Karl Schmidt-Rottluffs außereuropäische Inspiration

© Peter E. Rytz 2018

Das Fremde ist in der Wahrnehmung mit dem Blick des Anderen immer ambivalent – Faszination und Distanz zugleich im Widerstreit vom fremden Schönen und verunsichernder Ungewissheit. Wer sich mit dem Unbekannten auseinandersetzt, dem öffnen sich in jedem Fall neue Erfahrungsfelder. Die Verunsicherung als ein Teil von ihnen befördert Kreativität.

Außereuropäische Kulturen haben Künstler, beginnend etwa mit Paul Gauguin, der mit seiner exotisch polynesischen Fluchtpunkt-Malerei von einem paradiesischen Leben im Einklang mit der Natur träumte, doch spätestens die Avantgarde der Moderne in ihren Bann angezogen. Eine 1913 in Berlin und München gezeigte Ausstellung mit Werken von Pablo Picasso zusammen mit afrikanischen Plastiken kann als inspirierend für eine neue Facette in der Kunst gelten.

Die Ausstellung Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd im Bucerius Kunst Forum Hamburg (noch bis 21. Mai 2018) demonstriert mit den Werken des Künstlers die Eigenart des deutschen Expressionismus, exemplarisch innerhalb der Künstlergemeinschaft Die Brücke, wie sich diese Auseinandersetzung in der Malerei und der Skulptur widerspiegelt.

Angeregt und unterstützt durch die Hamburger Kunsthändlerin Rosa Schapire beginnt Schmidt-Rottluff ab 1910 außereuropäische Kunst und Kulturgegenstände zu sammeln. Seine ethnographische Sammlung wird ihm zur unmittelbaren Inspirationsquelle sein ganzes künstlerisches Leben lang. Sowohl die  ornamentalen Gestaltungen als auch das rituell aufgeladene Sammlungsstück haben ihn in den Jahren vor dem 2. Weltkrieg im Kontext von Neuer SachlichkeitSelbstbildnis mit Einglas (1910) – beschäftigt, wie sie nach dem Ende des Krieges in seinen expressiven Farbstürmen – Nachmittagssonne, 1963 – ihren Ausdruck finden.

Beim Rundgang durch die Ausstellung fallen dem an Political Correctness geschulten Auge und Bewusstsein die nonchalant unreflektierte Bezeichnungen der Werke noch in den 1960er Jahren mit Stillleben mit Negerfigur oder Negerfigur mit weißem Ginster neben den expressiven wie Blauer Mond (1920) oder Palmen am Lago Maggiore (1954) auf. Die Ausstellung Schmidt-Rottluff – Negerkunst in der Kestner-Gesellschaft 1920 zeigt im Kontext des von Carl Einstein 1915 veröffentlichten Buches Negerplastik, wie beides, das Fremde und das Faszinierende aus der Perspektive von Nähe und Distanz dem eigenem Werk einzuverleiben.

Wie sich Schmidt-Rottluffs Beschäftigung mit außereuropäischen Kultgegenständen kontinuierlich durch sein Werk zieht, zeigt sich in nebeneinander gehängten zeichnerisch malerischen und skulpturalen Arbeiten anschaulich: Blauroter Kopf (Panischer Schrecken), Fichte, 1917 versus Stillleben mit Skulptur (Panischer Schrecken), Tusche und Farbstifte, um 1940.

Mit den Wandtexten, die Intuition und Reflexion der außereuropäischen Kunst als auch die Rezeption und Reduktion sowie Realität und Sinnbild auf Schmidt-Rottluffs Werk aufzeigen, geben die Kuratorinnen Kathrin Baumstark, Magdalena M. Moeller und Christiane Remm, die mit ihren Beiträgen auch den Ausstellungskatalog wesentlich bestimmen und bereichern, den Ausstellungsbesuchern einen praktikablen Leitfaden in die Hände.

Heute, wo ethnologisch historische Museen nicht mehr umhin kommen, Fragen nach der Herkunft ihrer Sammlungsbestände zu beantworten sowie sich mit Restitutionsansprüchen der Herkunftsländer auseinanderzusetzen, wird überdeutlich sichtbar, mit welcher kolonialistischen Arroganz kultische Masken und Figuren aus ihrem kulturellen Kontext gerissen worden sind. Dass etwas von jener Widersprüchlichkeit in dieser Schau mitschwingt, ohne sie ausstellungsdidaktisch zu thematisieren, ist mehr als nur ein interessanter Nebeneffekt der Ausstellung.

30.04.2018
photo streaming Karl Schmidt-Rottluff

 

 

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Über Peter E. Rytz Review

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