Monteverdi mit L’Arianna neu entdecken

 

L’Arianna © Bülent Kirschbaum

Spätestens seit dem Jahr 2017, in dem der 450. Geburtstag von Claudio Monteverdi gefeiert wurde, dessen L’Orfeo gemeinhin als die erste Oper gilt, haben alle seine überlieferten Opern einen wahren Aufführungs-Boom ausgelöst. Kaum ein Opernhaus oder ein Klassik-Musikfestival, das ohne sie auskäme.

Sir John Eliot Gardiners halbszenische Monteverdi-Trilogie – L’Orfeo, Il ritorno d’Ulisse in patria und L’Incornazione die Poppea – beim Musikfest Berlin 2017 muss man als Maßstab setzend anerkennen (Gardiners Via Triumphalis di Monteverdi vom 06.09.2017, hier veröffentlicht). Obwohl die als gültig hinterlassenen Partituren – von Ulisse und Poppea als Abschriften, von Orfeo teilweise als Partiturdruck nachbuchstabierbar – nur als spartanisch notierte Fragmente existieren, sind sie in der historisch informierten Aufführungspraxis stilprägend.

Schon lange wird vermutet, dass Monteverdi weitere Opern komponiert hat. Das Musikfestival KlangVokal Dortmund präsentiert mit L’Arianna jetzt eine Monteverdi-Oper, die für alle Zeit verschollen zu sein schien. Komponiert als Tragedia in musica anlässlich der Hochzeit des Herzogs von Mantua Francesco IV. Gonzaga und Isabella von Savoyen 1608, ist einzig das Lamento Lasciatemi morire für Solosopran mit einer Generalbassbegleitung in drei Version gedruckt überliefert. Dass dagegen das Libretto von Ottavio Rinuccini vollständig erhalten ist, hat Claudio Cavina, Gründer und künstlerischer Leiter des Barock-Ensemble La Venexiana herausgefordert, L’Arianna einfühlsam mit aus Monteverdis Kompositionen extrahierten Teilen zusammen mit  seinen eigenen Ergänzungen zu rekonstruieren.

Öffentlichkeitswirksam als Ariannas Rückkehr nach 400 Jahren angekündigt, wird die Aufführung im Orchesterzentrum NRW Dortmund am Ende stürmisch bejubelt. Der Werkstattcharakter des Saals im Orchesterzentrum kommt der Aufführung sehr entgegen. Man meint im Raum das Fluidum des Ausprobierens und Improvisierens zu spüren. Ein musikalischer Werkstattraum, in dem das Potential von L’Arianna als rekonstruierter Monteverdi-Klang mit dem Ensemble La Venexiana hörbar wird.

Erzählt wird die Ariadne-Theseus-Geschichte als Teil der griechischen Mythologie. Theseus erschlägt den Minotaurus, der Ariadne in seiner Höhle gefangen hält. Alles scheint gut, wäre da nicht ein intriganter Börewicht, der Theseus rät, Ariadne zu verlassen. Allein zurück gelassen, beklagt sie ihr Schicksal. Wie von Venus voraus gesagt, bewirken die Liebespfeile ihres Sohnes Amor, dass sie mit Bacchus ein neues Liebesglück finden wird.

Nur ansatzweise gelingt eine szenische Projektion. Chor und Solisten singen mit der Partitur in der Hand. Das schränkt zwar eine spielerische Umsetzung entsprechend ein, setzt aber nicht nur die Phantasie der Zuhörer frei. Die Konzentration auf den Gesang wird mit musikalischem Furor mehr als kompensiert.

Die Dramaturgie folgt einem konzisen Wechselprinzip. Die Wand hinter dem Konzertpodium changiert in gedimmtem Blauweiß. Die handverlesenen Solisten singen Solopartien, wie sie, auch innerhalb einer Szene wechselnd, ebenso den Chor bilden. Im Chorklang verschmelzen ihre Stimmen auf wunderbare Weise.

Raffaella Milanesi macht die Gefühlswechsel Ariannas mit ihrem lyrisch verträumten Sopran hörbar, wie sie diese mit somnambulem, nach Innen gekehrtem Blick gestisch andeutet. Bei der berühmten Arie Lasciatemi morire lässt sie die Partitur sinken, während sich ihre Stimme todessehnsüchtig kolorierend erhebt.

Der Tenor von Riccardo Pisani gestaltet den treulosen Teseo mit großem Schmelz. Eindrucksvoll zeichnet sein Gesang eine kindlich naive Schicksalsgläubigkeit. Von himmlischen Mächten geschoben, wird sein Handeln schon richtig sein.

Emanuela Galli löst sich wie Luca Dordolo weitestgehend von der Partitur in der Hand. Befreit von Textverlustangst, stellen sie lebensprall die Fischersfrau Dorilla und den windigen Berater mit sängerischer und spielerischer Überzeugungskraft dar.

Die achte Szene nutzt Alessio Tosi für einen glanzvollen Auftritt als zweiter Bote mit der Deklamation La dolorosa storia. Von den weiteren Solisten ist unbedingt noch der Countertenor Filippo Mineccia zu nennen. Countertenöre stehen häufig unter besonderer Beobachtung. Fehlt manchen einerseits der gutturale Alt, wird andererseits Tenor-Überspitzung in sopranale Tonstimmungen gerügt. Mineccia gibt ein schönes Beispiel dafür, wie die Countertenor-Klangfarbe eigenständig überzeugen kann.

La Venexiana, kammermusikalisch mit Zink, Blockflöten, Gambe, Barockvioline, Viola da Gamba, Bass, Cembalo, Barockharfe und Laute besetzt, schafft unter der ingeniösen Leitung von Davide Pozzi einen dichten, narrativen Schönklang – breitbeinig vor einer kleinen mobilen Orgel stehend, als würde aus ihrem Register der Esprit kommen, der ihn mit La Venexiana und den Sängern L’Arianna entdecken lässt.

Cavina hat vor allem in den rezitativischen Passagen, insbesondere mit Laute und Harfe, Instrumenten große Spielräume eingeräumt, die sich – insbesondre die Laute – in vielen Barock-Ensembles häufig orchestral ein- und unterordnen, hier jedoch akzentuierend zur Geltung gebracht werden. Ein auch für den Alte-Musik-Kenner ein  durchaus eher seltenes Vergnügen.

Weiterhin belässt es Cavina nicht bei der Suche nach einem originalen Monteverdi-Ton. In einzelnen Intermezzi zwischen den elf Szenen klingen impressionistisch gefärbte Facetten an. Es mutet an, als wolle Cavina unseren heutigen Ohren schmeicheln, ohne Monteverdi im Wolfspelz einer Event-fixierten Sensation zu vereinnahmen.

Pozzis minimalistisch zurückhaltendes Dirigat setzt feinsinnig Akzente, ohne zu triumphieren. Er vertraut auf eine gemeinsame Resonanz von Orchester, Chor und Solisten.

Es ist nicht unbedingt eine Sensation heischende Großtat der Programmmacher von KlangVokal, L’Arianna ins Programm genommen zu haben. In der Werkstatt-Fassung des bestens disponierten Barockorchesters La Venexiana, von Davide Pozzi virtuos und einfühlsam motiviert, gibt es zu Recht am Ende viel Beifall.

04.06.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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