Klangseelenmaler Caldara in der St. Reinoldikirche Dortmund

 

Maddalena ai piedi di Cristo © Bülent Kirschbaum

Konzerte des Musikfestivals Klangvokal gewähren seit Jahren verlässlich wunderbaren Klangzauber. Das Abschlusskonzert des diesjährigen Festivals bestätigt dies eindrucksvoll mit der Wiederentdeckung des Oratoriums Maddalena ai piedi di Cristo von Antonio Caldara.

Damien Guillon glückt mit seinem Ensemble Le Banquet Céleste eine Entdeckung. Er erweckt ein Werk von inniger Tiefe und exquisiter Melodiösität zu neuem Leben. Der Name Le Banquet Céleste liest sich wie ein Versprechen. Gemeinsam mit den Solisten zelebrieren sie musikalisch ein wahres himmlisches Bankett. Wenn es perfekt organisierte Klangsinnlichkeit gibt, ist sie an diesemAbend in der St. Reinoldikirche zu sehen und zu hören.

Auf dem aufgeklappten Deckel des Cembalos ist eine idealisierte italienische Landschaftsmalerei zu sehen. Im Konzert rahmt sie wie ein Bühnenbild den musikalischen Kampf der Irdischen Liebe und der Himmlischen Liebeum die Seele Maddalenas. Die eine drängt sie, das Leben zu genießen, die andere rät ihr, auf Gott allein zu vertrauen. Bernardo Sandrinellis Libretto nach Lodovico Forni verdichtet die neutestamentliche Geschichte der Magdalena, die immer wieder Komponisten in der Musikgeschichte auf unterschiedliche Weise beschäftigt hat, auf die Frage: Welche der beiden Lieben ist die wahre, die beständige, die unangefochtene?

Maddalena sieht sich als Sünderin in ihrer verzweifelten Abscheu vor aller irdisch vergänglichen Pracht zwar von ihrer Schwester Martha getröstet, doch trotz des Misstrauens der Pharisäer überwindet sie Ai piedi di Cristo alle Widerstände und Verlockungen. In der Gewissheit, dass wahre Schönheit nur im Dienste des Himmels zu erreichen ist, schaut sie am Ende befreit auf ihre eitlen Jugendsünden: Or che libera sono dal lascivo tuo fasto, quanto ben raffiguoro i tuoi deliri.

Hoch über dem Chor der Kirche hängt ein Holzkreuz. Es ist, als lausche der Gekreuzigte mit schicksalhaftem Wohlwollen auf Caldaras Oratorium, einem Triumphgesang der Himmlischen Liebe. Caldara, im Programmheft als feinfühliger Klangseelenmaler bezeichnet, hat mit Damien Guillon einen außerordentlich inspirierten Interpreten für diesen klangmalerischen Zauber, und das in doppelter Funktion – als Dirigent in ruhiger Gelassenheit, lyrische Melancholie wie kämpferisch wütendes Aufwallen differenziert akzentuierend sowie als Countertenor Amore Celeste den himmlischen Bankett-Triumphator charakterisierend.

Diese Wechsel fügen sich zu einem symbiotischen Ganzen von orchestraler und solistischer Klangschönheit. Guillon und Le Banquet Céleste verbindet selbst in seiner solistischen Hinwendung zum Publikum ein verlässliches Klang-Band. Wenige Gesten, leichte Schulterbewegungen, unterstützt von der rechten Auftakt-Hand, reichen aus, um melodiöse Selbstverständlichkeit zu zelebrieren.

Über welche geschmeidige Flexibilität Guillons Countertenor, der doch in den Arien mitunter leicht überspitzt klingt, insgesamt verfügt, ist im Duett La mia virtude mit der agilen Benedetta Mazzucato zu hören. Mazzucatos überzeugt mit einem dunkel, markig warmen Alt. Unterstützt von einem dynamisierenden, körperbewegten Gesang kämpft sie als Amore Terreno wie eine Löwin um Maddalenas irdisches Glück. Am Ende fährt sie als Verliererin in die Hölle. Ihre Arie Voi del Tartaro singt Mazzucato mit heroischer Verzweiflung, die wie eine erneute Kampfansage klingt.

Den Sopranistinnen Emmanuelle de Negri als Maddalena und Maïlys De Villoutreys als Martha hat Caldara Arien komponiert, die klangmalerisch schwelgerisch verzücken. Geradezu genial, wie Guillon mit de Negri und De Villoutreys zwei sehr unterschiedliche Sängerinnentypen mit jeweils brillanten Sopranstimmen besetzt.

In einer der schönsten melodischen Erfindungen Oimé, troppo importuno von Caldara, dem rezitativischen Maddalena-Auftakt, schillert Emmanuelle de Negris Sopran mit sanft beherrschter Strahlkraft.

Streichungen im zweiten Teil fällt leider auch die Martha-Arie O colpa felice zum Opfer. Gern hätte man De Villoutreys dort noch gehört. Sowohl ihr rezitativischer und als auch arioser Gesang zuvor betören durch lyrische Nuancierungen. Gestimmt zwischen Trauer und Weinen sowie aufmunterndem Lächeln, begleitet ihr Sopran die Achterbahnfahrt von Maddalenas Gefühlszerrissenheit durch alle emotionalen Höhen und Tiefen.

Ihnen steht sängerisch und mit ambitionierter Gestik Reinoud van Mechelen wenig nach. Als Maddalena Schutz zusichernder Christus lässt sein später, erster Einsatz sofort aufhorchen. Kraftvoll setzt er mit dem ersten Ton Del senso soggiogar ein und beeindruckt mit seinem lyrischen Tenor. Für Momente besetzt er das Energiezentrum des Oratoriums. Ohne zu dominieren, breitet er ein überwältigendes Klang-Finale vor.

Der Bassbariton von Benoît Arnould fällt anfangs etwas blass aus. Dieser Eindruck mag auch der überragenden Brillanz der Sängerinnen und des Countertenors Guillon geschuldet sein. Zum Ende räumt ihm das Libretto in der Rolle des Pharisäers mehr Raum ein. Er nutzt ihn zunehmend, seinen Bassbariton zu positionieren.

Le Banquet Céleste spielt mit jugendlichem Schwung und Begeisterung. Immer wieder blitzt ein Lächeln über die Gesichter der überwiegend noch keine 40 Jahre jungen Musiker. Einander zugeneigt, aufmerksam die Einsätze abstimmend, wecken sie als Kammerorchester mit Caldaras spätbarocker Instrumentierung eine kongeniale Klangfarbigkeit im Sinne der historisch informierten Aufführungspraxis. Die Begleitung der Rezitative durch die Basso-continuo-Gruppe begeistert durch verlässliche Resonanz und Struktur.

Der überwältigende Beifall, der am Ende das ehrwürdige Gemäuer der St. Reinoldikirche erbeben lässt, ist gleichzeitig auch ein großartiger Schlusspunkt unter das glanzvolle Klangvokal Musikfestival 2018.

12.06.18

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Über Peter E. Rytz Review

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