Bengal stream of consciousness

© Schweizerische Architekturmuseum S AM

Es gibt kaum noch eine Region in der globalisierten Welt, mag sie noch so exotisch und fern sein, die der Tourismus mit seiner Infrastruktur nicht tiefgreifend verändert hätte. Doch das Land Bangladesch ist in dieser Hinsicht noch zu entdecken. Ob der Tourismus sein vollmundiges All-inclusive-Glücksversprechen auch hier einlöst oder, wie vielmehr häufig zu beobachten, nur noch mehr Armut schafft, bleibt zumindest zweifelhaft. Ein Portion Skepsis scheint angesichts der Realitäten mehr als angebracht.

In den Nachrichten findet Bangldesch häufig nur dann Erwähnung, wenn von katastrophalen Arbeitsbedingungen in desolaten Fabriken berichtet wird. Wenn Häuser zusammenstürzen, nachfolgende Brände zusammen mit der ohnehin instabilen Stromversorgung die existentiellen Lebensbedingungen noch weiter verschlimmern. Wenn journalistisch nüchtern analysiert und Szenarien prognostiziert werden, dass durch die – vor allem von den sogenannten Industrieländern maßgeblich verursachten Klimaschwankungen – steigenden Meeresspiegel Länder wie Bangladesch zu großen Teilen vollständig überschwemmen werden.

Zusammen mit den jährlichen Monsunregenfällen ist unübersehbar, wie solche Katastrophen schon heute das Leben der Menschen bis an den Rand ihres Überlebens drängen. Im Ergebnis sind viele genötigt, in die Städte zu flüchten – und treffen dort auf Millionen andere mit dem gleichen Schicksal. Millionenstädte wie Dhaka sind kaum noch in der Lage, eine funktionierende Infrastruktur aufzubauen. Überfüllte Straßen, Menschen, die keine Unterkunft haben, selbst im Nirgendwo des städtischen Rands kaum einen Platz für eine Schlafmatte finden.

Das Schweizerische Architekturmuseum S AM in Basel  bietet mit der Ausstellung Bengal Stream als erstes Museum überhaupt einen Eindruck von der Architektur Bangladeschs. Zu erleben ist, wie es in der Unterzeile der Ausstellung heißt, eine vibrierende Architekturszene von Bangladesch. Mit kenntnisreichem, sozial- und religionsgeschichtlichem Blick für die außergewöhnliche Situation in Bangladesch haben die Kuratoren Niklaus Graber, Andreas Ruby und Viviane Ehrensberger eine außergewöhnliche Ausstellung installiert.

Grundmotive, die Lokalität und Internationalität des Bauens verbinden, haben mit dem Protagonisten Muzharul Islam sowie mit dem Architekten des Regierungsgebäude in Dhaka (1962-86) Louis Isadore Kahn (1901–1974) eine lange Tradition. In den letzten Jahren hat sich eine eigenständige Architekturszene in Bangladesch formiert.

Um sich einen unmittelbaren Eindruck vor Ort zu machen, hat Niklaus Graber nicht nur kuratiert, sondern mit einer Reisegruppe aus Basel 10 Tage lang Architektur vor Ort  besichtigt und dokumentiert. Auf einem die Ausstellung mit authentischen Erfahrungen  ergänzenden Reise-Blog erweitert sich dem Besucher  Bengal Stream zu einem stream of consciousness. So zu lesen im Ausstellungsgästebuch: Wonderful pieces & projects!! The social-economic consciousness is inspiring.

Die in der Ausstellung gezeigten 60 Projekte sind als Modelle mit einfachen Materialien – Draht, Holzleisten, Karton, Streichholzschachteln, Zeitungspapier – gebaut. Auf fein gewebtem Tuch dokumentieren sie das jeweilige Bauwerk mit Fotografien, Texten, Lageskizzen sowie Grund- und Aufrissen. Eingehangen in einer Ausstellungskonstruktion aus Bambushölzern, assoziieren der Stoff und das Holz Bangladesch in seiner Widersprüchlichkeit von deprimierenden Arbeitsbedingungen und einer wunderbaren Landschaft.

Eingerahmt von zwei Videoinstallationen, bekommt man parallel dazu einen Höreindruck sowohl von einer hektischen, scheinbar nie ruhenden Stadtgesellschaft und der beruhigenden Stille, wenn bei abgeschaltetem Ton nur die Bilder fluten.

Einem weiteren Eintrag im Gästebuch – Excellent portraits of a dynamic architecture scene – ist nichts hinzuzufügen, als die Empfehlung, Bengal Stream zu besuchen. Bangladesch ist viel mehr als nur ein von Leid und Katastrophen geprägtes Land.

Der umfangreiche gleichnamige Ausstellungskatalog dokumentiert ausführlich mit Essays sowie mit Fotografien von Iwan Baan. Er weckt nach dem Ausstellungsbesuch unmittelbares Interesse, mehr über dieses Land zu erfahren.

22.06.18

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Über Peter E. Rytz Review

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