem zu Recht heftig applaudierten Konzert hat Metzmacher wieder einmal bewiesen, wie es ihm gelingt, Klassik mit der Suche nach neuen Klängen, in denen der Klassik-Kanon aufgehoben ist, kontrastreich zu gestalten, wie es Zimmermann zeitlebens anstrebte.

29.04.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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