Liebestrunkene Luftballons

Ibrahim Yesilay, Dongmin Lee, Lina Hoffmann, Joachim G. Maaß, Damen des MiR- Opernchores © Pedro Malinowski,

Vier Mal lässt Merciaiuolo Luftballons mit Liebesbriefen durch die löchrige Decke eines schäbigen, verbretterten Etablissements aufsteigen. Ebenso oft fallen sie zerplatzt zurück auf den Fussboden. Beim fünften Mal entschwebt der Ballon auf Nimmerwiedersehen. Dass die Botschaft im Finale von L’elisir d’amore im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen die Helden Adina und Nemorino letztlich doch noch glücklich macht, verärgert offenbar den selbst auf Liebe hoffende Merciaiuolo. Stühle fliegen durch die Gegend, Fensterrahmen werden herausgerissen. Nachdem auch die Bretter vor den Fenstern entfernt sind, strömt der helle Tag in den bis dahin trüb beleuchteten Raum.

Wie der Intendant des Hauses Michael Schulz die stumme Merciaiuolo-Rolle für seine Gelsenkirchener Einstudierung von Gaetano Donizettis Oper (2012 in Kooperation mit der Semperoper Dresden einstanden) zu einer dramaturgisch gestaltenden Figur macht, ist typisch für seine Inszenierung. Askan Geisler bleibt zwar sprachlich stumm, ist dafür neben dem Luftballon-Sender als Klavierspieler und rezitativischer Begleiter am Klavier sehr lebendig. Wenn er scheinbar beiläufig den Tristan-Akkord in der Komposition 30 Jahre vor Richard Wagner zitiert, weiß sich Schulz‘ Inszenierung in der mythischen Tradition der Tristan-Legende aus dem 12. Jahrhundert.

Bemerkenswert, wie es der Inszenierung gelingt, nicht allein Donizettis sprudelnde Musik mit ihrer wunderbaren Mischung aus Buffa- und Seria-Elementen und mit auffallend vielen Duetten, Quartetten und einem Terzett in den Mittelpunkt zu stellen. Eine einfallsreiche Personenführung, die die einzelnen Chorsänger, von Alexander Eberle glänzend eingestellt, in farbbunten Kostümen von Renée Listerdal als Typen differenziert charakterisiert, setzt ebenso die effektvoll choreografierten acht Belcore-Double zu einer im besten Sinne sinn- und spielfreudigen, melodramatischen Comedia dellarte in Szene.

Gianetta, nach Felice Romanis Libretto auf die Erzählung Le philtre von Eugène Scribe  eigentlich auf ihren Auftritt als Verkünderin eines lukrativen Erbes an Nemorino im 2. Akt beschränkt, erweitert Schulz ihre Rolle zu einem erotisch lasziven Liebesspiel. Bis Lina Hoffmann mit ihrem noch in der musikalischen Ausbildung an der Hochschule für Musik und Tanz Köln befindlichen, doch bereits jetzt schon lyrisch geschmeidigen Mezzosopran aufhorchen lässt, ist sie als Femme Fatale unübersehbar. Ihr erotisches Posing wird in der inszenatorischen Perspektive vom Zauber eines Liebestranks im Gegensatz zu einem schönen Gesicht allerdings in ihrer Dauerpräsenz bis zu einer geschmäcklerischen Orgasmus-Anmutung überdehnt, wenn ihre Finger mit geschürzten Lippen über Dulcamaras Sprechtüte streichen.

Thomas Rimes inspiriert die Neue Philharmonie Westfalen zu einem verträumt melancholischen bis heiter übersprudelnden Donizetti-Klang, in dem die Idyllik eines Paisiello und Cimarosa aufleuchtet. So wie Rimes  die Generalpause vor dem Finale nutzt, um mit geballter Faust in Richtung Pauke und Blech expressis verbis unmissverständlich zu motivieren, lebt er sein Dirigat mitsingend. Über sein Gesicht streicht immer wieder ein zufriedenes Lächeln. Rimes schafft für die Solisten orchestrale Klangangebote, die die Solisten eindrucksvoll zu nutzen wissen.

Ibrahim Yesilay hat als Nemorino eine so unverstellte, geradezu naturgegebene Bühnenpräsenz eines großen, von Gefühlsstürmen in Selbstgefangenschaft verunsicherten Jungen. Mit staunenden Augen aus einem Stoffbeutel Lollipops der angebeteten Adina darbietend, verstolpert er sich, von der derangierten Gesellschaft als Schwachkopf ausgegrenzt, im geheimnisvollen Labyrinth seines Liebeswerbens. Die zauberischen Mixturen des Quacksalbers Dulcamara scheinen ihm wie ein Licht am Horizont. Erst die letztendlich couragierte Tatkraft Adinas, die ihn aus Belcaores 20-Scudi-Forderung des Mitbewerbers auskauft, macht den Weg frei für ihre Liebe.

Der eindrucksvoll warme Schmelz von Yesilays lyrischem Tenor lässt von Anfang an aufhorchen. In der berühmten Arie Una furtiva lagrima wischt nicht nur er sich selbst eine Träne aus dem Auge. Sein Gesang ist so innig und anrührend, dass sich das Publikum mit einem impulsiven Szenenapplaus, emotional tief ausatmend, vereinzelt von Tränen gerührt, aus seiner andachtsvollen Faszination befreit.

Ein weiteres Detail der konzisen Inszenierung ist die Besetzung Dongmin Lee als Adina. So unschuldig Yesilays großer Junge Nemorino ist, so gibt  sich Dongmin Lee anfangs als kleines Mädchen, das bildungsbeflissen die Liebe in den literarischen Schriften des Ovid und der Tristan-Erzählung studiert. Angesichts des achtfach verstärkten, demonstrativ zupackenden Werbens Belcores um sie, das unmittelbar zum militärischen Liebes- und Heiratsbefehl ausartet, findet sich ihre zarte Figur vorerst schnell von starken Armen festgehalten. Doch ihre Stärke ist eine andere.

Adinas Arie Prendi, per me sei libero macht sie und Nemorino stark gegen die in dumpfer Selbstverständlichkeit versunkene Etablissement-Gemeinschaft. Dongmin Lees Koloratursopran perlt, klar akzentuiert, mit lyrischem Sentiment. Wie ihr Gesang mit überaus großer, inniger Wärme betört, verzaubert ihr Spiel mit natürlicher Leichtigkeit.

Michael Dahmens entert, kraftvoll ein Loch in den Boden sägend, die Bühne, wie sein Bariton mit militanter Attitüde glaubt, leichtes Spiel im Liebeswettbewerb mit Nemorino zu haben. Stimmlich kultiviert, schauspielerisch und choreografisch charaktervoll ausbalanciert, gelingt Dahmen ein sich in Selbstgefälligkeit letztlich verlierender Belcore-Charakter.

Dem Wunderdoktor Dulcamara hat Donizetti ein Füllhorn der glücklichsten Eingebungen der komischen Opernliteratur komponiert. Nach einer ersten Unstimmigkeit mit dem Orchester zu Beginn steigert sich Joachim Gabriel Maaß in dieser Rolle vor allem im zweiten Teil mit einem effektvollen Bass-Timbre, begleitet von einem fulminanten, clownesken Slapstick-Spiel. Maaß zieht als Sänger und Schauspieler alle Register seines Könnens.

Nach anhaltendem Beifall für alle Beteiligten, einschließlich dem Team von Michael Schulz, hat eine bekannte Brauerei zum Freibier eingeladen. Ob für den einen oder anderen Premierengast von L’elisir d’amore, der sich vielleicht auch einen solchen Liebestrank wünschte, das Freibier wirkungsmächtig geworden ist, muss unbekannt bleiben.

07.05.2018  

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Über Peter E. Rytz Review

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