Die Entdeckung der 1. Generation

 

Marg Moll, Stehende mit Krug, 1928
(Foto: Peter E. Rytz)

Das Georg Kolbe Museum Berlin ist viel mehr als ein klassischer Ausstellungsort. Das ehemalige Atelier von Georg Kolbe atmet skulpturalen Work in Progress. Durch Oberlicht-Fenster beleuchtet, verstärken die noch im Fußboden vorhandenen Schienen einer mobilen Werkstatt-Trägerkonstruktion den Eindruck, hier ruhe des Künstlers Arbeit nur für einen Moment.

Still abgelegen in Westend, nahe dem gleichnamigen Park, ist es eine Ruhezone im quirligen Berlin. Wer neben dem Hype um die immer größere Aufmerksamkeitsquote zwischen den Staatlichen Museen zu Berlin und dem zwangsläufig damit verbunden Event-Charakter Raum und Zeit für Muße in einer Kunstausstellung sucht, findet sie im Georg Kolbe Museum verlässlich.

Immer wieder ist es faszinierend zu erleben, wie die Skulpturen wechselnder Ausstellungen durch die großen Atelierfenster mit denen Kolbes im Garten kommunizieren. Das beweisen auf instruktive, subtile Weise, Arbeiten der Bildhauerinnen der Berliner Moderne in der aktuellen Ausstellung. Betritt man den großen, hochragenden zentralen Raum, wird man unmittelbar vom tanzenden Paar – Tanzende (1918) – von Milly Stegner (1818 – 1948) und vom Liebespaar (1928) von Marg Moll (1884 – 1977) in einen Bann performativer Formationen gezogen. Ersteres wirkt wie eine Aufforderung, vor ihnen zu tanzen, während man sich vor dem anderen melancholisch umflort fühlt.

Stegner und Moll gehören zur 1. Generation, wie es der erweiterte Ausstellungstitel benennt, die sich schon, bevor das Studienverbot für Frauen 1919 aufgehoben wurde, als Künstlerinnen selbständig positionierten. Dass sie, wie auch Sophie Wolf (1871 – 1944) oder Emy Roeder (1890 – 1971) lange fast vergessen waren, hat sicher auch Gründe, die in den radikalen Ausgrenzungen des aufkommenden Faschismus liegen. Es ist jedoch auch Ergebnis einer zu großen Teilen bis in die Neuzeit reichenden manifesten, patriarchal selbstherrlichen Rollenzuweisung der Frau – bestenfalls Muse für das männliche Künstlergenie, weniger als eigenständige Künstlerin anerkannt.

Die 1. Generation ist deshalb mehr als nur eine nachholende, längst überfällige, postume Ehrung durch eine engagierte Ausstellungspolitik des Georg Kolbe Museums. Auch mehr als nur ein mutiger Schritt. Sie ist vor allem ein Glücksfall für die Ausstellungsbesucher. Glaubten sie bisher mit Käthe Kollwitz (1867 – 1945), vielleicht auch noch mit Renée Sintenis (1888 – 1965) singuläre Ausnahmen unter den Bildhauern der Moderne zu kennen, werden sie nun als kunstaffines Publikum hier zu Lernenden. Was kann sich eine Ausstellung mehr wünschen, als Neugier und Lust, Neues dort zu entdecken, wo scheinbar schon alles gesagt – und gezeigt ist, zu wecken?

Seit 1926 sprintet Der Läufer Nurmi als Legende durch die Kunst- und Sportgeschichte. Vielfach übersehen, kontrastiert die Große Daphne (1930) die rhythmische Eleganz mit vollendeter Anmut. Der sich anschließende Nebenraum wird auf den  ersten Blick von Kollwitz‘ schellackiertem Gips Mutter mit zwei Kindern (1932 – 36) dominiert. Durch ein unweit davon zu sehendes Filmdokument, das sie bei filigraner Arbeit zeigt, wird die in den Räumen unbewusst zu schweben scheinende Lebendigkeit spürbar.

In den unteren Ausstellungsräumen gibt es eine irritierende Überraschung. In einem kleinen, nischenartigen Raum traut man seinen Augen nicht. Hat die Büste der ägyptischen Königin Nofrete, die man kurz zuvor noch im Neuen Museum bewundern konnte, hier ein neues Zuhause gefunden? Einfach so, ohne Security? Tina Haim-Wentscher (1887 – 1974), eine in den 1920er Jahren bekannte und geschätzte Portraitbildhauerin, erhielt aufgrund ihrer exzellenten handwerklich künstlerischen Fähigkeiten den Auftrag, eine Nofrete-Replik anzufertigen. Uneingeweiht über die Umstände, würde mancher nicht glauben, dass es sich um eine Kopie handelt. Ins Exil gezwungen, in Deutschland fast vollständig vergessen, blieb ihr Wirken in Australien auch nach ihrem Tod nachhaltig. 1974 wurde der Tina-Wentscher-Prize for Sculpture ins Leben gerufen.

Neben der spektakulären Nofrete könnte Le ciel est triste et beau (1935) von Jenny Wiegmann-Mucchi übersehen werden. Ob der Himmel darüber traurig in Schönheit Tränen vergösse, wäre vermessen zu behaupten. Dass damit aber eine Ausstellungs-Preziose ausgespart bliebe, wäre ein Fehler.

Wem der Fehler unterlaufen ist, diese wunderbare Ausstellung noch nicht besucht zu haben, kann ihn noch bis 17. Juni 2018 korrigieren.

02.06.2018
photo streaming Die 1. Generation

 

 

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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