Das universale B-Dur

Die Festspiele Zürich gehen – zwischen Schönheit und Wahnsinn – an diesem Wochenende zu Ende. Eine Woche später setzt sich der sommerliche Festivalmarathon beim 52. Montreux Jazz Festival fort. Das Theater Rigiblick leitet mit Miles oder die Pendeluhr aus Montreux einen gleitenden Festivalübergang ein.

Beiläufig nüchtern und rätselhaft Monolog für einen Schauspieler und eine Jazzband lautet die Programmankündigung im Theater Rigiblick. Die Aufführung nach einem Text von Henning Mankell ist in der Regie von Hansjörg Betschart aber viel mehr, als nur eine beiläufig erzählte Hommage an den charismatischen Trompeter Miles Davis. Sie zeichnet ein empathisch liebesvolles Bild des Schrotthändlers Steinar und seines Freundes Stein Åge aus Molde in Norwegen.

Bei einem der ersten Konzerte von Davis in Europa beim Molde International Jazz Festival  fährt Åge ihn vom Flugplatz zum Konzert. Davis’ Frage: Do you like my music? beantwortet Åge emotionslos: No! Damit beginnt eine wunderbare Freundschaft zwischen dem Jazz-Star und einem einfachen Chauffeur. Sie ist verlässlich stabil bis zu Davis’ Tod 1991, weil sie entgegen vielen falschen Schmeicheleien sogenannter Freunde klar konturiert ist. Da ist der gefeierte Star, ihm gegenüber einer, der von sich selbst sagt, dass er von Musik nichts versteht und außerdem seine Musik nicht mag, ihm aber auf andere Weise zugetan ist, ihm zuhört.

Daniel Rohr, Schauspieler und Leiter des Theaters Rigiblick sitzt inmitten des Zürich Jazz Orchestra auf einem Hocker und erzählt nonchalant sinnierend, wie er die Welt als schlichter Schrotthändler im Kontrast zu der Miles-Davis-Glitzerwelt empfindet. Åge ist Augenzeuge und Gewährsmann zugleich. Mankells Text erscheint auf den ersten Blick wie eine Nebenbei-Geschichte. Sie erzählt allerdings viel vom rassistischen Ausgrenzungsklima im Amerika der 1950/60ger Jahre. Erstmals in Europa, in Molde wird sich Davis diese Widersprüchlichkeit bewusst: Mir war nicht klar, dass nicht alle Weißen Arschlöcher sind.

Zwei Männer, Åge und Steinar, von Rohr wechselweise gesprochen, lernen mit Davis eine ihnen bis dahin fremde Welt kennen. Sie verklärt sich aber nicht in Sehnsucht nach dieser anderen Welt. Es passiert eher genau das Gegenteil. Das fremde Andere, das Steinar im Licht der Bühnenscheinwerfer leuchten sieht, bestätigt ihn zufrieden in seinem bescheidenen Schrotthändler-Dasein.

Es sollten Viele lieber fischen gehen, als Pillen einzunehmen, resümiert er nach seiner Fahrt mit Åge nach Montreux. Dort ist Åge wieder als Chauffeur engagiert. Steinar begegnet Åges Einladung mitzukommen zunächst eher skeptisch – Schrotthändler machen nie Urlaub. Meine letzten Ferien waren in der Schule. – und ohne das Einverständnis seiner Frau gehe es sowieso nicht: Na dann fahr‘ mal. Aber bring‘ mir eine Pendeluhr mit.

Zwischen Rohrs erzählerischen Passagen lässt das Zürich Jazz Orchestra den Miles-Davis-Sound anklingen. Zu Beginn, im Halbdunkel auf der Bühnenrückwand ein Foto von Davis projiziert, begleiten Bass und Schlagzeug die eingespielte Trompete von Davis. In der folgenden Stunde der Aufführung untermalen Arrangements des Orchesterleiters Martin Streule die berührende Geschichte von Menschen, weitab in der Provinz, aber dicht am Leben.

Mit Steinars und Åges Aufenthalt in Montreux erfährt die Geschichte eine Zäsur. Betschart transformiert Davis‘ Konzerthaltung, mit dem Rücken zum Publikum zu spielen, indem er das Orchester entsprechend zum Publikum rückwärtig positioniert. Mit einem 20minütigen Konzert, das allerdings auch mit kammermusikalischer Unterstützung von Harfe, Fagott und Oboe keinen überzeugenden Jazz-Sound schafft, antizipiert Betschart das musikalische Paulus-Erlebnis von Steinar in der Kulisse von Miles Davis‘ Montreux-Konzert. Dem Schrotthändler wird das Schweben und Verweben von Klängen zu bisher nie gehörter, unerhörter Musik: Jetzt liebe ich diese Musik.

Und ja, dann wird die Pendeluhr gekauft und Zuhause an der Wand im Wohnzimmer aufgehängt. Der ausgebaute Scheinwerfer des alten schwarzen Volvos, mit dem Åge einstmals Davis vom Flugplatz abholte, darf aber nicht mit ins Wohnzimmer. So sind Frauen eben, erklärt Steinar augenzwinkernd. Das wollte ich eigentlich nur erzählen, weil Miles Davis gestorben ist.

Im Schattenlicht von Davis Fotografie wird er dann doch noch einmal nachdenklich mit philosophischem Unterton. Es sei nämlich so, dass amerikanische Forscher entdeckt hätten, dass das Universum in B-Dur gestimmt sei. Genau die Tonart, die den meisten Kompositionen von Davis auch zu Grunde liegt. Dann klingen das Universum, Gott und Miles Davis gemeinsam in B-Dur, entlässt Rohr das begeisterte Publikum mit Steinars verblüffender Welterkenntnis in den frühsommerlicher Abend.

24.06.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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