Martha Stettler auf Nebenwegen entdecken

Martha Stettler
Intimité, um 1912
Öl auf Leinwand, 112 x 145 cm
Nachlass Martha Stettler, Steffisburg

Während die schweizerische Kunstwelt umfassend den Wanderungen von Ferdinand Hodler zwischen Bern und Genf 100 Jahre nach dessen Tod nachspürt, entdeckt das Kunstmuseum Bern – gewissermaßen auf Nebenwegen – Martha Stettler: Eine Impressionistin zwischen Bern und Paris.

Hodler und Stettler wecken zwar zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit  ihren Arbeiten unabhängig voneinander Aufmerksamkeit und Anerkennung. Hodlers Arbeiten wachsen sich zu einem kanonisch schweizerischen Status aus, der vor allem nach seinem Tod und bis heute stilprägend für einen Teil der Avantgarde geworden ist.

Martha Stettler erkennt frühzeitig, dass für sie im männerbündischen Milieu der schweizerischen Künstler kein Platz ist. Hodlers Diktum Mir wie kener Wyber! im Blick auf eine sogenannte Frauenmundfertigkeit treibt sie geradezu fort. In Paris entwickelt sie seit 1900 ein spezifisch impressionistisch geprägtes Werk, das sie 1920 im Wesentlichen abschließt. Die Leitung der von Stettler 1909 gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin Alice Dannenberg mitbegründeten Académie de la Grande Chaumière bestimmt bis zum Tod der Malerin 1945 ihren Lebensmittelpunkt. Die Académie existiert bis heute und kann sich Schülern wie Alberto Giacometti und Louise Bourgeois rühmen. Nach 1920 malt Stettler nur wenig. Es entstehen vor allem kleinformatige Arbeiten mit privaten Sujets.

Rechnet man alle Umstände ihrer künstlerischen Existenz zusammen, dürfte es sie als Malerin eigentlich gar nicht geben. Frauen ist in der Schweiz noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine akademische Ausbildung verwehrt. Es bleibt eine private, von ihren kunstsinnigen Eltern geförderte Ausbildung. Dafür, dass das alles andere als leicht war, steht das Leben der Martha Stettler exemplarisch. Die Ausstellung (noch bis 29.07.2018) zeigt nicht nur ein facettenreiches, frühzeitig abgeschlossenes, später fast vollständig vergessenes Werk. Sie ist auch ein Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben.

Dass die Wiederentdeckung in dem von ihrem Vater, dem Architekten Eugen Stettler 1879 errichteten Kunstmuseum Bern stattfindet, mag auf den ersten Blick gönnerhaft scheinen. In der Ausstellung, die überwiegend Arbeiten aus dem Nachlass Martha Stettler, ergänzt durch einige wenige private Leihgaben sowie aus Museumssammlungen, zeigt, mögen sich selbst mokante Bedenkenträger nicht einer Wertschätzung Stettlers enthalten können. Geprägt von der französischen Malerei, bleibt sie einem spätimpressionistischen Pinselstrich verpflichtet.

Es sind vor allem die Pariser Figurenbilder, insbesondere von spielenden Kindern und ihren Bonnen im Jardin du Luxembourg – Der violette Mantel -, die sie bekannt machen. Anders als in den Werken von Künstlern wie der Künstlergruppe der Nabis um Pierre Bonnard oder bei Gustave Caillebotte, die die sozialen Veränderungen in den Großstädten, die Pariser Haussmann-Architektur thematisieren, zeigt sich bei Stettler ein spezifisches Interesse an der Peinture und ihren Kompositionselementen. Sie nimmt häufig eine malerische Draufsicht-Perspektive ein und fokussiert Motive wie in Der Kreisel, die das Dynamische, das unmittelbare Spiel der Kinder zeigen. Erwachsene sind als Staffage häufig an den Rand gedrängt.

Dem ist zweifellos, wie auch in den Gartenbildern – Der private Garten als paradiesischer Rückzugsort – etwas Idyllisches, von der Welt Abgewandtes eigen. Wer Sozialkritik in ihren Bildern sucht, wird sie nicht finden. Einem asymmetrisch spannungsvollen Bildaufbau, der den Vorder- und Mittelgrund durch einen bildparallelen Hintergrund auffangen, wie Sotzek im Katalog im Blick auf Le Parc (um 1910) formuliert, sind Stettlers Werke verpflichtet.

Viele Arbeiten hat sie nicht datiert. Es mag als Hinweis dafür gelten, dass sie ihr Künstlersein lebt, ohne sich als Malerin zu inszenieren und Sorge dafür zu tragen, einen in der Kunstgeschichte datiert nachvollziehbaren Platz zu gewinnen. Stettler geht es, so Sotzek, nicht um weibliche Eitelkeit oder den Bezug zur kunstgeschichtlichen Ikonografie. Ganz Künstlerin, auch in einer lebenslangen Beziehung mit einer Frau lebend, zeigen ihre Katzen-Interieur-Arbeiten auch ein konservativ bürgerliches Leben. Sie spiegeln häusliche Geborgenheit wider, wie sie gleichzeitig den Spiegel im Bild künstlerisch als Reflexion mit erweiterten Raumperspektiven nutzt.

Wer den Stettler-Nebenweg im Kunstmuseum Bern geht, wird eine Künstlerin entdecken, die angesichts der Massenwanderung auf dem Hodler-Hauptweg im Abseits leuchtet.

04.07.2018

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Über Peter E. Rytz Review

www.rytz.de
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