Shoot me!

© Peter E. Rytz 2018

Wer jemals abseits der üblichen Touristenrouten in Afrika unterwegs war, kennt solche Situationen. Kinder laufen zusammen, stellen sich mit lautem Shoot me! vor dem fremden Weißen in Position. Eine Fotografie galt in der Vor-Handy-Zeit noch als etwas Besonderes.

In der Ausstellung SHOOT! SHOOT! SHOOT! in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen faszinieren noch bis zum 27.05.2018 fotografische Ikonen der 60er und 70er Jahre aus der Nicola Erni Collection. Die Vintages und modernen Prints der Sammlung sind gleichermaßen als Zeitdokumente und Kunstwerke Teil des kollektiven Bildgedächtnisses. Die Sammlung ist nach Selbstaussagen der Sammlerin bestimmt von ihrem Interesse am Zeitgeist und seinem Glamour.

Schaut man sich die Fotografien aufmerksam unter der nämlichen Shoot me!-Perspektive an, kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dass sich die Protagonisten aus Warhols legendärer Factory, ebenso die bildenden Künstler und Pop Artisten Christo, Claes Oldenburg, James Rosenquist oder Roy Lichtenstein, auch Musiker wie The Rolling Stones oder The Beatles gern mit oft selbstverliebtem Posing ablichten ließen.

Selbst in einzelnen Fotografien des Fotowettbewerbs SHOOT NOW!, die die Ausstellung mit teilweise bemerkenswertem Gespür für perspektivische Assoziationen und gestalterischer Konsequenz begleiten, ist davon etwas zu spüren. Insbesondere den prämierten Fotografien ist etwas von Ansel Adams Credo You don’t take a photographyou make it kreativ zu eigen.

Gleichwohl ist SHOOT! SHOOT! SHOOT! eine besondere Ausstellung, in deren Exponaten der kreative Aufbruch zu neuen Kunst- und Lebensformen Bild geworden ist. Es sind Abbilder rastloser Kreativität, Ausdruck eines hedonistischen Lebensgefühls, geronnen in einem kulturellen Schmelztiegel. Andy Warhol hoffte mit seinem Weckruf All people are great, 15 minutes of fame, in Zukunft würde jeder für 15 Minuten weltberühmt sein, auf einen osmotisch fließenden Energieaustausch zwischen Kunst und Alltag. So trügerisch sich die Hoffnung auch erwies, riss sie doch ein Loch in die Wand, die Low- und High-Culture bis dahin trennte.

Versinkt man nicht in unkritischer, nostalgischer Verklärung vor Richard Avedons Portrait von Tina Turner (1971), Twiggy for Vogue (1967) von Bert Stein oder Andy Warhol mit ausgestopften Hund (1974) von Ellen Graham und schaut in die Gesichter der von Dennis Hopper abgelichteten Jasper Johns, Roy Lichtenstein oder James Rosenquist, sieht man erst einmal Künstler als Normalbürger. Dass es diese andere Seite eines Pop Artisten auch gibt, ist vielleicht eine der größten Überraschungen der Ausstellung.

Der künstlerische Wert der Ausstellung misst sich neben den schlitzohrigen Paparazzi-Fotografien von Ron GalellaElton John and  Dragqueen Divine (1978) oder Grace Jones and Andy Warhol (1978), gleichzeitig die fotografische Vorlage für das visuelle Ausstellungs-Design – vor allem an Fotografien mit verschränkten, gespiegelten und seriellen Gestaltungskontexten.

Luc Fournol fotografiert Simone Signoret in den 60er Jahre in einem Spiegel, wie ihn ähnlich Melvin Sokolsky für Le Dragon (1963) benutzt. Mit Gloria Swanson hält ihr Streichen-Portrait von 1924 erzählt Ellen Graham 1974 in einem Bild eine unglaubliche 50jährige Geschichte.

Harry Bensons unscharfe Beatles-Portraits und ihre geradezu unschuldig anmutende Kissenschlacht sowie Fred McDarrahs fotografierte Performances von Charlotte Moormann in Nam Junes Paris Opera Seetronique  (1967) oder von Carolee Schneemann (1975) erzählen solche Geschichten.

Will McBrides Serie Romy in Paris (1964) schlägt assoziative Brücken zum in Schwarzweiß fotografierten Film 3 Tage in Quiberon  von Emily Atef, der aktuell mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet worden ist, sowie zu Robert Lebecks Fotografien 68, die derzeit im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen sind. 

Am Ende der Ausstellung kann man sich im obersten Stockwerk, Werner Bolkenbergs serielles Foto-Tableau Uschi Obermaier, Hamburg (1969) im Blick, Kopfhörer aufsetzen, Songs jener Zeit hören und melancholisch träumend versinken.

08.05.2018
photo streaming Shoot! Shoot! Shoot!

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Über Peter E. Rytz Review

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