Existenz des Menschen und Existenzielle Plastik

 

Hans-Jürgen Lechtreck (Geschäftsführender Direktor), Sonja Pizonka (Projektleitung); Ulrich Meinherz (Kesselhaus Josephson, St. Gallen) © Peter E. Rytz 2018

Mit Hans Josephson (1920 – 2012) stellt das Museum Folkwang Essen in Kooperation mit dem Kesselhaus Josephson, St. Gallen einen wichtigen Künstler der figurativen Bildhauerei aus. Mit seinen plastischen Arbeiten sucht er unermüdlich den Dialog mit dem Bild des Menschen. Dabei nicht irgendein mehr oder weniger realistisches Abbild als Ergenis verfolgend, sondern die Erscheinungsform des Portraitierten aufscheinen zu lassen. Existenzielle Plastik ist entsprechend die Ausstellung untertitelt.

Die mehr als 70 ausgestellten großformatigen Plastiken und Reliefs, in deren Mittelpunkt die menschliche Figur steht,  stellen einen repräsentativen Querschnitt seines Œuvre aus allen Schaffensperioden dar. Man spürt etwas von Josephsons aufmerksames Erstaunen über individuelle Vielfalt der menschlichen Figur. Dass es für ihn keine endgültige, letztendlich vollkommene Form zu geben scheint, macht sich angesichts der Arbeiten in der großen lichtdurchfluteten Halle des Museum mit einem Gefühl, etwas fragmentarisch Unvollendetes zu sehen, bemerkbar. Die fast durchgängige Bezeichnung seiner Arbeiten mit Untitled verstärkt unmittelbar den Eindruck, die Figuren sind noch nicht fertig plastiziert; potentiell könnte es noch weiter gehen.

Entziffert sich das Gesicht in seiner figurativen Formgebung schon in den Arbeiten aus den 1950er und 1960er nicht auf den ersten Blick, verschwindet es später – Untitled (Verena), 1987 oder Untitled, 2002 – in seiner Eindeutigkeit in der Kompaktform als Ganzes. Das Gesicht als Erscheinungsform eines Gesichts bei dessen Anblick sich gleichwohl das Bild eines imaginären Gegenübers einzustellen vermag. Existenziell in Bewegung.

In Josephsons Arbeiten sind reflektierte Bezüge zur Antike wie auch zu Künstlern der avantgardistischen und zeitgenössischen Moderne wie Auguste Rodin, Medardo Rosso, Hermann Haller, Fritz Wotruba oder Thomas Schütte zu spüren. Seine vom Umfeld der abstrakten Kunst der 1950er Jahre geprägte menschliche Figur hat er mehr als 25 Jahre in der schweizerischen Einsamkeit von Gornica reifen lassen. Nach dem 2. Weltkrieg stellte nicht nur Theodor Adorno infrage, ob man danach überhaupt noch ein Gedicht schrieben könne Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch -, auch die bildende Kunst fragte, ob es noch möglich sei, ein realistisch relevantes Menschenbild bildkünstlerisch zu formulieren.

Josephson dekliniert insbesondere in seinen Torsi und Reliefs Figur, Distanz, Tiefe und Transparenz, wie Arie Hartog in einem instruktiven Beitrag des zweisprachig gedruckten Katalogs (Deutsch und Englisch) nachhaltig argumentiert.

Anfang der 1990er Jahre treffen Josephsons Arbeiten den Geist der Zeit nach Ende des Kalten Krieges. Gleichzeitig rücken damit auch seine früheren Arbeiten in die Aufmerksamkeit der Kunstwelt. Dass Josephsons Werk mit der globalen, politischen Veränderung erst spät öffentlich bekannt wurde, hat offenbar wesentlich damit zu tun, dass Skulpturen des Menschen immer in der Gefahr stehen, von totalitären Gesellschaft auch ohne ausdrückliche Zustimmung des Bildhauers ideologisch instrumentalisiert zu werden.

Die große Überblickausstellung in Essen verbindet Josephson künstlerisches Ringen um die Form einer existenziellen Plastik hintergründig, ohne zu polemisieren, mit der Existenz des Menschen in der Gesellschaft überhaupt. Wer sich dieses Abenteuer nicht entgehen lassen möchte, hat dazu noch bis zum 24. Juni 2018 Zeit.

07.06.2018

 

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Über Peter E. Rytz Review

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