Walter Studer, ein hellwacher Beobachter des Alltags

Friedensapostel Max Daetwyler, um 1962 © Walter Studer

Kunst- und Fotoausstellungen nehmen Jubiläen von Künstlern häufig zum Anlass, Retrospektiven und Sonderausstellungen zu organisieren. Neben bekannten Künstlern, die die Moderne wesentlich mitgeprägt haben, geben sie Gelegenheit, an mehr oder weniger vergessene zu erinnern. Dass  Ferdinand Hodler 1918 starb, ist in der schweizerischen Kunstöffentlichkeit nicht zu übersehen. Gäbe es nicht das Engagement des Kornhausforums in Bern, das mit einer repräsentativen Ausstellung an den Fotografen Walter Studer (1918 – 1986) anlässlich seines 100. Geburtstag erinnert, hätten seine eindrucksvollen fotografischen Reportagen kaum eine Chance, in dieser Form öffentlich wahrgenommen zu werden.

In 15 thematischen Kapiteln folgt die Ausstellung mit 200 schwarz-weißen Fotografien Studers Blick in eine Vergangenheit, die aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbar ist. Es ist, als würde man ein Geschichtsbuch aufschlagen, in dem wenig zu lesen, aber viel zu sehen ist. Die thematischen Schwerpunkte reichen von  Nachrichten aus der Schweiz – eingegrenzt von Berg und Tal, konzentriert auf einen ingeniösen Emmentaler Bilderbogen, dokumentiert die mit vielen Hoffnung verbundene Schifffahrt schweizerischer Auswanderer in den 1950ger Jahre – bis zu Trümmerlandschaften, Polen/Deutschland, 1947/48 oder Gestrandet, heimatlos, Österreich, 1960.

Flüchtlingslager Oesterreich, 1960 © Walter Studer

Studer fotografiert nicht mit einem voyeuristischen Interesse, sondern aus einem tief empfundenen Bedürfnis, dem Leben in seinen vielfältigen Facetten nachzuspüren. In den Fotografien ist sein von Neugier bestimmter Blick zu spüren – aufmerksam hinzuschauen und im entscheidenden Moment auf den Auslöser zu drücken. Eine scheinbar sachlich nüchterne Fotografenarbeit, in der aber die emotionale Betroffenheit des Fotografen immer sichtbar ist. Der vom französischen Kino der 1930ger Jahre geprägte Begriff des poetischen Realismus sowie die neorealistischen Grundmuster der Rossellini-Filme der 1950ger Jahre muten wie eine Folie für das an, was Studer ebenfalls zeigt. Mit der Kamera festhalten, was Menschen tun, wo sie zu Hause sind, wogegen sie sich wehren, was ihnen Heimat ist, wovon sie träumen.

Florenz, frühe 1950ger Jahre © Walter Studer

Neben den gerahmten Fotografien an den Wänden sind die in den Schaukästen ausgestellten Briefe, Postkarten, Presseauseise, Vertragsformulare oder Reisepässe viel mehr als nur Dokumente. Sie verbinden Studers professionelle Arbeit mit seinem Selbstverständnis als jenes eines wachsamen Bürgers der Eidgenossenschaft. Gemeinsam kolorieren sie das Bild einer widersprüchlichen Schweiz. Es ist vor allem eine Gesellschaft, die von Männerwelten dominiert wird. Das noch 1959 in einer Volksabstimmung mit 67 Prozent abgelehnte Frauenmitbestimmungsrecht spiegelt sich in Studers Reportage eindrücklich wider. Vierschrötige, über jeden Zweifel erhabene bernische Charakterköpfe schauen den Betrachter der Fotografien selbstgewiss an.

Den Riss zwischen Tradition und Fortschrittsglauben, der die schweizerische Nachkriegsgesellschaft prägt, zeigen Studers Fotografien von 30.000 besorgten Bauern während einer Demonstration 1961 auf dem Bundesplatz. Der Zorn der Menschen entlädt sich in einem Krawall, der nur mit Polizeigewalt einzudämmen ist. Im fotografische Statement Die neue Zeit findet die Ausstellungskonzeption ihren Ausdruck, wie Studer diese widersprüchliche gesellschaftliche Entwicklung im Bild festhält.

Reportagen von Walter Studer – im Kornhausforum in Bern noch bis zum 05.08.2018 zu sehen – versichern dem Ausstellungsbesucher exemplarisch, dass nur jener einer Zukunft, die Demokratie und Freiheit weiterhin gewährleistet, gewiss sein kann, der um ihre Vergangenheit weiß. Sich dabei an Walter Studers Fotografien zu orientieren, ist eine empfehlenswerte Option.

05.07.2018

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Über Peter E. Rytz Review

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