Wortlistengeschwätzigkeit

Bruce McKenzie © Marc Doradzillo

Blankets, boots and shoes, stationery and books, sheets, pillows, quilts; rolled-up rugs and sleeping bags; bicyles, skis, rucksacks…. schnurren Worte und Satzfragmente wie eine Suada von der Bühne des Theaters Marl. Daniel Fish hat sich in Begeisterung für die Motive und Themen des hochgelobten Roman Weißes Rauschen von Don DeLillo in eine dramaturgische Sackgasse verirrt. Bei jeder Theaterinszenierung auf einer Romanvorlage stellt sich die Frage: Warum? Die theatralischen Ergebnisse sind mitunter wenig überzeugend.

DeLillos sprachliche metaphorische Poesie mit ihrer dystopischen Perspektive verdünnflüssigt Fish zu einer sogenannten theatralen Installation. Mit Fishs Roman-Adaption erlebt die Inszenierung des Theaters Freiburg im Rahmen der Ruhrfestspiele 2018 in Marl ihre Uraufführung. Die im Programmheft von Fish ausgedrückte Hoffnung, dass das Publikum mit offenen Augen, offenen Ohren und offenen Köpfen ins Theater kommt, ist so selbstverständlich wie trivial zugleich. Jede Inszenierung ist ohne diese neugierige Offenheit der Zuschauer nichts.

Die von Fish aus dem Roman extrahierten Wortlisten repetiert Bruce McKenzies  wie einen märchenhaft süßen, endlos fließenden Brei. Einige Zuschauer empfinden es schon frühzeitig als Zumutung, vielleicht sogar Täuschung oder sogar als eine hoffärtige Arroganz. Die Ersten gehen schon nach zehn Minuten. Das ohnehin spärlich besetzte Theater leert sich, je länger der Sprechmarathon anhält, immer mehr.

Wer die Aufführung als Ausdauerübung begreift und den nur von wenigen gestischen Momenten unterbrochenen eintönigen, 80 minütigen Monolog bis zuletzt durchhält, steht am Ende nichtdestotrotz vor einem Erklärungsdilemma. Soll man über Bruce McKenzies Kunst des Memorierens staunen? Ein Tele-Prompter ist irgends zu entdecken. Oder hat sich DeLillos Dystopie inzwischen zu einer Normalität dramatisiert, mehr oder weniger ungebrochen raumgreifend den kapitalistischen Alltag vereinnahmt? Wortlisten-Rezitationen nichts mehr als l’art pour l’art?

Schon nach kurzer Zeit stellt sich in Marl das Gefühl ein, am falschen Ort zu sein. Aus Versehen in einem psychotherapeutischen Kurs, der  Menschen eigentlich von dem Phänomen, sich von  fremden Stimmen verfolgt zu fühlen, zu therapieren, doch im Gegenteil von Worten zugeschüttet zu werden? Es lässt eher an ein Tohuwabohu denken, jenes unvorstellbare Chaos am Beginn der Zeit, wie es die Bibel beschreibt.

Die Bühne von Andrew Liebermann bildet  eine Videowand, in der mittig ein Kreis, von Stefan Melk zu einer zentralperspektivischen Röhre gezoomt, der Sprechplatz  für McKenzie ist. Der Wortfluss wird in den ersten zwanzig Minuten mit sequenzierten Video-Einblendungen von Kindern bebildert. Sophie, Nele, Delina, Casimir, Ylva und weitere, die namentlich im Programm  genannt sind, sagen ihren Namen auf, der gleichzeitig auf einem Schildchen Hello, My name is auf ihrem t-Shirt zu lesen ist.

Fish glaubt sich nicht nur, von DeLillos Roman zu der Frage Was sieht man? inspiriert, sondern meint damit auch eine dramaturgisch konstruktive Idee gefunden zu haben. Die Worte des Buches würden seiner Ansicht nach in den Gesichtern der Kinder widergespiegelt werden. Eine Ansicht, die – nostalgic for black-white, longings dominated gy achromatic values – das bleibt, was von Worthülsen zu erwarten ist. Keine Überzeugungskraft der Worte selbst.

Die Kinder, die sich später bedeutungsschwer mit Theaterblut bemalen und sich zu einem esoterisch anmutenden Kreis anordnen, werden mit Szenen kontrastiert, die man wohl als gesellschaftlichen Entwicklungszustand, der als Nabelschau um sich selbst ohne Fortschritt kreist, verstehen sollte. Erst eine Frau, allein sich im Bettlaken wälzend, später dazu gesellt ein Mann, verträumt in die Kamera schauend, sollen offensichtlich eine assoziative Brücke zu den Wort- und Satzfragmenten herstellen. Konjunktive Ansagen, die, mit bedeutungsvollen Gesten  aufgeladene Anmutung, letztlich leer bleiben.

Leerlaufend in einer Dramaturgie, die mit dem aus der Naturwissenschaft entlehnten Begriff Weißes Rauschen eine Metapher für eine gesellschaftliche Perspektive benutzt, ohne sie zu reflektieren.

Fish insistiert mit dem Blick auf eine Wirklichkeit, in der das demokratisch verfasste Gesellschaftsmodell im Weißen Rauschen, im Stillstand verharrt.  Entsprechend flirrt und sirrt immer mal wieder optisch ein Weiß über die Leinwand, wie es in der Frühzeit des Fernsehens als Störungsstreifen zu erleben war.

Als zu Bruce McKenzies Litanei A whimper, an animal complaint, irregular and exhausted Fish mit parallel projiziertem Filmausschnitt einer Propagandarede HitlersWir wollen ein redliches Volk!  sowie Elvis Presleys Schmusesong – Love me Tender  – der Tiefpunkt der Aufführunfg erreicht ist, ist damit gleichzeitig für weitere Zuschauer deren Zumutungsgrenze überschritten. Sie gehen, sind nicht mehr gewillt, der vordergründig durchsichtig auf Lamoryanz-Effekt gebürsteten Performance weiter zu folgen.

Wer ratlos bleibt, dem offeriert das Programmheft eine Suchaufgabe. Der jeweils letzte Satz aus DeLillos drei Kapitelteilen endet mit einem Satz, der in der Fish-Liste zu finden sein soll. The cults of famous and the dead, lautet der letzte Satz. Wer gern Rätsel löst, kann in der nämlichen, abgedruckte Liste nach den anderen beiden Sätzen suchen.

10.06.2018

Advertisements

Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
Dieser Beitrag wurde unter Theater veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s