Laufsteg der Eitelkeiten

Oper Zürich – L’incoronazione di Poppea – 2018 – © Monika Rittershaus

Claudio Monteverdi in Zürich zu inszenieren, kann heikel sein. Legendär die Neuentdeckung Monteverdis durch Nikolaus Harnoncourt und Jean-Pierre Ponnelle am Opernhaus Zürich mit dem Monteverdi-Zyklus von 1975. Sie beförderte wesentlich die Verbreiterung der historischen Aufführungspraxis weltweit.

Jetzt kehrt L’Incoronazione di Poppea – das Motto der Festspiele Zürich 2018 gewissermaßen deklinierend – in Schönheit und Wahnsinn mit dem Barockspezialisten Ottavio Dantone und dem Orchestra La Scintilla zurück, das er vom Cembalo aus dirigiert. Unzufrieden mit seinen bisherigen Monteverdi-Inszenierungen an italienischen Opernhäusern vor mehreren Jahren – sehr schwierig, den Sängerinnen und Sängern zu vermitteln, was die Essenz der Musik Monteverdis ist: das recitar cantando -, wird ihm Zürich 2018 zu einer kreativen Initiation.

Monteverdis hinterlassene fragmentarische Partitur, mehr spartanisch notierte Materialgrundlage als endgültige Kompositionsvorlage, die nur aus einer Bass- und Melodielineatur besteht, basiert auf zwei Abschriften aus Neapel und Venedig. Tempoangaben fehlen generell. Bis auf den Orchesterpart mit Ouvertüre, Krönungsmusik und kurzen Ritornellen ist Monteverdis überlieferte Vorlage schlicht. Sie überlässt jeder Aufführung viel Freiheit. Es gibt auch keine Angaben in Bezug auf die Instrumente. Allein in der Orfeo-Partitur von 1607 sind alle Instrumente aufgelistet. Jede Inszenierung bleibt musikalisch spekulativ und ist deshalb eine Herausforderung, die nichts weniger zu leisten hat, als Poppea neu zu beatmen.

Ottavio Dantone gilt das venezianische Manuskript als Grundlage seiner Aufführung. Er unternimmt, wie er im Programmheft formuliert, den Versuch, zu verstehen, wie Monteverdi und seine Zeitgenossen gedacht haben, auf rhetorischer und psychologischer Ebene, und wie Emotionen erzeugt wurden. In Zürich kann er aus dem Vollen schöpfen, um die ihm vorschwebenden Klangfarben zu erzielen.

Das Orchestra La Scintilla ist besetzt mit Cornetti, Violinen und Flöten sowie der dauerhaft präsent spielenden basso-continuo-Gruppe mit Harfe, Theorbe, Laute, Gitarre, Cembal, Orgel, Viola da Gamba und Violone, einem fünfsaitigem Kontrabass.

Dantones Rekonstruktion ist eine musikalische Steilvorlage für die theatralisch überragend inspirierte Inszenierung von Calixto Bieito. Fast magisch, wunderbar, welche Bildwelten Bieito zusammen mit seiner langjährigen Bühnenbildnerin Rebecca Ringst dafür erfindet. Ein elliptischer Umlauf kragt ins Parkett aus. In seiner Mitte ist das Orchester platziert. Den damit verbundenen, mehrreihigen Parkettverlust kompensieren auf der Bühne vis-à-vis aufgestellte Sitze.

Wie eine Stierkampf-Arena anmutend, zentriert Bieito die Perspektive von Spiel und Zuschauen. Zwischen den Bühnensitzen führt eine Treppe nach unten und bildet einen kreisförmigen Laufsteg. Umgeben von Video-Screens an den Wänden, die teilweise auch die Balkons verhängen, wird die Bühne zum Facebook-Instagram-Zerrbild. Vorgefertigte Videos, teilweise in Slow-Motion –  Poppea und Nerone in einer Badewanne, wie sie sich lustvoll mit Schaum aphrodisieren, Seneca blutend in einer anderen oder Goldgeschmeide aus einem lippenstiftroten Mund heraus- und wieder zurückfließend – sowie von einer Live-Kamera produzierte Bilder. Vor dem eigentlichen Beginn werden auf dem großen Screen des Bühnenhintergrunds auch Video-Aufnahmen von einzelnen Zuschauern projiziert.

Die bildgewordene Realität in den sozialen Medien verbindet Bieitos Inszenierung geradezu grotesk überzeugend, ohne zu überzeichnen und sich in Video-Spielereien zu verlieren, zu einer Laufsteg-Parabel der Eitelkeiten. Bieitos Lesart des Librettos von Francesco Busenello wirkt wie ein Kommentar zur unstillbaren, hedonistischen Selfie-Kultur heute. Sie folgt damit Monteverdis Intention direkt und unmittelbar. Monteverdi selbst ist nicht an der mythologischen Geschichte des brutal herrschenden Kaisers Nero interessiert. Es ist die unheilvolle Verstrickung der Figuren in Machtstrukturen und ihre Verführbarkeit.

Bieito scheut sich deshalb auch nicht zu zeigen, wie Amor, der Gott der Liebe, von Poppea und Nerone zu einem Gott der Lust, der gewalttätigen Wollust missbraucht wird. Dem zentralen Element des singenden Sprechens, des sprechenden Singens, dem recitar cantando von Dantones musikalischem Entwurf einer Klangvielfalt, erweitert Bieito mit Spiellaut-Untermalungen. Röchelnde Schmerzschreie, erotisch aufgeladenes Seufzen,  stöhnende Stürze dehnen und beschleunigen die Szenen. Gemma Ní Bhriain als Valetta warnt mit sternuta o s’ei sbadiglia Ottavia vor Seneca, indem er dessen Gesang selbst wie im Gähnen verlangsamt.

Diese Beschreibung mag exemplarisch zeigen, wie Monteverdis Musik von Dantone und Bieito mit 15 Solisten aus 12 Ländern, ohne Chor zu einem unerhört vielfältigen Klangerlebnis in Zürich wird. Es ist sicher ein Glücksfall, dass es ihnen gelungen ist, Sängerinnen und Sänger zu versammeln, die den extremen gesanglichen wie gleichermaßen ambitionierten spielerischen Anforderungen auf eine grandiose Weise gerecht werden.

Der Countertenor David Hansen ist ein nahezu idealtypischer Nerone, der mit seiner Fähigkeit, sehr hoch und ausdrucksstark zu singen, ihn als eine verrückte, hysterische Figur überzeugend charakterisiert. Julie Fuchs‘ kultivierter Sopran zeichnet eine zynisch erotische Poppea. Mit brillant gehauchtem Timbre und einem lasziv sinnlichen Spiel – auf dem Screen ist zu sehen, wie ihre Zunge wertvolle Edelsteinkristalle genussvoll bewegt – verkörpert sie eine Frau, die in einer unseligen Mischung aus Erotik und Gewalt ihr Ziel verfolgt, an Stelle von Ottavia Kaiserin Roms zu werden.

Das letzte Duett von Nerone und Poppea geriert sich als erotisches Spiel mit dem Feuer. Einfach und perfekt, eingängig wie Filmmusik, faszinieren Fuchs und Hansen mit dem spannungsvoll auf dem gleichen Ton endenden Duett.

Neben ihnen gibt es unter den Solisten kein wirkliches Daneben. Delphine Galou stilisiert in einer Hosenrolle Ottone mit ihrem elaborierten Contralto ebenso überaus überzeugend, wie Stéphanie D’Oustracs Sopran eine widerständige, letztlich aber hilflose Ottavia zeichnet oder Deanna Breiwick, die eine bis an die Grenzen des Spielerischen und Gesanglichen gehende Drusilla gibt.

Emiliano Gonzalez Toro glänzt nicht nur in der Rolle der Arnalta, wie Manuel Nuñez Camelino ebenfalls die Frauenrolle der Amme slapstickartig konturiert. Er zeichnet mit seinem ersten Einsatz die recitar-cantando-Kunst.

Nahuel Di Pierros Auftritt als Seneca besticht durch eine ausbalancierte Einheit von Gesang und Spiel. Und dem Götterdreigestirn Amore, Fortuna und La VirtùJake Arditti, Florie Valiquette, Hamida Kristoffersen – als spielende Engelkinder mutet Bieito ein Bühnendauerpräsenz zu. Ihnen dabei zu zusehen und zu zuhören, ist ein L’Incoronazione-di-Poppea-Rausch, wie typischer Bieito nicht sein könnte.

Zum Schluss werden goldfarbene Luftballons und Goldregenschnipsel ins Parkett geworfen. Alles doch nur Karneval, wie es Monteverdi für Venedig komponiert hat? Oder der spiegelnde Widerschein eines narzisstischen Selbstoptimierungswahns zwischen Selbstinszenierung und Wirklichkeitsverlust?

Große Zustimmung mit kaum endenden wollendem Applaus für einen doch eigentlich nachdenklich machenden Laufsteg-Feierabend im Opernhaus Zürich.

26.06.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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