Moers 2018 im Retro’77-Tunnelblick

© Peter E. Rytz 2018

Der Mai ist Festivalmonat. Auftakt im Ruhrgebiet für vielfältige Crossover-Programme von Jazz bis Klassik, von freien Improvisationen bis zu komponierten Partituren. Allein schon eine kleine Auswahl zeigt, wie das Ruhrgebiet den Wandel zu einer Kulturregion lebt. Klavier-Festival Ruhr, Klangvokal Musikfestival Dortmund, Klangart-Festival Wuppertal, Traumzeit Festival Duisburg, begleitet von Park Sounds Essen sowie der Extraschicht – Nacht der Industriekultur. Mit dem festival moers beginnt seit Jahrzehnten verlässlich ein vielfältiger Musik-Marathon.

1972 als Internationales New Jazz Festival Moers gegründet, bot es mit Jazz-Musik eine musikalisch engagierte Perspektive zu den bürgerlich biederen Familien-Pfingst-Feiertagen. Schnell in der freien Jazzszene etabliert, sind die Konzerte, die von 1987 bis 2013 im damals größten Zirkuszelt Europas im Schlosspark Moers stattfanden, Legende. 2006 in moers festival umbenannt, hat das Festival frühzeitig die musikalischen Entwicklungen programmatisch antizipiert: Freie Improvisationen als Verbindung von Blue Note Songs, elektronisch experimenteller Musik sowie meditativen Klangcollagen.

Nachdem die Nutzung des Schloßparks dem Festival von der Stadt Moers nicht mehr genehmigt wurde, begann eine programmatisch konzeptionelle und technisch organisatorisch schwierige Neuausrichtung. Gefunden wurde mit der Moerser Eissporthalle zusammen mit dem Parkplatz ein Veranstaltungsort, der schon 1983 bis 1986 alternativ genutzt wurde. Ein eigentlich öder, gesichtsloser Ort. Ihm nun Jahr für Jahr mit dem legendären Moers Feeling zu Beatmen, ist ein mühsames Unterfangen. Auch 2018 zeigt, dass das nicht wirklich gelingen kann.

Die Festivalmacher um den künstlerischen Leiter Tim Isfort suchen 2018 zusammen mit dem Künstler Rüdiger Eichholtz die Schloßpark-Tradition mit der Open-Air-Mini-Spielstätte Retro’77 wieder zu beleben. Zentral sind Festivaldorf, Eishalle und Halle sowie weiteren Spielstätten in der Stadt (Kirche, Bibliothek, Schloßtheater u.a.). moers festival 2018 will die ganze Stadt. Der Festivalbesucher bekommt, wenn er sich mit dem Fahrrad anstrengt, das eine oder andere Häppchen mit.

Ähnlich den verlockenden Angeboten der sozialen Medien, ständig online sein zu müssen, um nichts zu verpassen, schwebt beim Switchen zwischen den Festival-Orten irgendwie die Angst, das ungute Gefühl mit, das Wesentliche letztlich zu verpassen. A lot of switch, but never arriving matching.

© Peter E. Rytz 2018

Elaborierte Eindrücke vom Samstagsprogramm mögen ausschnitthaft, nicht repräsentativ sein, zeugen aber von der Schwierigkeit, die eigenen Erwartungen zu zentrieren. Es mag einem Mix von Melancholie und Nostalgie angerechnet sein, dass eine spontane Performance im Schloßpark von drei temperamentvoll improvisierenden Musiker auf dem Weg zum Konzert des Melt Trios das war, was länger in Erinnerung bleibt, als Bühnenkonzert und Session in der düster muffigen Halle.

© Peter E. Rytz 2018

So klein Retro’77, so großartig entspannt die Atmosphäre des Orts. In der Wiese lagernd, schwebt der Melt-Sound in seinen Wechseln von subtil lyrischen Klängen zu elektronisch verzerrten Riffs himmelwärts. Verwöhnt vom wärmenden Sonnenschein, versöhnt Peter Meyers Gitarre im Dialog mit dem Bass seines Bruders Bernhard und dem Drive von Moritz Baumgärtner an den Drums den Zuhörer mit dem miniaturisierten Festival-Schloßpark für einen kurzen Moment.

© Peter E. Rytz 2018

Ganz anders, aber mit sattem, brasilianischem Esprit grooven, rocken und performen später Quartabé die Zuhörer. Die langsam untergehende Sonne zeichnet Licht- und Schattenspiele in den Park. Sie sind die perfekte Szenerie für das avancierte Spiel des Quartetts.

Kraftvoll angetrieben von Mariá Portugal an den Drums, verstärkt durch die spielfreudig animierenden Joana Queiroz und Maria Beraldo Bastos an den Saxophonen, tastet sich der extrovertiert kostümierte Chicao an den Keyboards, anfangs zaghaft zurückhaltend in den Frauen-Power-Klang-Kosmos vor. Im Modus Full-speed liefert er eine musikalische und tänzerische Performance an den Keys ab, die sich, wäre da nicht Portugal, die Herrin der Drums, in einer Selbstinszenierung hätte verlieren können.

Fossile 3 + 1, angeführt von dem charismatischen Rudi Mahall, entert die Mini-Bühne des Festivaldorfes mit schönstem Free-Music-Standing. Mahals Bassklarinette protzt fragmentiert wie immer. Von Etienne Nillesens Drums wie mit einer Suppenschüssel eingefangen, verrührt mit Sebastian Gramss wenig inspirierten Bassläufen und von Philip Zoubek leicht gewürzt mit Klavierschnipsel, ist ihr Sound nicht mehr als eine aufgewärmte Suppe von gestern.

Dem Trio Dsilton gelingt es für Momente, die stickige Halle mit ihren frischen Sound-Eskapaden zu durchlüften. David Dornig entlockt seiner 31-Ton E-Gitarre veritable Sound-Collagen, die sich mit den dialogischen Phrasen des Drummers Valentin Duit und Georg Vogels an den Rhodes zu kreativen Improvisationen aufschwingen.

© Peter E. Rytz 2018

Unter Zeitdruck angekündigt, verheißen und erfüllen die Abend-Sessions vieles von dem, was man vom moers festival mit Zufriedenheit erwarten darf und kann. Ärgerlich, dass mit der exaltierten Ankündigung des ebenso egomanisch selbstherrlichen, sich paranoid firmierenden Ensembles WENDY PFERD TOD MEXIKO mit RDEčA RAKETA & Natascha Gangl den Sessions die Zeit nicht gegeben wurde, die man reichlich jenen gab, die in selbstverliebter Pose mit geheimniskrämerischen, kleinkrämerischen Tonschnipsel auch ohne Publikum auskommen könnten.

Irgendwie war dann für viele dann schnell die Luft raus. Nur noch wenige schlenderten durch das Festivaldorf. Viele schon auf dem Weg nach Hause.

moers festival bleibt weiterhin ein Versprechen für die Zukunft, auch wenn 2018 eher einen schalen Eindruck hinterlässt.

05.06.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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