Dürrenmatts schwarzer Panther

Burghart Klaußner, Maria Happel
Foto: © Reinhard Werner

Nach 14 künstlerisch und ökonomisch sehr erfolgreichen Jahren verabschiedet sich der Intendant der Ruhrfestspiele, Frank Hoffmann, mit der Frage: Was meint eigentlich der mitunter zwielichtig schimmernde Begriff Heimat? Die dem Festspiel-Logo zuvörderst eingeschriebenen Worte Nähe und Ferne lesen sich nach der Premiere seiner Inszenierung Der Besuch der alten Dame von Friedrich Dürrenmatt, einer Kooperation mit dem Burgtheater Wien, zum Auftakt der Ruhrfestspiele wie eine dramaturgische Blaupause.

Dürrenmatt hat sein Stück, vor Jahrzehnten viel gespielt, heute nur noch selten zu sehen, als Eine tragische Komödie bezeichnet. Diese Dualität löst sich in Hoffmanns Inszenierung erst spät auf. Mit relativer Texttreue und in von Ben Willkens nahe an Dürrenmatts Bühnenbeschreibung eingerichteter Szene – ein spartanischer Bahnhofswarteraum, in dem eine Uhr im Zeitraffertempo 45 Jahre in 140 Minuten Spielzeit abspult, erweitert sich im zweiten Akt zu Ill’s armseligem Kleinwarenladen, der schlussendlich von einer martialisch quietschenden Metallwand zusammengeschoben wird – kommt die Aufführung erst gegen Ende in Schwung und auf den Punkt. Bis dahin stehen psychokriminalistische, groteske und komödiantische Spielphasen um das Angebot einer Milliarden-Schenkung der heimgekehrten Claire Zachanassian als Gegenwert für Gerechtigkeit mehr oder weniger uneindeutig nebeneinander.

Will Zachanassian allein Rache an Alfred Ill nehmen, der sie einst schwanger mit ihrem gemeinsamen Kind zugunsten einer Heirat mit der Kleinwarenbesitzerin Mathilde Blumhard sitzen gelassen hatte und sie zur Hure werden ließ? Ills scheinheilige, rechtfertigende  Behauptung – Ich lebe in der Hölle, seit du von mir gegangen bist – steht ihrer bitteren Erkenntnis – Und ich bin durch die Hölle gegangen – gegenüber. Oder will sie den Güllener Provinzhelden – Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer und Polizist  – sowie ihrem damaligen Geliebten Alfred zeigen, dass man mit Geld alles kaufen kann, auch Recht und Gerechtigkeit? Die Welt machte mich zu einer Hure, und nun mache ich sie zum Bordell… Anständig ist nur, wer zahlt, und ich zahle. Und so ihrem vor 45 Jahren verlorenen Glück eine endgültige Heimat geben?

In der Schlusssequenz, in der bei einem makabren Polit-Geschwafel mit Anleihen aus dem moralischen Ersatzteilkasten Alfred Ill der Tod als einzige Konsequenz für Recht und Ordnung in der Stadt nicht nur aufgenötigt, sondern als gemeinsame Tat vollzogen wird, münzt die Inszenierung Dürrenmatts tragische Komödie in das Bekenntnis Claires zu ihrer Liebe zu Alfred trotz allem um. Ihr monetärer Reichtum hat ihre körperlichen Verluste durch Prothesen kompensieren können. Ihre seelischen Verletzungen brauchen eine neue Heimat, um sich mit ihnen zu versöhnen. Wo Claire bei Dürrenmatt auf den toten Alfred mit den Worten schaut – Er ist wieder so, wie er war, vor langer Zeit, der schwarze Panther – und sie Anweisung gibt – Wir fahren nach Capri -, wird für Claire die Insel bei Hoffmann und Hirsch zu einer neuen Heimat, in der sie jetzt mit Alfred sein kann: Dort hab‘ ich Dich ganz für mich.

Nachdem die Güllener Raubtierjäger Claires Schoßhündchen, einen Panther, für die Hoffmann Dürrenmatts nüchtern sachliche Textvorlage mit schauspielerischem Slapstick-Furor in Szene setzt,  tot vor Ills Laden gelegt haben, ist sein physisches Schicksal besiegelt. Erst in einem Mausoleum auf Capri  wird er wieder ihr schwarzer Panther und sie sein Wildkätzchen, sein Zauberhexchen sein können.

Dass der Luxemburger Hoffmann zusammen mit Florian Hirsch den Dürrenmatt-Text mit einem allfälligen Kohle-Kunst-Mythos aufpeppt, ist erst einmal vor allem ein über die Jahre beglaubigtes Bekenntnis des Luxemburgers zum Ruhrgebiet. Im Namen der Kleinstadt Güllen klingt Dülmen mit, wie die Landschaft zwischen Waltrop, Recklinghausen und dem Münsterland mit dem Dom in Münster Identitätsanker mit Glück auf! anbieten, die dem Publikum im Festspielhaus natürlich gefallen und die es entsprechend goutiert. Erst stirbt die Zeche, dann die Stadt.

Maria Happel als Claire und Burghart Klaußner als Alfred Ill. sind ein schauspielerisches Versprechen, das sich nur teilweise erfüllt. Happel, von Susann Bieling entsprechend ihrer unterschiedlichen Rollenmuster mit New Yorker Weltstadt-Eleganz in einem üppigen Fashion-Kleid, als auch im Unterrock, ihre Prothesen bandagierend, sowie im folkloristisch animierten Dirndl kostümiert, tönt zumeist kindlich piepsig, ohne den Zachanassian-Charakter in seinen Facetten durchgängig glaubhaft auszuleuchten.

Klaußner kann eine gewisse Steifheit in den Bewegungen durch seine sprachliche Präzision nicht immer ausgleichen. Es bleibt ein Rest von Überzeugungskraft als Notopfer in einem Milliardengeschäft. Sein Alfred resigniert Ich bin verloren! frühzeitig. Der von der Bühne aus dem Industriezeitalter geborgte, stählerne Riesenhaken ist schon lange vorher, bevor er mit Krach aus dem Bühnenhimmel fällt, das endgültige Menetekel.

Im Unterschied zu den Hauptdarstellern Happel  und Klaußner überzeugen vor allem  Roland Koch in der Rolle des sich schleimig unterwürfig gebenden, kalt taktierenden Bürgermeisters und Dietmar König als eloquent manipulierender Lehrer mit einer Dürrenmatts rhetorisch süffisanten, dialektisch kontrastierenden Texten adäquaten schauspielerischen Darstellung.

Wenn sich das Gemeindegericht an das Publikum wendet, das Licht im Festspielhaus angeht und wenn es fragt, ob jemand noch eine Frage an Alfred Ill habe, kommt nicht mehr als betretenes Schweigen. Geld oder Leben, nicht aus einem Krimi geborgt, nur phantasierte Möglichkeit? Mit der Frage, was das Leben wirklich ausmacht und ob man alles, auch die Liebe, mit Geld kaufen und die Zeit zurückdrehen kann, schickt Hoffmann die Zuschauer unter großem Applaus in den Alltag. An diesem Premierenabend erst einmal in den Premierenempfang mit einem mehr als reichhaltigen Büffet. Ein Umweg, von dem nicht anzunehmen ist, dass einem dort der schwarze Panther begegnen könnte.

04.05.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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