Im Kreidekreis der Eigentumsverhältnisse

 

Stefanie Reinsperger, Tilo Nest, Sina Martens (in Recklinghausen: Anna Blomeier)
©Matthias Horn

Bertolt Brecht und Der Kaukasische Kreidekreis haben Theatergeschichte geschrieben. Sowohl für die Entwicklung des Berliner Ensembles als auch für die Entwicklung der Theaterkunst, wie Werner Hecht im Programmheft mit einem Beitrag von 1975 zitiert wird.

Hausregisseur Michael Thalheimer wirft mit seiner Neuinszenierung einen dramaturgischen Fehdehandschuh in den Ring des Festspielhauses Recklinghausen via Berliner Brecht-Haus. Am Ende von Szene 1 Der Streit um das Tal lässt Brecht den Sänger auf die Frage des Sachverständigen Könnt ihr es nicht kürzer machen? mit Nein antworten. Thalheimer widerspricht mit seiner Inszenierung

Brechts KreidekreisPersonal mit mehr als 70 Rollen reduziert Thalheimer auf neun Personen, die mehrere Rollen spielen. Er verkürzt außerdem den Text radikal auf Brechts dialektische Eigentums-Frage. In weniger als zwei Stunden, ohne Pause gespielt, schafft der Regisseur einen flirrenden Kreidekreis-Sound. Nicht vier und mehr Stunden Brecht mit Musik von Paul Dessau, sondern Musik von Bert Wrede, die die übersteuerte Elektro-Gitarre von Jimi Hendricks zitiert, bildet ein von Kalle Kalima gespieltes, insistierendes Kreidekreis-Line-up. Zusammen mit Ingo Hülsmann als Sänger, der bei Thalheimer nicht singt, sondern mit seiner sonor akzentuierten Stimme mit Hilfe eines dynamisch regelbaren Studio-Mikrofons kommentiert, grundieren sie den Kreidekreis als Toncollage.

Die von der französischen Presse enthusiastisch gefeierte Kreidekreis-Aufführung beim Festival des Theaters der Nationen in Paris 1955 – Endlich das Theater, von dem man träumt! –, im Programmheft nachzulesen, setzt Thalheimers Inszenierung 2018 die Krone auf. Der Jubel in Recklinghausen ist jedenfalls eindeutig und lautstark.

Die Erzählung vom Küchenmädchen Grusche Vachnadze, das ein Kind uneigennützig vor dem Tod rettet und sich dadurch selbst gefährdet – die Dumme, der man alles aufladen kann -, konzentriert Thalheimer auf ein ontologisches Brecht-Moment: Wenn das Haus eines Großen zusammenbricht, werden viele Kleine erschlagen. Die das Glück der Mächtigen nicht teilten, teilen oft ihr Unglück.

Auf einer leer geräumten, schwarz ausgeschlagenen Bühne treten aus dem Dunkel des Bühnenhintergrunds ins gedimmte Streulicht (Licht: Ulrich Eh) Schauspieler nach vorn. Sie spielen sich in den folgenden 105 Minuten auf der Bühnen die Seele aus dem Leib. Körperlich und gestisch mit fulminanter Expressivität verwischen sie die Grenze von Spiel und Wirklichkeit.

Zuvörderst Stefanie Reinsperger, die die Grusche in körperlichem Dauereinsatz mit akrobatischer Vehemenz ohne Rücksichtnahme auf den eigenen Körper mit kaum zu überbietender Eindringlichkeit spielt; ja mehr als das. Sie lebt Grusche in erbarmungswürdiger Einsamkeit, durchlebt deren sorgende Ängste schnappatmend bis an die Grenzen des Möglichen. Am ganzen Körper vibrierend birgt sie das Kind mit flehend irren Blicken: Es ist meins!

Reinsperger rutscht in schier unendlichen Wiederholungen auf dem Blut des ermordeten Gouverneurs aus, dass man ihr beispringen und helfen möchte, um sie vor sich selbst zu schützen. Ihre Bühnenpräsenz als schauspielerisches Gesamtkunstwerk ist außergewöhnlich intensiv. Gleichwohl gehören zum neuen Berliner Ensemble weitere Schauspieler wie Tilo Nest und Sasha Nathan, die über eine ebenso atemberaumende Präsenz verfügen.

Nathan zeichnet mit Grusches Bruder Lavrenti einen hinterfotzig schleimigen Typ mit fromm sich gebender, bauernschlauer Schutzattitüde. Sein einziges Ziel ist, die Schwester so schnell als möglich wieder los zu werden. Mit einem differenzierten Repertoire sprachlich und gestisch temperierter Charakterisierungen gibt Nathan mit minimalen Veränderungen des Kopfes und dem aus dem Mund quellenden deliziösen Sprechbrei jeder einzelnen Szene eine eigene Farbwendung.

Die Szenen des Richters Azdak hat Thalheimer von dem episch breit aufgefächerten  Diskurs- und Argumentations-Beiwerk in der Geschichte des Richters befreit. Auf einem Stuhl stehend, fokussiert auf den Rechtsspruch um die wahre Mutter des Kindes, wechselt Nest in einer mehr als 15minütigen, schauspielerisch artistischen Performance vom Richter Azdak zu den Anwälten und weiteren Akteuren in einer Person mit staunenswerter Flexibilität. Den sekundenschnellen Wechsel von einer Person zur anderen gestaltet Nest mit imponierender, chamäleonhafter Geschmeidigkeit von Sprache und Körper.

In der hilflos stammelnden Verlobungsszene mit Grusche zeichnet Nico Holonics mit wenigen Gesten den Soldaten Simon Chachawa, wie Peter Luppa die Scheingrößen des Gouverneurs wie auch die der Schwiegermutter authentisch auf seine eigene, kleine Körpergröße einzoomt.

Den Kreidekreis, den Brecht nach einer alten chinesischen Erzählung als Zeichnungsgrenze transfiguriert hat, indem er Azdak fordern lässt, einen Kreis mit Kreide auf den Boden zu zeichnen, braucht die Dramaturgie von Bernd Stegemann nicht. Azdak fordert Grusche und Natella, die leibliche Mutter, die das Kind in der Not sich selbst überließ und das nur dank Grusches Aufnahme überlebt hat, zu einem Tauziehen um das Kind auf: Faßt das Kind bei der Hand. Die wahre Mutter wird die Kraft haben, das Kind aus dem Kreis zu sich zu ziehen. Aber Thalheimers Inszenierung gibt stringent und konsequent Grusches Verzweiflung recht: Ich hab’s aufgezogen! Soll ich’s zerreißen? Ich kann’s nicht.

Thalheimer entlässt den Zuschauer mit der an sich unwahrscheinlichsten Entscheidung Adzaks, indem der Grusche das Kind zuspricht, obwohl sie  offenkundig nicht die leibliche Mutter ist. Die moralische Wahrheit muss mit der Wahrheit des Eigentumsrechts nicht unbedingt übereinstimmen. Wenn es plausibel erscheinen kann, dass die biologische Mutter nicht selbstverständlich ihr Kind gehört, dann sind auch alle anderen Eigentumsverhältnisse fraglich, insistiert Bernd Stegemann auf Brechts Dialektik des epischen Theaters.

Im Nachgang zu diesem eindrucksvollen Theaterabend bieten Video-Interviews mit den Schauspielern auf der Homepage des Berliner Ensembles Gelegenheit, ihn noch einmal zu reflektieren. Tilo Nests Überzeugung, dass das Theater die direkteste Form der Auseinandersetzung ist, weil Menschen Menschen etwas über die Welt erzählen, erfüllt sich an diesem Kreidekreis-Abend ebenso, wie die von Stefanie Reinsperger auf das Eindrucksvollste: Das Theater (und die darstellende Kunst) ist eine der wenigen Formen, wo man als Zuschauer die Chance hat, Körper leibhaftig zu erleben, die sich aneinander abarbeiten und mir etwas erzählen.

07.06.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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