Zweifacher Sonnenaufgang

Vor Sonnenaufgang, Deutsches Theater Berlin
Foto: (c) Arno Declair

Ein Stück, zwei Inszenierungen innerhalb von zwei Tagen. Eine nicht alltägliche Möglichkeit, Gleiches in seiner Dualität zu betrachten. Das Theater lebt von solchen vielfältigen Sichtweisen auf ein und dasselbe Stück.

Ewald Palmetshofer hat Gert Hauptmanns Drama Vor Sonnenaufgang, heute nur noch selten gespielt, als Auftragswerk für das Theater Basel aus heutiger Sicht befragt und neu bearbeitet. Er kontrastiert Hauptmanns Tragödie einer schlesischen Bauernfamilie mit einer vergleichsweise weniger dramatisch anmutenden Tragödie: Eine Unternehmerfamilie in den risikohaften Untiefen des gegenwärtigen globalisierten Kapitalismus.

Steffen Höld, Myriam Schröder, Michael Wächter, Cathrin Störmer, Pia Händler (Theater Basel) © Sandra Then

Bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen hat die Palmetshofer-Überschreibung  Vor Sonnenaufgang in Kooperation mit dem Deutschen Theater Berlin seine Premiere in einer Inszenierung von Jette Steckel. Zwei Tage später zeigt das Theater Basel im Rahmen der 43. Mülheimer Theatertage NRW – Stücke 2018 die Interpretation von Nora Schlocker. Danach hat man zwei Aufführungen gesehen, die texttreu inszeniert sind, aber gegensätzlicher kaum sein könnten. Nicht, in dem sich die eine Inszenierung im selbstverliebten Regie-Theater mehr verlöre als die andere. Aber ihre Sprechkulturen könnten nicht unterschiedlicher sein.

Palmetshofer hat nicht nur einen virtuosen, sprachmächtigen, sozialkritisch konnotierten Text mit einem nachhaltig heutigen Identifikationswert geschrieben. Er  enthält offenbar, wie im Publikumsgespräch nach der Mülheimer Aufführung angemerkt, auch sehr differenzierte Regieanweisungen. Textpassagen sollten demnach mit längeren oder kürzeren Pausen Akzente und Zäsuren setzten, die das subtile, vor allem innere Verhalten der Protagonisten in einem scheinbar gut geölten Mittelstandsmilieu verdeutlicht. Palmetshofer hat dafür eindrucksvolle Sprachtexturen gefunden. Mit ihren Rhythmisierungen fangen sie ein weit verbreitetes Lebensgefühl ein. Diese Sprachrhythmen evozieren einen Klangraum, in dem das Schauspiel einen ungewöhnlich empathischen Sog entfalten kann.

Steckels Inszenierung übersetzt Palmentshofers sprachrhythmische Anweisungen in eine von Anika Steinhoff dramaturgisch mit inspiriertem Spielwitz unterstützte eindrucksvolle, spielintelligente Aufführung mit einem suggestiven Flow.

Schlockers Inszenierung ist dagegen von einer völlig anderen Sprechkultur bestimmt. Die Schauspieler sprechen über weite Teile in unbetonter, serieller Monotonie. Das hat häufig Textunverständlichkeit zur Folge, weil Palmetshofers subtile Typisierungen und damit die einzelnen Charaktere dadurch unkenntlich bleiben. Das ist vor allem deshalb ärgerlich, weil Palmetshofer emotionale und soziale Tiefendimensionen in ihren seelischen Verwerfungen, die den Text so stark machen, dadurch im ungehört Undeutlichen verhallen. Reduzierte Gesten und Bewegungen, häufig in starren Sitzhaltungen selbstgefangen, blockieren zudem mehr, als dass sie dem narrativen Spielfluss Schwung geben.

In der Berliner Inszenierung gelingen Felix Goeser, Alexander Simon und Timo Weisschnur, als Jungunternehmer Thomas Hoffman sowie als Alfred Loth und Dr. Peter Schimmelpfennig, beide ehemalige Studienkollegen – Loth, politisch links vom Establishment grübelnd und zweifelnd; Schimmelpfennig, Landarzt seine sogenanntes Agglomerationsdasein provinziell schönredend – differenzierende Charakterdarstellungen. Auf der von Florian Lösche gebauten Drehscheibe, mittig in einem unmöblierten, schwarzen Bühnenraum platziert, von Kristina Jedelsky mit einem ausgeklügelten Lichtkonzept ausgeleuchtet, gelingt Steckel mit einer situativ überzeugenden Personenführung ein großes Theaterabenteuer. Text und Sprache verbinden sich zu einer Spielform, die die verdunkelte Selbstwahrnehmung und -reflexion der Figuren Vor Sonnenaufgang frei legt.

Die Basler Michael Wächter, Simon Zagermann und Thiemo Strutzenberger können den nämlichen Figuren erst nach der Pause wenigstens teilweise eine Identität geben, die die seelischen Orientierungsverluste tiefenschärft. Die Bühne von Marie Roth, eine ockergelbe Wand mit einer leinenfarbigen Gardine in Guckkastenperspektive verstärkt mit ihrer schlichten Ausleuchtung Schlockers wenig inspirierte Inszenierung. Sie übersetzt Palmetshofers Text nicht wirklich in eine theatralisch überzeugende Form.

Über Lösches sich wechselweise vorwärts und rückwärts drehender Spielebene des Deutschen Theaters verstolpern sich auch Franziska Machens – als Martha, die Ehefrau von Thomas‘, depressiv gleichgültig schwanger -, Maike Knirsch – als Helene, die dienend wehmütige bis selbstbemitleidende Schwester Marthas -, Regine Zimmermann – als machtlüsterne, selbstgerechte Schwiegermutter von Thomas  – und Michael Goldberg – als verlotterter, desillusionierter Seniorchef – wie auf einer Zeitachse in ihren verloren gegangenen Lebensorientierungen. Am Ende dreht sich Marthas geborenes Kind, von allen verlassen – tot oder Findelkind? -, allein im Halbdunkel.

In Roths Baseler Bühnenstatik bewegen in den gleichen Rollen Pia Händler, Cathrin Störmer, Myriam Schröder, Steffen Höld ihre Figuren vergleichsweise wenig. Alles immer etwas zu manieristisch laut und vordergründig, schrammt ihr Spiel zumeist nur die Oberfläche der Charaktere. Im Schlussbild lässt Schlocker keinen Raum für eine weiterführende Erzählung, die das Theater als offene Erzählbühne eigentlich auszeichnet. Aufgereiht als Trauerspalier vor einem Kindersarg, eskortiert von drei Sanitätern, kapitulieren sie als Menschen endgültig. Sie sind die geworden, die sie schon immer gewesen sind.

Wir werden die, die wir sind, behauptet Palmetshofer. Steckel mit einem assoziativ offenen Schlussbild, Schlocker dagegen mit einem eindeutigen Ende sind somit Ausdruck dafür, dass die Regisseurinnen der Imagination der Zuschauer sehr unterschiedlich vertrauen.

Beide Aufführungen werden wohlwollend mit großem Applaus gefeiert.

14.05.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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