Wahnsinnig schön

Frank Peter Zimmermann © zvg

Das Thema der Festspiele Zürich 2018 lautet Schönheit/Wahnsinn. Umgangs-sprachlich auf das Violinkonzert D-Dur op. 61 von Ludwig van Beethoven mit Frank Peter Zimmermann und dem Tonhalle-Orchester Zürich unter Manfred Honeck angewandt, kommt man nicht umhin, es als wahnsinnig schön zu bezeichnen.

Schon zum Konzertauftakt mit der Beethoven’schen Egmont-Ouvertüre, f-Moll op. 84 lässt Honeck keine Zweifel aufkommen, er wäre für den kurzfristig erkrankten Bernard Haitink nur ein schnell verfügbarer Ersatz. Mit seinem kraftvoll dynamischen, den triumphierenden Duktus am Pult nicht scheuenden Dirigat  inspiriert er das Tonhalle-Orchester Zürich vom ersten Moment an.

Mit gestrafftem Oberkörper bewegt er mit rollenden Bewegungen seine Arme in die Höhe. In priesterlich anmutender Manier beschwört Honeck Egmonts Triumph angesichts des Todes. Beethovens Verehrung von Goethes Egmont als dem wahren Helden, geboren aus der Enttäuschung über den falschen Helden Napoleon, charakterisiert Honeck mit einer Zäsur. Er nimmt, nachdem zuvor das aufgetürmte Heldische wie ein Kartenhaus zusammenbricht, eine verstörend lange Generalpause. Sie wird final von kraftvoll schmetternden Hörnern zusammen mit den Streichern zu einem leisen, aber kraftvollen Freiheitsfanal aufgelöst.

In diesem kurzen Stück deutet sich schon an, was vom Violinkonzert wahnsinnig schön in Erinnerung bleibt. Man könnte danach den Eindruck haben, als hätte Beethoven allein für einen enigmatisch verständigen Dirigenten wie Honeck komponiert.

Beethovens Violinkonzert skandiert mit den vier, aus einem magischen Pianissimo-Hintergrund aufleuchtenden, nacheinander angeschlagenen Viertel der Pauke  einen formidablen Auftakt. Sie sind die motivische Klammer der Sinfonie, die sich ostinat durch die Komposition bis ins Finale Rondo. Allegro zieht.

Zimmermann  erwartet seinen Einsatz im Kopfsatz Allegro ma non troppo, der im wesentlich noch auf Dramatik und Leidenschaftlichkeit verzichtet, mit konzentrierter Gelassenheit. Unnachahmlich Beethovens Originalität aufgreifend, schwingt sich sein Violinspiel fortan schwerelos bis in ätherische Höhen. Mit seiner kostbaren Stradivari Lady Inchiquin, einem Instrument aus dem Jahr 1711,  kontrastiert Zimmermann ebenso kostbar flirrende Harmonien. Immer wieder motiviert er, zu den Violinen und Celli hingewandt, sich und das Orchester einvernehmlich mit Honeck.

Zimmermanns Spiel lebt von einer Gestik, die im Gesicht direkt ablesbar ist. Mit aufgestützter Unterlippe signalisiert er grimmige Entschlossenheit, den Fährnissen mit Allegro giocoso gegenzuhalten, um sich im nächsten Moment mit zugespitztem Mund siegesgewiss lächelnd zu entspannen. Honeck dirigiert im empathischen Dialog mit Zimmermann und kongenial mit Beethovens musikalischer Gestaltung.

Unterschiedlich gezeichnete Pausensetzungen werden ihm zu Fixpunkten seines Beethoven-Dirigats. Einerseits sanft auf Pausen im Larghetto einschwebend, betont er andererseits mit knallendem Presto. In die von Honeck choreografierte Interpretation mit dem Tonhalle-Orchester Zürich, in der Fagott, Oboe und Pauke betonte Zäsuren setzen, taucht Zimmermann mit Esprit und Furor ein.  Gemeinsam entwickeln sie einen wahnsinnig klangschönen Beethoven.

Die Solo-Kadenz macht sprachlos staunend deutlich, welche gemeinsame Wellenlänge Zimmermann und Honeck, trotz der kurzen Vorbereitungszeit, inklusive einer Programmänderung, bei der Gestaltung der interpretativen Dramaturgie des Konzertes haben. Der Solist spielt die Kadenz in Adaption zu einer zweiten Klavierfassung des Violinkonzerts mit unnachahmlicher Grandezza.

Kaum enden wollender Jubel erzwingt eine Zugabe. Zimmermann spielt aus der Sonate für Violine solo a-Moll von Johann Sebastian Bach mit tief ausleuchtender Innigkeit, dass es schwer fällt, in die Pause genötigt zu werden.

Die 4.Sinfonie e-Moll op.98 ist Johannes Brahms‘ sinfonisches Fazit. Permanente Variationen sind kompositorische Formmodelle, die in die Zukunft weisen. Die konstruktive Durchdringung des Variationsprinzips zieht sich als Grundkonstante durch die Sinfonie. Farbig schattiert mit effektvollen Pizzicato-Passagen Allegro non troppo, hat Brahms im 1.Satz markant rhythmische Motive für das Cello gesetzt, die sich bis ins Finale Allegro energico e passionato aufbauen.

Sind im Andante moderato agil präsente Holzbläser zu bewundern, beeindruckt die klangliche Brahms-Eleganz im Allegro giocoso mit dominierenden Hörnern. Die calvinistisch stringente Architektur der Tonhalle Maag kommt mit ihrer trockenen Akustik dem elaborierten Horn-Klang sehr entgegen.

Honeck dirigiert das Tonhalle-Orchester Zürich mit manifester Überzeugung. Er setzt konzise Akzente mit den skizzierten Honeck typischen Pausen. Mit einem weit in das Orchester gebeugten Körper lauscht er, so scheint es, um den Brahms-Ton zu antizipieren und ihn mit energischem Körpereinsatz an das Orchester weiter zu reichen. Dass sein ambitioniertes Dirigat vom Orchester umstandslos und konsequent verstanden wird, zeigt, dass Honeck und das Tonhalle-Orchester Zürich eine angesichts der kurzen Probezeit erstaunliche Einheit bilden.

Maestro Honeck dirigiert am Freitag, dem dritten Konzertabend im Rahmen der Festspiele Zürich, mit generöser Selbstverständlichkeit, als würde er als primus inter pares dem Tonhalle-Orchester Zürich musikalische Impulse eher andeuten als festschreiben, um sich von ihnen mittragen zu lassen. Die Musik fluten zu lassen, ihr Fließraum gegeben zu haben, macht dieses Konzert zu einem außer-gewöhnlichen.

Dass die schweizerischen Fußballer punktgenau zum Konzertende den Siegtreffer schießen, vereint anschließend in freudiger Stimmung auf dem Weg zum Bahnhof Hardbrücke für einen Moment Menschen, die sich ansonsten nur selten begegnen.

24.06.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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